Oktoberfest 1905

Steinbacher, Mercedes Müller, Matičević, Gedeck, Schalk, Lacant. Bierkampf auf Leben und Tod

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Foto Rainer Tittelbach

Intrigant und blutig geht die historische „Oktoberfest“-Serie der ARD in die zweite und letzte Runde. Gewalt scheint auch 1905 noch immer das probate Mittel zu sein, um Machtkämpfe zu gewinnen. Die Parallelwelt der „Deutschen Eiche“ mit Bier, Weib und pfundigem Gesang erscheint mitunter griffiger und süffiger als die endlosen Kämpfe um Bier und Firmenanteile, deren Dramaturgie anfangs einer Achterbahnfahrt gleicht. Folge 2 zieht in Sachen Dramatik und Emotionalität an, und ab der dritten Folge wird alles anders: Mit Martina Gedecks unberechenbarem Charakter kommt mehr Figuren-Ambivalenz ins Spiel – und damit auch eine (psychologische) Spannung, die sich bis zum packenden Serien-Showdown durchzieht; am Ende werden alle angerissenen Handlungsstränge wirkungsvoll zu Ende gebracht. „Oktoberfest 1905“ (BR, Degeto, MDR / Zeitsprung) ist nicht mehr so atemberaubend, die Bilderwelt reißt dennoch mit, und der Plot liegt irgendwo zwischen schwarzem Melodram, History-Kitsch & Shakespeare.

Der Bierkampf auf Leben und Tod geht weiter. Die Frontlinien haben sich ein wenig verschoben. Traditionsreiche Familien-Betriebe wie das Deibels Bräu haben es schwer. Plötzlich mischen die Banken mit. Curt Prank (Misel Maticevic), der intrigante und mordlustige Visionär, holt sich kreative Geschäftsideen fürs Oktoberfest da schon lieber aus Amerika. Eine Achterbahn auf einer Bier-Burg – das hat Europa noch nicht gesehen. Und auch seine Tochter Clara (Mercedes Müller) und sein verhasster Schwiegersohn Roman (Klaus Steinbacher) zieht es in Gedanken gen Chicago. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Als Pranks neues Wiesn-Prachtstück in Flammen aufgeht, eskaliert der Konflikt zwischen den Alphamännern und Clara, die es lange Zeit mit Vertrauen und Diplomatie versucht hat. „Wenn das Alte dem Neuen im Wege steht, wird es einfach weggefegt“: Pranks Maxime scheint sich fünf Jahre nach seinem großen Triumph gegen ihn zu wenden. Er will auf keinen Fall mit dem skrupellosen Bankier Adam Mertz (Rainer Bock) kungeln, wie es Roman vorhat. Oder vielleicht doch? Dem impulsiven Machtmenschen ist alles zuzutrauen: Eine Erpressung der eigenen Tochter, die ihrem Roman untreu geworden ist, ja, sogar einen Pakt mit seiner Erzfeindin Maria Hoflinger (Martina Gedeck), deren Mann und Sohn er auf dem Gewissen hat, kann er sich vorstellen.

Oktoberfest 1905Foto: BR / Degeto / MDR / Zeitsprung / Kotschi
Wird Curt Prank (Mišel Matičević) Opfer seiner eigenen Maxime? „Wenn das Alte dem Neuen im Wege steht, wird es weggefegt.“

Intrigant und blutig geht die historische „Oktoberfest“-Serie der ARD in die zweite und letzte Runde. Gewalt scheint auch 1905 noch immer das probate Mittel zu sein, um Machtkämpfe zu gewinnen. Am Ende hat jeder aus den beiden Brauerei-Dynastien mindestens einen Mord begangen. Selbst Clara, diese zarte Schönheit, erstach aus Notwehr in Staffel 1 den brutalen Ehemann von Colina Kandl (Brigitte Hobmeier), die die Tat allein auf sich nahm, und fünfeinhalb Jahre ins Zuchthaus ging. Jetzt wurde die ehemalige Wortführerin der Wiesn-Bier-Madln entlassen – und sie findet in der Wirtschaft „Deutsche Eiche“ ein neues Zuhause. Hier hat die resolute Nappi (Lisa Maria Potthoff) das Sagen; sie hat ein Herz für die (sexuell) Unangepassten, die Ausgestoßenen, für Dirnen und Gesetzlose. Die beiden verlieben sich ineinander, ohne dabei den Blick fürs Politische, die eigenen Überzeugungen, zu verlieren. Nachdem Nappi die Schanklizenz wegen Verstoßes gegen die guten Sitten entzogen wurde, kommen ihr Bruder Carl Samuel (Daniel Christensen) und Colina auf eine brillante Idee: „Sechs nackerte Weiber auf stolzen Rössern.“ Jetzt müsste beim Schaureiten im Schaustellerzelt nur noch der Bierausschank erlaubt sein. Dass das Trio inklusive der im Stil der Zeit gewandeten Weibsbilder das irgendwie hinkriegen – mit Hilfe femininer Reize, einem Tüchlein Chloroform und eines Fotographen ist anzunehmen und gehört zu den wenigen Wohlfühlentlastungsmomenten in den 180 Minuten. Augenzeuge dieser Darbietung im legendären Hippodrom wird man als Zuschauer*in natürlich nicht. Wohl weniger aus Furcht vor Voyeurismus als aus Kostengründen. Und so gibt es denn auch keine neuen Bilder vom „Oktoberfest 1905“. Das allerdings entspricht dem narrativen Ansatz, die familieninternen Machtkämpfe ins Zentrum der zweiten Staffel zu stellen.

Oktoberfest 1905Foto: BR / Degeto / MDR / Zeitsprung / Pick & Kotschi
Oben: In der Wirtschaft „Deutsche Eiche“ geht es bacchanalisch und sinnlich zu. Maximilian Gehrlinger, Cynthia Oblas, Stella Goritzki, Emilie Jumeaux, Meta Luis, Lina Zaraket. Unten: Colina Kandl (Brigitte Hobmeier), „der Singvogel aus dem Zuchthaus“, fühlt sich in der Münchener Bohème sauwohl, singt pfundige Lieder und verliebt sich in Nappi (Lisa Maria Potthoff), die Chefin.

Die Parallelwelt der „Deutschen Eiche“ mit Bier, Weib und Gesang (von Brigitte Hobmeier, mit pfundigen Liedern der Mundart-Band „Dreiviertelblut“) erscheint mitunter griffiger und süffiger als die endlosen Kämpfe um Bier und Firmenanteile, deren Dramaturgie anfangs einer Achterbahnfahrt gleicht. „Oktoberfest 1905“ beginnt gewöhnungsbedürftig. Folge 1 wirkt wie ein kurzatmiges, überkompaktes Szenen- und Konflikt-Hopping ohne echte Spannungsbögen, auch wenn der Score von Michael Klaukien geschickt davon abzulenken versucht. In Folge 2 steigern sich die Geschichten in ihrer Dramatik, Emotionalität & tragischen Dichte, bekommen mitunter etwas Fiebriges, Trauma-artiges, Schicksalhaftes. Prank sitzt im Knast und erinnert sich besserer Tage. Clara ist hin- und hergerissen zwischen dem häuslichen Rosenkrieg und den säuselnden Worten ihres russischen Verehrers (Slavko Popadic). Colina schleicht schamgebeugt durch die Szenerie, geplagt von ihrer Vergangenheit, von Mord, Zuchthaus und der Angst, von ihrem Sohn Maximilian (Marwin Haas) gehasst zu werden. Maxi taumelt nicht weniger, als er seine Mutter, die Mörderin seines Vaters, in der „Deutschen Eiche“ singen hört. Und Roman hadert mit seinen Sünden, dem Wegsperrren seiner eigenen Mutter, wähnt die Brauerei schon im Bankrott, gäbe es da nicht diesen aalglatten Banker. Zu alldem passt der rastlose Erzählrhythmus besser als in der Auftaktfolge. Diesen Eindruck unterstützt die auch diesmal wieder formidable Inszenierung (nach Hannu Salonen führt Stephan Lacant Regie), die wunderbar im Düsteren fast surreale Szenarien erschafft, die allerdings kaum noch diese beeindruckenden Tableaus der ersten Staffel sucht. Ab der dritten Folge wird dann alles ganz anders: Mit Martina Gedecks unberechenbarer Maria Hoflinger kommt Drama und Figuren-Ambivalenz ins Spiel – und damit auch eine (psychologische) Spannung, die sich bis zum Showdown in der vierten Folge durchzieht. Endlich werden die Szenen länger, nuancierter, intensiver.

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Carla (Mercedes Müller) vertraut ihrem Vater, und wird von ihm immer wieder enttäuscht. Sie gäbe viel für den Familienfrieden.

Mit sechs Folgen wie in Staffel 1 hätte es möglicherweise diesen holprigen, irritierenden Start nicht gegeben – andererseits sind vier Folgen für den Gehalt dieser Staffel die passende Länge und der richtige Zeitaufwand: Münchner Belle Époche und Gesellschaftspolitisches bleiben weitgehend außen vor, mit intelligenten Subtexten wird gegeizt – und das Intrigantenstadl ist schlichtweg irgendwann ausgereizt. Bei zwei Folgen mehr und derselben Geschichte wäre man wohl nicht umhingekommen, sich die Sinnfrage dieser Serie deutlicher zu stellen. So aber ist die effektvoll dargebotene Dauerfehde, die physische Kraft der Erzählung und damit das Reizen der Zuschauer-Sinne der gute Endzweck von „Oktoberfest 1905“. Anfangs plottet sich das Autorenteam um Headwriter Ronny Schalk clever, aber nicht immer plausibel durch den Stoff. Dazu gehören Hoflingers Entlassung aus der Psychiatrie, ausgerechnet durch ihren Erzfeind, und das, was folgt; allerdings lässt sich dies auch als Ironie des Schicksals lesen. Prank ist sowieso von Beginn an ein dem Tod Geweihter, wie ihm sein Arzt mitteilt. Dass er sich davor mit Roman auf weißblaue Art duelliert (packender als manch Western-Showdown) und offenbar als Sieger vom Platz geht, sieht man bereits in der ersten Szene der neuen Staffel. Auf der Zielgeraden werden die angerissenen Handlungsstränge souverän & wirkungsvoll zu Ende gebracht. Und so liegt diese Serie, bei der Netflix als Zweitverwerter sicherlich auch diesmal nicht nein sagen wird, thematisch und dramaturgisch irgendwo zwischen schwarzem Melodram, History-Kitsch und Shakespeare. „Habgier, Neid, Niedertracht, Hochmut, Wollust“ werden nicht nur im Dialog angesprochen. Ob der alttestamentarische Rachegedanke, der die Handlung antreibt, wohl auch am Ende über die Vernunft obsiegt?

„Oktoberfest 1900“, die erste, mehrfach preisgekrönte Staffel, wird zeitnah vor der zweiten Staffel im BR ausgestrahlt und ist anschließend auch in der ARD-Mediathek zu sehen. Außerdem sind die sechs Folgen unter dem Titel „Oktoberfest – Beer & Blood“ auf Netflix abrufbar. Und hier gibt es die ausführliche tittelbach.tv-Kritik dazu.

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2 Antworten

  1. Also dieser Staffel kann man noch weniger abgewinnen als der letzten. V.a. da nur familieninterne Machtkämpfe thematisiert werden und das Oktoberfest fast gar nicht vorkommt. Das Ganze größtenteils im Halbdunkel gedreht. Und schon meint man was Besonderes geschaffen zu haben. Die Story ist hanebüchen und Mord völlig normal und an der Tagesordnung. Ob mit der Machete, mit Gift oder der Heugabel, Hauptsache Blut. Nur dem Sex hätte man ein bisschen mehr Raum einräumen sollen. Am unglaubwürdigsten unter all dem Quatsch das Handeln der Hoflinger-Mutter, schade, dass sich Martina Gedeck sich für so einen Schmarrn hergibt. Ich würde sagen ein drittklassiger bavarian Western, den keiner wirklich braucht. Und mutige Journalisten sehen das auch so, wohingegen der Mainstream natürlich das Ganze wieder toll findet. Vergeudete Zeit.

  2. Super Schauspieler. Exzellente Kamera, Aussstattung. Drehbuch Null. Babylon Berlin auf bayrisch – oder was? 4 -teiliger Quatsch mit Pistolen. Was soll das?

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Mit Klaus Steinbacher, Mercedes Müller, Mišel Matičević, Martina Gedeck, Brigitte Hobmeier, Lisa Maria Potthoff, Marwin Haas, Rainer Bock, Michael Kranz, Slavko Popadic, Daniel Christensen

Casting: Marc Schötteldreier

Kamera: Michael Kotschi

Szenenbild: Julian Augustin

Kostüm: Catherine Marchand

Schnitt: Lukas Meissner, Marco Pav D’Auria, Benjamin Kaubisch

Musik: Michael Klaukien

Redaktion: Daniela Boehm (BR), Bettina Ricklefs (BR), Christoph Pellander (Degeto), Meike Götz (MDR)

Produktionsfirma: Zeitsprung Pictures, Violet Pictures

Produktion: Alexis von Wittgenstein, Michael Souvignier, Till Derenbach

Headautor*in: Ronny Schalk

Drehbuch: Ronny Schalk, Dirk Eisfeld, Dani Merkel, Benjamin Sailer

Regie: Stephan Lacant

Quote: (alle 4 Folgen): 2,16 Mio. Zuschauer (11,7% MA)

EA: 12.09.2025 20:15 Uhr | ARD-Mediathek

weitere EA: 20.09.2025 20:15 Uhr | ARD

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