Thüringenkrimi – Gerechtigkeit

Emily Cox, Golo Euler, Schneider, Eryilmaz, el Bitar, Kennel. Spricht mit den Toten, lacht mit den Lebenden

Foto: ZDF / Adrian Gross
Foto Tilmann P. Gangloff

Das ZDF hat einen sehr interessanten Weg gefunden, um den Krimis aus Jena zu einem gelungenen Neustart zu verhelfen. Mala Murphy spricht zwar ebenfalls mit den Toten, aber Emily Cox interpretiert ihre Rolle als Rechtsmedizinerin im „Theresa Wolff“-Nachfolgeformat „Thüringenkrimi“ (Ziegler Film) ganz anders als Nina Gummich. Golo Euler ist ihr als neuer Kommissar ein ebenbürtiger Partner und bringt im Auftaktfilm mit kleinen Heiterkeiten ein weiteres frisches Element ins Spiel. Die Krimistory ist ohnehin klasse und hat zudem einen Knüller zu bieten, der selbst erfahrene Krimifans verblüffen wird.

ARD und ZDF sind vor einiger Zeit dazu übergegangen, bei Reihen und Serien die zentrale Besetzung stillschweigend auszuwechseln. Natürlich ist es nachvollziehbar, dass die Sender nicht auf eine eingeführte Marke verzichten wollen, bloß weil ein Schauspieler neue Herausforderungen sucht; ein Geschmäckle hat’s trotzdem. Für „Theresa Wolff“ hat das ZDF einen sehr eleganten Kompromiss gefunden. Nina Gummich wäre ohnehin nicht zu ersetzen gewesen, zumal sie die Titelfigur auf ganz spezielle und im Grunde unnachahmliche Weise verkörpert hat. Mit dem Neustart der Reihe als „Thüringenkrimi“ betont der Sender den regionalen Faktor, bleibt der personellen Konstellation jedoch treu: hier eine etwas eigenwillige Rechtsmedizinerin, die sich gern in die Ermittlungen einmischt, dort ein Hauptkommissar, dem das zwar nicht passt; aber die kriminalistische Expertise der Ärztin nötigt ihm doch Respekt ab.

Thüringenkrimi – GerechtigkeitFoto: ZDF / Adrian Gross
Mala Murphy (Emily Cox) und Bernhard Zeidler (Peter Schneider): Die beiden sind sich auf Anhieb sympathisch. So ein Einstand ist auch erfrischend für den Zuschauer. Murphy hat zwar wie Theresa Wolff „Probleme“, doch die macht sie mit sich selbst aus.

Während Wolff als Eigenbrötlerin gewisse Defizite bei der sozialen Kompetenz hatte, weshalb ihr die Toten näher waren als die Lebenden, ist die frisch aus Dublin eingetroffene Mala Murphy herzlich und empathisch. Ihre Sprachnachrichten an den Sohn lassen allerdings erahnen, dass sich hinter der Fröhlichkeit eine düstere Seite verbirgt. Weil die in Österreich aufgewachsene Emily Cox die Tochter eines Briten und einer Irin ist, konnte die Rolle um entsprechende biografische Details ergänzt werden. Da auch Aurel Manthei die Reihe verlassen hat, haben gleich beide Hauptfiguren eine neue Ausrichtung bekommen: Golo Euler versieht den offenbar auf eigenen Wunsch aus Erfurt nach Jena versetzten Kommissar Moritz Herbst im Unterschied zum Vorgänger, der seinen Kommissar eher kantig angelegt hat, mit einer sympathischen heiteren Note. Im Team geblieben ist Sahin Eryilmaz als Ceyhan Topal. Die beiden Ermittler kennen sich von früher und sind mehr als bloß Kollegen.

Topals Hoffnung, die neue Rechtsmedizinerin werde nicht ebenfalls mit den Toten sprechen, bleibt jedoch ein frommer Wunsch: Dieses Rollenmerkmal hat Autorin Khyana el Bitar auch für Murphy übernommen. In ihrem ersten Fall ist das zudem weit mehr als eine Marotte, denn die Leiche auf ihrem Autopsietisch birgt ein Geheimnis. Wie in den Filmen mit Nina Gummich taucht die Frau auch leibhaftig in den Räumen des Instituts auf, sodass aus der einseitigen Ansprache ein Dialog wird, selbst wenn die von Janina Stopper kühl und mysteriös angelegte Sophie Nöll die Antworten schuldig bleibt. Die Ärztin hat eine besondere Beziehung zu ihrem Obduktionsobjekt: Die Familienrichterin ist bei einem Autounfall gestorben, Murphy war zufällig als erste am Unfallort. Weil sie Fotos der Leiche gemacht hat, wurde sie gleich mal mit auf die Wache genommen. Die Umstände sind zunächst rätselhaft, die Frau ist ungebremst gegen einen Baum gefahren. Ein anderer Autofahrer hat einen Blitz wahrgenommen, und tatsächlich ergibt die Untersuchung der Netzhaut, dass Nöll offenbar gezielt geblendet worden ist. Wegen ihrer oft umstrittenen Sorgerechtsurteile hat sie ständig Hass-Mails und Morddrohungen bekommen; entsprechend umfangreich ist die Liste der Verdächtigen.

Thüringenkrimi – GerechtigkeitFoto: ZDF / Adrian Gross
Mala Murphy (Emily Cox) und ihre erste Tote im neuen Amt: die am Steuer verunglückte umstrittene Familienrichterin Sophie Nöll. Die zwei haben mehr Gemeinsamkeiten als der Frau aus Dublin lieb ist. Ein Highlight des Films: die telegenen Labor-Aufnahmen.

Regie führte Judith Kennel, die unter anderem die ZDF-Reihe „Unter anderem Umständen“ geprägt hat. Nennenswerte gestalterische Akzente setzt ihre Inszenierung allerdings nicht. Sehenswert ist „Gerechtigkeit“ daher neben der clever konzipierten Krimistory vor allem wegen der Arbeit mit dem Ensemble, zumal auch die Nebenfiguren stärker in den Vordergrund rücken. Davon profitiert vor allem Peter Schneider. Als Kollege von Theresa Wolff neigte Rechtsmediziner Zeidler stets zu einer gewissen Unleidlichkeit; im Umgang mit der von ihm rückhaltlos als Koryphäe bewunderten Mala Murphy erweist er sich als vollendeter Gentleman. Auch der Figur von Sahin Eryilmaz, ohnehin ein Schauspieler von enormer Präsenz, tut der veränderte Teamgeist gut.

Trotzdem lebt der Film in erster Linie von dem Rätsel, das der Leichnam der verstorbenen Richterin darstellt. Sie galt als „tough cookie“; einen Mann in gleicher Position hätte man früher als „harten Hund“ bezeichnet. Der Körper verrät Murphy jedoch, dass es in der Frau buchstäblich ganz anders aussah, doch den eigentlichen und in der Tat völlig überraschenden Knüller hat sich el Bitar für den Auftakt zum letzten Akt aufgehoben. Diese Verzögerungstaktik ist typisch für ihr Drehbuch: Gleich mehrere Sachverhalte werden zunächst bloß angedeutet, und nicht alle sind bis zum Schluss geklärt. Dazu gehört auch der Running Gag des Films: Angeblich hatte Murphy mal eine Affäre mit keinem Geringeren als Ed Sheeran.

Thüringenkrimi – Gerechtigkeit
Murphy (Emily Cox) ist ungeduldig und mischt sich ein, wenn ihr der deutsche Polizeiapparat zu lahm ist. Kommissar Herbst (Golo Euler) mag es nicht, übergangen zu werden, aber gegen dieses Lächeln ist er machtlos. Die Beziehung der beiden kann sich noch eine Episode weiterentwickeln. Dann geht Cox in Elternzeit, und Gummich kehrt vorerst für einen Film aus ihrer Elternzeit zurück.

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1 Antwort

  1. Auch wenn Nina Gummich in ihrer Parade-Rolle wahrlich nicht zu ersetzen ist, hat „die Neue“ ihre Sache doch recht gut gemacht. Auch Golo Euler gefällt mir gut in dieser Rolle. Der interessante Plot hat dabei auch gut mitgeholfen, diesen Neuanfang interessant zu gestalten, auch wenn der Plot vielleicht von zu vielen Zufällen getrieben ist, z.B. ausgerechnet Murphy ist als Erste beim Autounfall, und auch später der Kontext mit der verwesten Leiche.
    Solche fast unmöglichen Zufälle tauchen in letzter Zeit des Öfteren in den Thüringer Fällen auf. O.K, aber bitte nicht weiter übertreiben. 4,5 von 6 Sternen

    Mal abwarten, wie es in Thüringen weitergeht.

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Reihe

ZDF

Mit Emily Cox, Golo Euler, Peter Schneider, Sahin Eryilmaz, Janina Stopper, Pia Barucki, Max Woelky, Carl Bagnar, Mohamed Achour

Kamera: Nicolay Gutscher

Szenenbild: Jürgen Schäfer

Kostüm: Judith Holste

Schnitt: Dora Vajda

Musik: Johannes Kobilke

Soundtrack: Ed Sheeran („I See Fire“, „Photograph“)

Redaktion: Matthias Pfeiffer

Produktionsfirma: Ziegler Film

Produktion: Tanja Ziegler

Drehbuch: Khyana el Bitar

Regie: Judith Kennel

Quote: 6,47 Mio. Zuschauer (26% MA)

EA: 31.12.2025 10:00 Uhr | ZDF-Stream

weitere EA: 07.02.2026 20:15 Uhr | ZDF

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