Komplexe Täter-Opfer-Dynamiken verleihen der Dramaturgie von „naked“ immer wieder neue Wucht. Einen „authentischen Zyklus von Sucht und Co-Abhängigkeit“ nennt Drehbuchautorin Silke Eggert die fiktive Erzählung. Der Sechsteiler beruht auf persönlichen Erfahrungen der Head-Autorin. Lange vor Drehbeginn stand Eggert vor der Frage, die viele Zuschauer und Zuschauerinnen umtreiben dürfte. Sexsucht – gibt es das wirklich? Oder – zwinker zwinker – ist es einfach die faszinierendste Möglichkeit gleichzeitig Lust, Sex und Sucht in aufregende Bilder zu kleiden. Die Fakten: Sexsucht – präziser als „zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung“ klassifiziert – ist heute als wissenschaftlich anerkanntes Krankheitsbild gelistet, entspricht aber eher einer Impulskontrollstörung als einer klassischen Suchterkrankung. Die Gruppentherapie nach dem Modell der Anonymen Alkoholiker hilft, um Kontrolle oder Abstinenz zu fördern.
Foto: WDR / Fandango Film
Mit den ersten Nahaufnahmen schweißnasser Körper nimmt der Sog von „naked“ seinen Lauf. Der erste Kuss ist als Biss in den Hals noch der Maskierung verpflichtet. Aber das Spielerische des Anfangs verfliegt. Die Maskierung, ein paar leichte Dialoge und unverbindliche Zärtlichkeiten werden von sexuellem Verlangen hinweggefegt. Am Ende des ersten Mals friert das Bild ein. Ein Erschrecken: Der Sex zwischen Marie (Svenja Jung; „Der Palast“, „Ein Mann seiner Klasse“, „Sterben für Beginner“) und Luis (Noah Saavedra, „Lotte am Bauhaus“) ist intensiv, brutal bis sie blutet. Und doch: Wenn die Kamera danach jeden für sich einfängt, erzählt ein Lächeln vom Einverständnis. Erste Irritationen erkennt man bei Luis. Ein Zittern, wenn er – obwohl ernsthaft in Marie verliebt – Nähe ohne Sex kaum aushält. In kurzen Schnitten schieben sich Bilder seiner sexuellen Fantasien vor das eigentliche Geschehen. Das Eindringen dieser Vorstellungen in eine real sich anders gestaltende Situation machen Luis Angst. In dieser Verfassung sieht er jedes Gegenüber nur als Sex-Objekt, interpretiert jede Geste als sexuelles Signal. Beiläufig genannte Namen evozieren blitzhafte Nacktbilder vor seinem inneren Auge. So getriggert, bleibt nur die Flucht.
Kunstlehrerin Marie spricht mit ihrer besten Freundin Lilith (Malaya Stern Takeda) über ihre aufregenden Dates mit Luis. „Grenzüberschreitungen gehören doch zum Sex dazu“, sagt sie. „Dazu muss man erstmal seine Grenzen stecken“, antwortet ihre Mitbewohnerin. Gemeinsam mit Maries kleinem Sohn leben die beiden zwischen abgeschabten Küchenmöbeln, ausgebeulten Polstern, Sofakissen und Kuschelecken. Lebendig, kommunikativ, gemütlich. Im Gegensatz dazu die Lebenswelten von Luis: In seinem Appartement sitzt er vor leeren Regalen, im Büro sitzt der Werber wie in einer Kapsel vor seinem Rechner. Abgeschirmt von den Bewegungen um ihn herum. Hier wie dort gleicht Luis einem Seelenverwandten von Michael Fassbender in der Rolle des sexbesessenen Brandon in Steve McQueens Kinodrama „Shame“ (2011). Am dritten Schauplatz bewegt sich Luis getrieben, aber sicher durch den Raum. Im Sexclub trifft er auf Gleichgesinnte. Unausgesprochenes Einverständnis bewahrt vor Missverständnissen. Die Kamera folgt Luis oft in derselben Einstellungsgröße durch die Räume. Er bleibt gleich, nur die Welt um ihn verändert sich. Regisseurin Bettina Oberli („37 Sekunden“, „Tannöd“) lässt die gegensätzlichen Schauplätze so miteinander verschmelzen.
Foto: WDR / Fandango Film
Die „Luis-Perspektive“ bricht, sobald seine sexuelle Gier außer Kontrolle gerät. Wir folgen ihm nicht mehr von hinten, wir blicken von vorn in seine starren Augen. In Gegenschnitten kulminiert zum Ende der zweiten Episode Lions erster „Rückfall“ mit Maries Rückzug aus der Beziehung. Während er mit seiner Ex Verena und wechselnden Partnerinnen im Club in dunklem Blau- und Rotlicht einem tiergleichen, eher erzwungenem als lustvollem Sexspiel verfällt, liest Marie ihrem Sohn Santos (Thore Anker) eine Gute-Nacht-Geschichte vor. Ihre Stimme liegt schließlich über den Bildern kopulierender Körper, die nicht zum Höhepunkt kommen. Wo in manchen Szenen einfach ein paar Klaviertöne tröpfeln, steigern sie sich jetzt zu harten, mechanischen Beats.
Das Klavier kehrt nach der Aussprache zwischen Marie und Luis zurück. Die beiden umarmen sich im Sonnenlicht, die Kamera umkreist sie wie ein sorgenloses Liebespaar. Es folgt der gemeinsame Gang zum sexualmedizinischen Institut, die erste Sitzung in einer Therapiegruppe anonymer Sexsüchtiger und vorsichtige Gespräche über die Alkoholsucht von Luis Vater (Karl Markovics). Die Therapeutin empfiehlt 90 Tage Enthaltsamkeit. Elf Tage halten die beiden durch. Dann folgen neue Versuche und Regeln. Abseits des roten Fadens lebt „naked“ von fein beobachteten Momenten. Als Luis Ex-Freundin Verena (Hanna Hilsdorf), ein gerichtlich gefordertes Kontaktverbot unterschreibt, versteht der Zuschauer, dass sich Luis damit von einem Teil seiner selbst verabschiedet. Wenn Marie und Luis ihre eigenen Regeln aufstellen, um sexuelle Experimente weiterhin zuzulassen, spüren wir Maries Zerrissenheit zwischen Vernunft und ihrer Lust an der Grenzüberschreitung. In einem Experiment verbindet „naked“ auch dem Zuschauer die Augen, schickt ihn weg und lässt ihn später wieder zusehen. Das führt dem Publikum die eigene Position vor Augen.
Selbsterklärend erzählt „naked“ viel über Blicke. Mal begehrend, mal fragend, manchmal tränennass oder glanzlos niedergeschlagen. Als Marie und Luis beschließen, ihre eigenen Regeln aufzustellen und die Therapie abzubrechen, verabschiedet sich die Therapeutin von Marie mit den Worten „Auf Wiedersehen“ – und einem vielsagenden Blick. „naked“ geht ans Eingemachte und ins Offene. Über sechs Episoden sehenswert.

