Im Grunde Mord – Blutsbande

Hanna Plaß, Benkhofer, Kramer, Rogall, Grass. Zottelmonster und andere Unholde

Foto: ZDF / Frank Dicks
Foto Tilmann P. Gangloff

Der Auftakt zur zunächst mindestens dreiteiligen ZDF-Krimireihe mit Hanna Plaß als frisch in ihre ostwestfälische Heimat zurückgekehrte Kommissarin nervt anfangs durch einen unnötigen Geschwisterkonflikt, aber der Fall ist interessant: Eine rechtsextremistische Gruppierung will mit Anschlägen auf die Infrastruktur Ängste schüren, damit die Leute eine ganz bestimmte Partei wählen. Zu viele Nebenebenen lassen „Blutsbande“ (Network Movie) allerdings thematisch überfrachtet wirken.

Vermutlich ist die Zahl der Tötungsdelikte in Ostwestfalen auch nicht höher als am Bodensee oder im Berchtesgadener Land. Die Statistik ist generell seit Jahren rückläufig, und in der Provinz wird ohnehin deutlich seltener gemordet als in den Metropolen, aber es ist natürlich schon rein optisch ungleich reizvoller, einen Krimi in beschaulicher Umgebung anzusiedeln. Dabei deutet zunächst nichts darauf hin, dass es sich bei dem Sturz eines jungen Mannes von den Externsteinen im Teutoburger Wald um ein Verbrechen handelt. Trotzdem besteht Kommissarin Paula Schäfer auf einer Obduktion, und tatsächlich weist der Körper eine frische Stichwunde auf. Die war zwar nicht tödlich, legt jedoch die Vermutung nahe, dass der Todesfall kein Suizid war.

So weit, so normal, jedenfalls für einen TV-Krimi. Bevor sich Stefan Rogalls Drehbuch auf die Ermittlungen konzentrieren kann, kommt es zu einem geschwisterlichen Zickenkrieg, den nicht nur die zunehmend genervte Staatsanwältin alsbald als „Kinderkram“ empfindet. Dass neue Ermittlungs-Teams immer erst mal ihre internen Animositäten überwinden müssen, ist ein völlig abgenutztes Stilmittel, selbst wenn sich der Grund für die Zwistigkeiten nachvollziehen lässt: Paulas älterer Bruder Leon (Jakob Benkhofer), ebenfalls Polizist, ist immer noch sauer, weil die Schwester (Hanna Plaß) lieber in Hamburg Karriere machen wollte, anstatt sich gemeinsam mit ihm um den dementen Vater (Rainer Reiners) zu kümmern. Nun ist sie auf Wunsch von Staatsanwältin Britta Everslage (Ann-Kathrin Kramer) vorübergehend als Teamleiterin nach Detmold zurückgekehrt, was prompt zu permanenten Reibereien führt: Leon hat offensichtlich keine Lust, sich von seiner kleinen Schwester ’herumkommandieren zu lassen, zumal Paula als Vorgesetzte unangenehm „bossy“ ist.

Im Grunde Mord – BlutsbandeFoto: ZDF / Frank Dicks
Die Monster gehen um im Teutoburger Wald. Annika Lorenz (Philine Schmölzer) wird von zwei maskierten Männern überfallen.

Jenseits dieser wenig zielführenden Streitereien erzählt Rogall eine Geschichte, die nach und nach eine ungleich größere Relevanz entwickelt. Im Auto des Opfers finden sich mehrere Kilos eines Düngemittels, aus dem sich mit entsprechenden Kenntnissen Sprengsätze herstellen lassen. Ein Kontaktmann beim Verfassungsschutz informiert Paula über eine rechtsextremistische ostwestfälische Gruppierung: Die „Ahnenerben“ wollen mit Anschlägen auf die Infrastruktur Ängste schüren, damit die Leute eine ganz bestimmte Partei wählen. Als Drahtzieher gilt ein Dachdecker, für den der Tote zu Lebzeiten vorübergehend gearbeitet hat; ebenso wie der Mann, der vergeblich versucht hat, das Sturzopfer zu reanimieren.

Bis zu diesem Punkt ist das Handlungsgerüst stringent, aber dann wird die Geschichte aufgrund diverser Nebenebenen unübersichtlich. Meist wird in solchen Fällen der Autor gescholten, aber Drehbücher gehen durch viele redaktionelle Hände, was ihnen nicht immer guttut. Gleich, wem’s am Ende anzulasten ist: Der Film wirkt irgendwann hoffnungslos überfrachtet, denn neben ihrem eigenen Familienkram müssen sich die Geschwister auch noch mit anderen Themen befassen. Eine junge Frau wird von ihren Eltern zu einer Abtreibung genötigt, die entsprechende Praxis – sie gehört der Freundin (Julia Jäkel) von Britta Everslage – wird verwüstet, und der aussichtsreiche Kandidat für die anstehende Bürgermeisterwahl drangsaliert seinen Sohn nach Strich und Faden. Der Unternehmer wird von Bernhard Schir verkörpert, der mutmaßlich rechtsradikale Dachdecker von Sebastian Schwarz; damit sind die Schurkenrollen bereits durch die Besetzung festgelegt. Und dann gibt es noch ein Rätsel, das mit Erfolg die Neugier auf die zwei bereits fest eingeplanten Fortsetzungen schürt: Gerlind Schäfer, die Mutter der Geschwister, ist an Krebs gestorben, als Paula noch ein Kind war. Zuvor hat sie ihrer besten Freundin Britta das Versprechen abgenommen, stets ein Auge auf die beiden Kinder zu haben. Seither hütet die Staatsanwältin ein Geheimnis: Irgendwas ist bei Gerlinds Tod nicht mit rechten Dingen zugegangen, wie Rogall die Staatsanwältin mehrfach andeuten lässt.

Im Grunde Mord – BlutsbandeFoto: ZDF / Christine Schroeder
Zwei Prominente im Cast: Ann-Kathrin Kramer als Staatsanwältin und der Mann, der häufig Bösewichte spielt: Bernhard Schir.

Regie führte Bruno Grass, dessen letzte Arbeiten für die ZDF-Krimireihen „Wendland“ und „Theresa Wolff“ ausnahmslos sehenswert waren. In „Blutsbande“ wird die Spannung allerdings mitunter künstlich auf die Spitze getrieben, weil vor allem die Musik (Florian Tessloff) für Nervenkitzel sorgt; zum Ausgleich gibt es einige sehr hübsch gestaltete Einstellungen (Kamera: Nicolay Gutscher). Auch darstellerisch ist der Film überzeugend. Wenn eine Horde Zottelmonster ihr Unwesen treibt, bedient sich Grass sogar beim Horrorgenre, und die bizarre Felsformation der Externsteine ist ohnehin ein faszinierender Schauplatz.

tittelbach.tv ist mir was wert

Mit Ihrem Beitrag sorgen Sie dafür, dass tittelbach.tv kostenfrei bleibt!

3 Antworten

  1. Bitte nicht noch einen weiteren Krimi!
    Ich empfinde es als äußerst schade, wenn man im öffentlich-rechtlichen Fernsehen fast jeden Tag einen Krimi „sehen muss“, weil einfach die Alternativen fehlen. Warum gibt es denn kein TV-Drama über den Anschlag von Magdeburg? Warum gibt es keine Serie über die COVID-Pandemie? Warum gibt es keinen Film über schwere Unfälle/Krankheiten oder weitere Lebenskrisen? Warum gibt es keinen Film über die große Ungleichheit an Einkommen, bei uns in Deutschland und wie viele Menschen, in Deutschland, trotz Arbeit, von Armut betroffen sind? Warum gibt es keinen Film über Angriffe auf Rettungskräfte und Polizei?…….Auch wenn viele Krimis, so auch dieser „gut“ ist, so würde ich doch etwas mehr Vielfalt bevorzugen.

  2. Fängt ja nicht schlecht an, entpuppt sich aber bald als aneinandergereihtes Sammelsurium an allen nur denkbaren, deutsche Hinterwädler-Provinz-Klischees.

    Dazu das übliche Durcheinander and falschen Spuren und eine etwas übereifrige, aber dennoch dusslige Polizistin, die sich sogar die Dienstwaffe klauen lässt und zugleich mit ihrem Kollegen/Bruder im chronischen, geschwisterlichen Kindergarten-Clinch liegt.

    Alles sehr 08/15. Hat man alles schon anderswo und das meistens besser gesehen, inklusive diverser, ebenso klischeeüberladener Familiendramen samt Elternarschlöchern diverser Prägungen und entsprechend gestörten, inzwischen erwachsenenen „Kindern“ und rechtsradikalen Bösewichten (hinter Tiermasken „getarnt“, obwohl’s ein Hoodie oder eine Sturmhaube wohl auch getan hätte.).

    Aber es hätte auch noch schlechter sein können. Frau Plaß und Frau Schmölzer spielen immerhin ihre Rollen überzeugend, während vor allem die Herren Schir und Felipe wenig glaubwürdig, weil maßlos übertrieben und gekünstelt rüberkommen.

    Kann man sich ansehen, man verpasst aber auch nichts, wenn nicht…

  3. Schade, aus dem Krimi hätte man mehr machen können. Ein unmögliches Verhalten der Kommissarin gegenüber dem gesamten Team und die Spannungen innerhalb der Familie prägen den gesamten Krimi. Ich kann diesen Krimi überhaupt nicht empfehlen.
    Auch ich würde mich über Vielfalt im Fernsehprogramm freuen. Die „Flut“ an Krimis geht mir oft „auf die Nerven“. Ja, wir brauchen auch mal ein oder zwei Krimis pro Woche, wir brauchen den Liebesfilm, genauso wie die Komödie. Doch ganz besonders brauchen wir Filme mit gesellschaftlichem Hintergrund. Da fehlen auch mir Filme und Serien, wie zur COVID-Pandemie, wie zum Unglück von Crans Montana, zu verschiedenen Krankheiten. Könnte ich das Fernsehrprogramm bestimmen, so würde es bei mir 1 bis 2 krimis pro Woche geben, eine Komödie, eine Arztserie, einen Liebesfilm und einen Film/Serie mit gesellschaftlcher Relevanz. Auch in Arztserien würde ich mir etwas mehr Realität im deutschen Fernsehen wünschen, wie die Behandlung von schweren Krankheiten, Unfälle, Sterben….

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Reihe

ZDF

Mit Hanna Plaß, Jakob Benkhofer, Ann-Kathrin Kramer, Rainer Reiners, Robert Schupp, Kristin Alia Hunold, Bernhard Schir, Ben Felipe, Philine Schmölzer, Helene Grass, Sebastian Schwarz, Julika Jenkins

Kamera: Nicolay Gutscher

Szenenbild: Frank Godt

Kostüm: Carola Neutze

Schnitt: Claudia Wolscht

Musik: Florian Tessloff

Soundtrack: Tindersticks („Always A Stranger“)

Redaktion: Daniel Blum

Produktionsfirma: Network Movie,

Produktion: Bernd von Fehrn, Anne-Lena Dwyer

Drehbuch: Stefan Rogall

Regie: Bruno Grass

Quote: 5,83 Mio. Zuschauer (25,2% MA)

EA: 11.04.2026 10:00 Uhr | ZDF-Stream

weitere EA: 20.04.2026 20:15 Uhr | ZDF