Welchen Einfluss hat die frühe Kindheit auf unser späteres Leben? Unter anderem mit dieser Frage beschäftigt sich das Familiendrama „Elodie“ von Esther Bernsdorff (Drehbuch) und Nicole Weegmann (Regie) – allerdings komplett ohne Psycho-Couch und therapeutische Sitzungen. Stattdessen nimmt die Titelfigur die Erforschung ihrer frühkindlichen Erlebnisse selbst in die Hand. Bei der Recherche wirbelt sie ordentlich familiären Staub auf. Weegmanns spannende Inszenierung trägt streckenweise Züge eines Krimis mit Anklängen ans Horrorgenre und bezieht außerdem mit zum Teil betörenden Bildern (Kamera: Falko Lachmund) die Besonderheiten von Elodies Heimat mit ein. Ihr in der blühenden Heidelandschaft gelegenes Elternhaus kündet von Wohlstand und Harmonie. Allerdings rattern ab und zu Panzer durchs Bild, sind Militär-Hubschrauber am Himmel zu sehen. Nicht weit vom Haus entfernt liegt ein Truppenübungsplatz. Und Elodies Vater Jochen (Michael Wittenborn) ist Manager in einer Rüstungsfirma, gegen die ihre Tochter einst demonstriert hat. Die „Zeitenwende“ ist präsent im Film, ohne sich als Thema aufzudrängen.
Foto: NDR / Frizzi Kurkhaus
Um die notwendige psychologische Fallhöhe zu erreichen, wird Elodie dem Publikum als Frau vorgestellt, die ihre Gefühle lieber nicht zeigt – sofern sie überhaupt welche hat. „Ich werde in sechs Wochen ausziehen – egal?“ Mit diesen Worten kündigt ihr Lebensgefährte und Vater des gemeinsamen Sohnes Max die Trennung an. Er wolle Elodie am liebsten schütteln, ihr weh tun, „damit du weinst“. Und auch im Finale spielt dieses Motiv eine wichtige Rolle – als Symbol dafür, dass sich Elodie befreit hat von der Last der frühkindlichen Prägung und dem folgenschweren Verdrängen. Das ist dann zwar etwas plakativ und simpel geraten, allerdings sind alle Figuren und die Geschichte insgesamt durchaus differenziert angelegt. Elodie, die in Brüssel als Dolmetscherin arbeitet und zur Geburtstagsfeier ihrer Mutter Barbara (Sibylle Canonica) zurück in die Lüneburger Heide reist, ist weit mehr als die Frau, die nicht weinen kann. Karoline Schuch mildert die Kühle und Härte der Titelfigur geschickt ab, spielt auch kein an der eigenen Gefühllosigkeit leidendes Opfer, sondern lässt immer wieder Empathie und Wärme anklingen. Mut und Entschlossenheit strahlt sie in der Titelrolle ohnehin aus – eine starke Partie.
Foto: NDR / Frizzi Kurkhaus
Bei der Feier löst Jasna (Adriana Altaras), eine Freundin der Mutter, mit Andeutungen über Elodies ehemalige Kinderfrau peinliches Schweigen aus. Auf Elodies Nachfragen behauptet Barbara: „Niemand macht hier ein Geheimnis aus irgendwas.“ Was offenkundig gelogen ist. Auch der Vater spielt die Sache lachend herunter, und Elodies Bruder Ben (Jan Krauter) ist ohnehin jede Störung des Familienfriedens zu anstrengend. Elodie wird zum Störenfried, indem sie den Andeutungen auf den Grund gehen will. Zumal nun verschüttete Erinnerungen zurück ins Bewusstsein drängen – im Film dient etwa das Geräusch von zerbrechendem Glas oder Porzellan als Trigger. Von Jasna erfährt Elodie, dass ihre Mutter nach der Geburt unter schweren Depressionen litt und sie deshalb zeitweise an Frau Wontroba (Eva Mattes) abgegeben habe. Die sei „nicht angenehm“ gewesen, aber es habe sonst niemanden gegeben, sagt Jasna. Pia (Minna Wündrich), die Schwester ihres Ex-Freundes, berichtet Elodie von angeblichen Misshandlungen durch Frau Wontroba. Elodie sucht daraufhin ihre ehemalige Kinderfrau auf – und gerät in deren Wohnung in eine Art Parallelwelt, in der es scheint, als sei die Zeit stehen geblieben. Eva Mattes überzeugt in dieser gruseligen Atmosphäre als schwer zu deutende Person, der man alles zutrauen möchte.
Doch die Stärke von Drehbuch und Inszenierung ist eben, dass es nicht um eindeutige Schuldzuweisungen geht. Auch die Wontroba erfüllt letztlich nicht das Klischee der bösen Hexe – ohne dass Misshandlungen von Kindern verharmlost würden. Eigentlich ist sie eine typische Erzieherin aus einer Zeit, in der es landläufig hieß: „Ein Klaps hat noch niemandem geschadet.“ Und wer wollte die Mutter für eine Wochenbettdepression verurteilen? (Esther Bernstorff war als Co-Autorin bereits an Emily Atefs „Das Fremde in mir“, einem Kleinen Fernsehspiel des ZDF, beteiligt, in der eine an „postpartaler Depression“ leidende Mutter im Mittelpunkt steht.) Der Film legt nahe, dass Elodies Leben durch das Verschweigen des mehrmonatigen Aufenthalts bei der Kinderfrau beeinflusst worden sein könnte. Überzeugend wird aber vor allem erzählt, dass die Suche nach und die Konfrontation mit der Wahrheit ein Akt der Befreiung ist. Mit „Elodie“ setzen Bernstorff und Weegmann die erfolgreiche Zusammenarbeit nach „Querschuss“ (2024) und dem mit einem Grimme-Preis ausgezeichneten Drama „Ein Teil von uns“ (2016) fort.
Foto: NDR / Sandra Hoever


8 Kommentare
Wie wunderbar, dass die ARD nun öfters Filme zeigt, die Niveau, die Klasse haben und man dabei „den Verstand gebrauchen muss“. „Elodie“ ist ein Film „der unter die Haut geht“ und dabei tief in die Kindheit und Jugend zurückblickt.
Ich würde mir weitere Filme dieses Genres im ARD Abendprogramm wünschen. Ich wünsche mir eine fiktionale Darstellung in chronolgischer Spielform der SARS-CoV-2 Pandemie und dort ganz besonders auf Deutschland bezogen. Wie kam das Virus zu uns nach Deutschland? Das Virus war noch weit weg und auf einmal taucht es bei der Firma Webasto auf. Danach folgte Heinsberg, wir sahen die Ansprache von Frau Dr. Angela Merkel (damalige Bundeskanzlerin) an die Nation. Dann folgten die Bilder von Bergamo. Es gab den ersten Lockdown und die täglichen Pressekonferenzen des Robert-Koch-Instituts mit Herrn Prof. Wieler. Dann gab es den Tönniesskandal und die versuchte Erstürmung des Reichstagsgebäudes (hier verteidigte nur ein Polizist unsere Demokratie), es folgte der 2. Lockdown und das Weihnachtsfest 2020 war mit Traurigkeit, wegen der vielen Corontoten verbunden mit der Impfhoffnung, dass wir alle bald die Pandemie überstanden haben. Im Sommer 2021 waren viele Menschen bereits gegen COVID geimpft, doch dann kam die DELTA-Variante. Diese Variante „brachte alle Hoffnungen ins Wanken“ und plötzlich standen wir im Herbst 2021 vor dem schwierigsten Herbst und Winter in der Pandemie. Prof. Wieler hiel seine Brandrede und es folgte die „Operation Kleeblatt“ (hier wurden Coronapatientinnen und Patienten mit der Hilfe der Luftwaffe in freie Krankenhäuser innerhalb Deutschlands gebracht, weil zu viele Krankenhäuser überfüllt waren)…..bis heute mit vielen, auch jungen Post-COVID Patientinnen und Patienten. Hier könnte man aus unterschiedlichen Sichtweisen die Pandemie zeigen, wie z.B. aus der Sicht der Ärzte und Pflegekräfte, aus der Sicht der COVID-Patientinnen und Patienten, aus der Sicht des RKI, aus der Sicht der Bundesregierung, aber auch aus „der Normalo-Sicht“, wie dem Kind, dem Studenten, dem Senior, aber auch dem Querdenker. Ideal hierfür wäre die ARD-Serie „Charite“. Hier könnte man in 6 Teilen alles zeigen, was damals geschah.
Ich würde es schön finden weitere realitätsnahe fiktionale Filme im Fernsehen sehen zu können, wie z.B. Angriffe auf die Polizei, die Rettungskräfte, die Bahnmitarbeiter. Ein Film über die Flut im Ahrtal, über Waldbrände und über Hitzetote wäre auch gut.
Mein Gesamteindruck: Der Film ist ein Ansammlung vulgärpsychologischer Missinterpretationen, die ich mir nicht antun werde. Übrigens: „… dass sich Elodie befreit hat von der Last der frühkindlichen Prägung und dem folgenschweren Verdrängen“ ist falsches Deutsch.. Richtig heißt es „… dass sich Elodie von der Last der frühkindlichen Prägung und dem folgenschweren Verdrängen befreit hat“.
Ein Film „der den Namen Film mehr als verdient“. Ein Film der die Vergangenheit und die Gegenwart miteinander verbindet und das alles durch talentierte Schauspielerinnen und Schauspieler verkörpert wird. Jede einzelne Rolle passt zur Sprache, Gestik, Mimik und Handlung.
Ich wünsche mir ebenso weitere Filme „die unser Leben mit allen Höhen und Tiefen zeigen“ und dabei historische Ereignie einbezieht, wie z.B. eine Chronik der Corona-Pandemie in der gepielten ARD-Serie der „Charité“. Ich wünsche mir Filme über die Germanwings-Katastrophe, über den 7. Oktober 2023, aber auch über aktuelle Themen, wie über Ebola und über das Hanta-Virus, über Einsamkeit, auch bei jungen Menschen. Über Angriffe auf Polizisten und Rettungskräfte, wie an Silvester. Über weitere Krankheiten, wie über Demenz, über ALS, über ME/CFS u.V.m. Bitte trauen Sie sich und zeigen Sie uns „die volle Härte der Realität im Fernsehen“. Nicht jeden Tag, denn wir brauchen eine gute Mischung aus der Komödie, dem Krimi, aber auch aus der Realität. Danke an den NDR für diesen Film!
„Elodie“, eine Frau, die die Zerissenheit des Lebens mit tiefen Wunden aus ihrer Babyzeit erlebt. Großartig gespielt! Ich würde mir auch weitere Filme dieser Art wünschen. „Filme die unser Leben zeigen“, wie z.B. einen Film über den Terroranschlag des Magdeburger Weihnachtsmarktes. Zeigen Sie in dem Film die tiefe Trauer der Hinterbliebenen, den Kampf der Opfer, die sich „ins Leben zurückkämpfen müssen“, aber auch „den Kampf der Retter (Sanitäter, Ersthelfer, Ärzte, Pflegekräfte, Polizei), die alle lernen müssen mit den schrecklichen Bildern klarzukommen. Zeigen Sie Filme über das Feuerunglück von Crans Montana. Zeigen Sie Filme über den Ebolaausbruch und wie ein US-Arzt in die Charité gebracht wurde. Zeigen Sie den Hanta-Virus-Ausbruch.
Aber ganz besonders wünsche ich mir eine Serie über die Chronik der COVID-Pandemie. Zeigen Sie, wenn ein ukrainischer Soldat zur Behandlung nach Deutschland gebracht wird und sich „wieder ins Leben zurückkämpft“, Zeigen Sie „unseren Alltag“ wie meine Oma, die mit 76 Jahren an Demenz erkrankt ist, wie mit unserer Nachbarin, die Mutter von 2 kleinen Kindern ist und seit ihrer Coronaerkrankung unter Post-COVID und auch noch unter ME/CFS leidet. Zeigen Sie MS erkrankte Personen oder auch Menschen, die unter ALS leiden. Zeigen Sie, wenn eine junge Familie „sich das Leben nicht mehr leisten kann“, weil alles super teuer geworden ist.
Ein äußerst sehenswerter Film mit einer starken Karoline Schuch alias Elodie. Abgründe, Gewalt und Wut aus der jüngsten Kindheit prägen das erwachsene Leben einer Frau, die mitten im Leben steht. Zudem kommen weitere familäre Konflikte, wie die Nichte von Elodie, die „sich als Junge darstellt“ und damit, trotz unserer offenen Gesellschaft auf Wiederstand und Unverständnis trifft. Doch diese Skepsis sollte doch längst unserer Vergangenheit angehören. Ich begrüße die Wünsche von Frau Kuske zu einer fiktionalen chronolgischen Darstellung der Corona-Pandemie in der ARD Serie der „Charité“. Ich würde das Aufgreifen weiterer Themen begrüßen, wie ein Anschlag auf das Berliner Stromnetz, was geschieht, wenn ein junger Mensch plötzlich eine Hirnblutung bekommt und von jetzt auf gleich zum Pflegefall wird (so wie mein Neffe mit nur 27 Jahren). Ich begrüße es, wenn Sie weitere Filme mit dieser Intensität zeigen.
Kein Krimi, keine Komödie, sondern ein richtig guter Film, das ist der NDR/ARD Film: „Elodie“. Super real mit einer starken Besetzung. Bitte zeigen Sie weniger Krimis, aber dafür einen Film, der wirklich ein Film ist in der Woche. Ich wünsche mir Filme aus unserer realen und oft schrecklichen Welt. Auch ich wünsche mir eine Serie zur Chronik der Pandemie. Ich wünsche mir Filme über traumatisierte Kinder und Soldaten aus der Ukraine. Ich wünsche mir Filme über Depressionen, über den Anschlag auf den CSD oder auf den Weihnachtsmarkt von Magdeburg. Ich wünsche mir Filme über Rettungskräfte und die Polizei, die an Silvester und auch sonst für uns jeden Tag im Einsatz sind und „dafür von Idioten angegriffen werden“. Auch ich wünsche mir Filme über Ebola, über das Hantavirus und auch „über die Menschen hinter den Fassaden“. In unserer Strasse wohnt ein Alkoholiker. Seine Familie leidet enorm unter seiner Sucht. In unserer Strasse wohnt eine junge Frau, die mit nur 19 Jahren unter Long-COVId leidet. Eigentlich sollte sie ihr Leben geniessen können, doch stattdessen sitzt sie tagelang alleine in ihrem dunklen Zimmer, weil sie kein Licht verträgt. Sie war begabt und wollte ein Auslandsjahr in Kanada machen und jetzt? Ein guter Freund von mir „bekam eine rechte Gesinnung“ und „zieht sich fast täglich den Mist auf den sozialen Medien rein“. Und was ist mit unserer Umwelt? Klimaprojekte und Ziele werden „aufgeweicht“ und dabei sahen wir gerade im letzten Sommer, wie wichtig Klimaschutz ist. Wir brauchen Filme über die Flut im Ahrtal, über Waldbrände und über Hitzeopfer. Ich wünsche mir mehr Filme wie: „Die Welt steht still“ (ZDF), „Verschollen“ (ARD), „Aus dem Leben (ARD) und „Heldin“.
Ich möchte allen Kommentaren zustimmen und wünsche mir das Gleiche!
„Elodie“ ist, wie auch „Blackbird“ in der letzten Woche ein Film der „unter die Haut geht“, bitte mehr davon und das ganze mit noch mehr Realität, wie über SARS-CoV-2, über Anschläge, über Klimakatastrophen usw.
„Elodie“, zunächst möchte ich mein großes DANKE für diesen ungewöhnlichen, aufregend tiefsinnigen und anregenden Film bekunden. ………..! Ich habe den Film in der Internet-Mediathek gesehen. …Und, ich konnte diesen Film nicht ohne Unterbrechungen sehen. Das lag nicht an Stromausfällen oder anderen ungünstigen Einflüssen. Ich brauchte dieZeit, meine Gedanken in dieses Bedürfnis der vielleicht möglichen „Aufarbeitung“ von Einflüssen auf kindheitsbezogene Erlebnisse auf die eigene Entwicklung der „Suchenden“ zu verinnerlichen. Vermutlich wäre ich ohne Pause im Live-TV ratlos zurück geblieben mit der Frage: Was wolltet Ihr mir mit dem Film sagen? An alle Mitarbeitende von „Elodie“: Ich schätze Eure Arbeit, das war echt gute Arbeit von Euch Allen. Bleibt gesund, arbeitsfreudig und glücklich. Danke m.f. Micha