Ein Film über sexuellen Kindesmissbrauch führt, so die Drehbuchautorin Sylvia Ulrich, „über einen schmalen Grat: auf der einen Seite sind die Abgründe der Verharmlosung der Straftat und auf der anderen Seite die vorschnelle Verurteilung der Verdächtigen“. In ihrem Sat-1-Fernsehfilm „Ein Vater unter Verdacht“ versucht sie, beides gleichsam zu thematisieren. Im Zentrum steht die Geschichte eines zu Unrecht beschuldigten Vaters. Klaus J. Behrendt verkörpert ihn als scheuen Macho-Mann – das geborene Melodram-Opfer.
Roman Bach ist ein liebender Familienvater. Aufopferungsvoll kümmert er sich um seine fünfjährige Tochter Lina. Atemlos radelt er vom Job als Hausmeister ins Fitnessstudio, wo er als Trainer arbeitet, und kutschiert sogar noch sein Töchterchen zwischen Ki-dergarten und Wohnung hin und her. Denn die Ehefrau, gespielt von Bettina Kupfer, ist schwanger und ans Bett gefesselt. Eine Kinderzeichnung scheint das Familienglück zu sprengen. Für die Psychologen steht fest: Der Vater hat seine Tochter sexuell missbraucht. Das Jugendamt schaltet sich ein. Papa wird zum Schwarzen Mann. Roman Bach dreht durch…
In Deutschland wurden Mitte der 90er Jahre rund 20.000 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch jährlich angezeigt, aufgeklärt wird nicht einmal ein Drittel der Fälle. Die Dunkelziffer liegt nach Ansicht der Kinderschutzvereine bei 300.000 Fällen. Auch ohne die in den Medien reißerisch aufgemachten Geschichten um getötete Kinder – Kindesmissbrauch ist ein Thema, das ohne Umschweife Emotionen und Anteilnahme weckt.
Sylvia Ulrich und Ko-Autor Klaus Waller hatten demzufolge leichtes Spiel mit ihrem Stoff, dieser Missbrauch-des-Missbrauchs-Geschichte. Die Story, verpackt in eine Hochgeschwindigkeits-Inszenierung mit Reißschwenks und knalligen Szenenwechseln, ist quasi ein Selbstläufer. Kinderheim, Krankenhaus, Knast – die Geschichte führt einen dorthin, wo TV-Movies und Weeklys ihr Zuhause haben, und sie versetzt den Zuschauer in Situationen, in denen es wehtut. Und weil Klaus J. Behrendt so ein Netter ist und seinen Dackelblick aufsetzt, und weil dessen tragischer Held ob seiner Ohnmacht immer wieder äußerst impulsiv ausflippt, tut’s besonders weh. An Behrendts Seite zeigt Ina Weisse als hin- und her gerissene Kindergärtnerin in dem Film von Markus Bräutigam, dass mit ihr künftig zu rechnen ist. Fazit: 95 Minuten aktives Mitleiden. Als Melodram überzeugt „Ein Vater unter Verdacht“, als Themenfilm und gesellschaftlicher Diskurs weniger. (Text-Stand: 1997)