Vor rund vierzig Jahren hat eine PR-Agentur den perfekten Werbeslogan für die Betonindustrie geprägt: „Es kommt drauf an, was man draus macht“. Aber das ist natürlich nur die halbe Wahrheit: Es kommt ebenso drauf an, wer’s sich anschaut. Gleiches gilt für die Kunst. Ob ein Bild gefällt oder nicht, hängt jenseits eines künstlerischen Sachverstands von vielen Faktoren ab und ist nicht zuletzt eine Geschmacksfrage; Schönheit, heißt es schließlich, „liegt im Auge des Betrachters“. Walter Adler zum Beispiel ist als Ingenieur ein großer Freund von Symmetrien. Bei einem Gemälde fallen ihm als Erstes unrealistische Proportionen oder verquere Perspektiven auf. Kunst will jedoch vor allem Empfindungen auslösen; ein Bild sollte daher frei nach Antoine de Saint-Exupéry mit dem Herzen betrachtet werden. Kein Wunder, dass Alice Olsen, Professorin für Kunstgeschichte an der Universität Regensburg, Walters Avancen regelrecht abschmettert.
Foto: Degeto / Leonine Studios
Dass sich Gegensätze anziehen, ist eine Behauptung, die traditionell zum unverzichtbaren Muster romantischer Komödien gehört, aber selten war der Kontrast so erheblich wie in diesem Kinovergnügen von Marc Rothemund. Der Regisseur hat seit seinem Debüt „Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit“ (1998) keinen einzigen Film gedreht, der Zeitverschwendung gewesen wäre. Mit Ausnahme des vielfach ausgezeichneten historischen Dramas „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ (2005) waren seine Arbeiten überwiegend heiter, aber nie reine Lustspiele. Auch „Ein fast perfekter Antrag“ ist aller Komik zum Trotz eine Tragikomödie: Walter ist Witwer, seine Tochter lebt in Kalifornien, und als auch noch der geliebte Hund auf seinem Schoß entschläft, hat er überhaupt keine sozialen Kontakte mehr. Das wiederum ist kein Wunder: Heiner Lauterbach verkörpert den missmutigen Pensionär als Prototypen eines Korinthenkackers. Seine düster eingerichtete Wohnung verlässt er nur, wenn es sein muss. Alice (Iris Berben) hingegen, frei wie ein Vogel, hat bereits in der halben Welt gelehrt und ist ungemein beliebt.
Im wahren Leben wären sich die beiden nie begegnet, aber in jungen Jahren waren sie tatsächlich drei Monate lang ein Paar. Der Film beginnt mit einer liebevoll konstruierten kreativen Kettenreaktion, die in einen Heiratsantrag mündet. Alice lehnt allerdings dankend ab und beendet die Beziehung. Vier Jahrzehnte später treffen sie sich zufällig wieder. Walter möchte da anknüpfen, wo sie einst Schluss gemacht hat. Als sie ihm erklärt, dass sie in grundverschiedenen Welten lebten, schreibt er sich als Gasthörer für ihr Seminar „Blick auf die Frau in der Kunst des 19. Jahrhunderts“ ein; und jetzt geht die Geschichte erst richtig los.
Foto: Degeto / Leonine Studios
„Ein fast perfekter Antrag“ basiert auf einem Drehbuch von Richard Kropf. Der Autor hat bereits die Vorlage für Rothemunds letzte Arbeit geschrieben: „Wochenendrebellen“ (2023) erzählt die authentische Geschichte eines Vaters, der mit seinem autistischen Sohn an jedem Bundesligaspieltag ein anderes Stadion besucht, weil der Junge nur auf diese Weise seinen Lieblingsverein finden kann. Die zweite Zusammenarbeit von Autor und Regisseur funktioniert im Grunde ähnlich: Auch Walters Dasein ist von festen Regeln geprägt. Entspricht beispielsweise ein Restaurantbesuch nicht seinen Erwartungen, folgt prompt eine harsch formulierte Negativbewertung im Internet.
Grantler sind meistens komische Filmfiguren, aber natürlich muss sich der Nörgler läutern, um eine Chance auf das zunächst völlig unrealistische Happy End zu haben. Witziger als Walters Mäkeleien sind daher alsbald die Diskussionen mit den Studierenden, auf die der für Ironie gänzlich unempfängliche neue Kommilitone wie ein alter weißer Elefant im Porzellanladen wirken muss. Besonders befremdet ihn die Begegnung mit Zero, der sich als non-binär bezeichnet; Jonathan Perleth war bereits in der Titelrolle eines Rostocker „Polizeirufs“ („Daniel A.“, 2023) ein Ereignis. Die sympathische Flora (Lauterbachs Tochter Maya) sorgt zwar dafür, dass Walter beim Flunkyball Anschluss an die Gruppe findet, aber mit seinen antiquierten Ansichten stapft er zielsicher von einem Fettnäpfchen ins nächste. Darstellerisch ist „Ein fast perfekter Antrag“ ohnehin ein großes Vergnügen, die Dialoge sind ein steter Quell der Heiterkeit, enthalten aber nicht zuletzt aufgrund der Gespräche über die Aktgemälde etwa von Manet („Olympia“) oder Goya („Die nackte Maja“) auch viele Denkanstöße. Dass Rothemund unter anderem im Wiener Kunstmuseum Albertina drehen durfte, gibt dem Film einen besonderen Reiz.

