Vor fünfzig Jahren prägte Herbert Achternbusch mit seinem Film „Die Atlantikschwimmer“ ein Zitat, das seither regelmäßig Verwendung findet, wenn im Sport David und Goliath aufeinandertreffen: „Du hast keine Chance, aber nutze sie!“ Die meisten Menschen haben ein Herz für Außenseiter, also gibt es entsprechend viele Filme über Teams, deren Abschneiden mindestens überraschend, wenn nicht gar sensationell ist. Meist werden diese Erfolgsgeschichten als Komödie erzählt. Ein Beispiel für viele: „Cool Runnings“ (USA 1993) über eine Bobmannschaft aus Jamaika, die sich „against all odds“, wie es im Englischen heißt, für die Olympischen Winterspiele 1988 in Calgary qualifizierte.
Ein Film dieser Art schwebte wohl auch „Miss Merkel“-Regisseur Torsten Wacker vor. Die Handlung ist überschaubar, hat jedoch Potenzial: Seit Jahrzehnten betreiben Karo (Bettina Lamprecht) und ihre dauernörgelige Mutter Gabi (Hedi Kriegeskotte) in Wuppertal ein eher schlecht als recht besuchtes Bowling-Center. Als das Haus den Besitzer wechselt, steht „Wupper-Bowling“ vor dem Aus: Herr Wong (Thomas Chaanhing), ein berüchtigter Immobilien-Hai, will das Gebäude abreißen. Die beiden Frauen haben zwar ein Vorkaufsrecht, aber nicht genug Eigenkapital, um einen Kredit aufzunehmen. Karos einziger Angestellter, Djamal (Mido Kotaini), wüsste einen Ausweg: In einigen Wochen findet ein mit 100.000 Euro dotiertes Turnier statt. Dummerweise gibt es drei Probleme: Karo, eine begnadete Bowlerin, hat seit einem Trauma als Teenager keinen Ball mehr geworfen; ihr Team ist eifrig bemüht, aber wenig begabt; und die talentierte Shu (Jing Xiang) ist Wongs Tochter und soll das Projekt von innen sabotieren.
Foto: ZDF / Martin Valentin Menke
ZDF-Erklärung für die Ausstrahlung in Neo: „Aufgrund der Fußball-WM und der Leichtathletik-EM stehen im ZDF diesen Sommer begrenztere Sendeplätze für Filme auf dem gewohnten Komödien-Platz am Donnerstagabend zur Verfügung. Zudem unterscheidet sich der Film ‚Die Abräumer‘ als Hybrid aus Drama und Komödie von den übrigen Filmen, die wir auf diesem Sendeplatz im Hauptprogramm ausstrahlen. Die geplante Platzierung in ZDFneo folgt demnach programmstrategischen Entscheidungen.“
Etwas Tiefgang gibt’s auch (Buch: Volkan Isbert, Helena Lucas, Julia Alina Kessel): Die beiden Töchter entpuppen sich aller Unterschiede zum Trotz als Schwestern im Geiste, weil sie bereits ihr ganzes Leben lang an den Erwartungen der Eltern scheitern. Vermutlich macht die verwitwete Gabi ihre Tochter auch für den Tod des Vaters verantwortlich: Kalle ist einst nach dem Scheitern von Karos hoffnungsvoller Karriere, in die ihre Eltern eine Menge Geld investiert hatten, einem Herzinfarkt erlegen. Mit dieser tragischen Komponente birgt die Geschichte jenen tragischen Handlungskern, der allen großen Komödien innewohnt. Großen Spaß machen auch die kleinen Verbeugungen, zum Beispiel vor Joel und Ethan Coens Bowling-Klassiker „The Big Lebowski“ (1998): Eins der Teams beim „Big Battle Bowl“ nennt sich „Die Dudes“, die Mitglieder tragen den gleichen Bademantel wie Jeff Bridges. Kurz vorm Finale hält Filmfreund Djamal eine flammende Motivationsrede, die er sich aus „Bravehart“ (1995) mit Mel Gibson als schottischer Freiheitskämpfer geborgt hat. Natürlich darf auch die Titelhymne aus „Rocky“ (1976) nicht fehlen, der Verbeugung vor einem sportlichen Underdog schlechthin.
Foto: ZDF / Martin Valentin Menke
Zwar funktionieren längst nicht alle Gags, zumal einige Dialoge allzu bemüht originell klingen, aber dass das ZDF „Die Abräumer“ nicht donnerstags um 20.15 Uhr im „Zweiten“, sondern an einem Mittwoch um 21.45 Uhr in Neo zeigt, hat möglicherweise andere Gründe als die vom Sender genannten „programmstrategischen Entscheidungen“: Angeblich passt der Stoff „als Hybrid aus Drama und Komödie“ nicht auf den Komödiensendeplatz. Das klingt allerdings wie ein Vorwand; der Donnerstag war in der Vergangenheit sehr wohl offen für Tragikomödien. Tatsächlich könnte die Abschiebung durchaus qualitative Gründe haben. Größte Schwäche des Films sind ausgerechnet die beiden Hauptdarstellerinnen, deren Rollen eher Karikaturen als komplexe Figuren sind; Kettenraucherin Gabi hört selbst im Schlaf nicht auf zu meckern.
Außerdem liefern sich Hedi Kriegeskotte und Bettina Lamprecht einen auf Dauer nervigen Verkniffenheitswettbewerb. Unnötig dick trägt auch der sonst gern als friesisches Original besetzte Uke Bosse in den Rückblenden als Karos Vater auf. Immerhin braucht Hans-Joachim Heist anders als sein Gernot Hassknecht aus der „heute-show“ nicht schreien. Sehenswert wie stets ist Tristan Seith als weiteres Mannschaftsmitglied Axel, der das Turnier, bei dem Karo und Konsorten schließlich gegen ein von Wong finanziertes All-Star-Team antreten müssen, als Klassenkampf betrachtet. Die Bildgestaltung (Timo Schwarz) ist dank der Bowlingszenen recht dynamisch, die um viele Oldies ergänzte Musik (Vera Marie Weber) ist ebenfalls flott. Trotzdem hätte dem Film in Anlehnung an ein Bowling-Lehrvideo von Kalle („Das Ding mit dem Swing“) deutlich mehr Schwung gutgetan.
Foto: ZDF / Martin Valentin Menke

