Wer sich Sendungen bevorzugt in der Mediathek anschaut, fragt vermutlich nicht nach dem Sendeplatz. Aber es ist natürlich ein Unterschied, ob ein ARD-Film mittwochs oder freitags ausgestrahlt wird. Auf den ersten Blick wirkt der Auftakt zur mutmaßlich neuen „Medical“-Reihe „David und Goliath“ wie eine jener Produktionen, die mit dem Etikett „Endlich Freitag im Ersten“ versehen werden: Junge Psychotherapeutin soll sich an einem Krankenhaus um die geistige Gesundheit des Personals kümmern und legt sich gleich mal mit der Klinikleiterin an. Die beiden Frauen tauschen zwar bei jeder Begegnung bissige Bemerkungen aus, doch im Grunde mögen sie sich. Dank ihrer unkonventionellen, aber erfolgreichen Methoden sowie ihrer offenen Art erarbeitet sich Dina Schwarz zwar schließlich den Respekt der Belegschaft, aber mit den Hierarchien hat sie auch weiterhin erhebliche Probleme.
Foto: WDR / Martin Rottenkolber
Da die Filme nicht im Auftrag der für den Freitag zuständigen ARD-Tochter Degeto entstanden, sondern eine Produktion des WDR sind, ist der Sendeplatzaspekt rasch geklärt. Bleibt noch die Frage, worin sich „David und Goliath“ von Reihen wie „Die Eifelpraxis“ oder „Praxis mit Meerblick“ unterscheidet. Da ist zum einen der Schauplatz: Essen hat ohne Frage auch seine schönen Seiten, aber das Ruhrgebiet ist nun mal weder die Eifel noch Rügen. Zum zweiten spielen medizinische Herausforderungen hier überhaupt keine Rolle, es geht allein um die psychosoziale Gesundheit des Personals. Drittens gibt es keine Liebesebene, bloß ein paar Andeutungen auf eine kürzlich buchstäblich schmerzhaft geendete Beziehung. Und schließlich hat Regisseur Janosch Chávez-Kreft – seine letzte Arbeit war die sehenswerte ZDF-Komödie „Überväter“ (2024) – gemeinsam mit Timm Lange, Kameramann hier wie dort, sorgsam darauf geachtet, dass die oft blaustichigen Bilder keinerlei Heimeligkeit ausstrahlen.
Maike Raschs Drehbuch wirkt zudem sehr nah an der Realität. Dass das Filmteam in verschiedenen Kliniken während des laufenden Betriebs drehen konnte, unterstreicht den Eindruck der Authentizität. Dinas Aktivitäten konzentrieren sich schon bald auf die Intensivstation: Gleich am ersten Arbeitstag kann sie einen Pfleger daran hindern, sich vom Dach zu stürzen. Trotzdem will Nathan Freye (Tristan Seith) erst mal nichts mit ihr zu tun haben. Dennoch erklingen aus dem Off fortan immer wieder Erklärungen des Pflegers, warum das Personal der Intensivstation permanent jenseits der Belastungsgrenze agiert: Es gebe Tage, da fühle sich der Job wie ein Marathon ohne Ziel. Fehler, nicht selten lebensgefährlich, sind dabei ebenso unvermeidlich wie ein Burnout, aber niemand will Schwächen zugeben, erst recht nicht Freyes uneinsichtiger Chef, Robert Schultholz (Carlo Ljubek), mit dem Dina ein ums andere Mal aneinandergerät.
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Gespielt ist das alles sehr natürlich, auch und gerade von Lou Strenger, die bereits die SWR-Heimatkrimidramen „Wer ohne Schuld ist“ (2024) und „Höllgrund“ (2022) geprägt hat. Die Rolle der vermeintlichen Gegenspielerin ist gerade im ersten Film nicht minder wichtig, zumal sie subtiler angelegt ist: Während die junge Wilde mit dem Kopf durch die Wand will und sich als David sieht, der gegen das Ungetüm Klinikum mit seinen viertausend Beschäftigten antritt, stand Ulrike C. Tscharre vor der Herausforderung, die Leiterin als typische Verwalterin mit ausgeprägtem Sparwillen, aber dennoch sympathisch zu verkörpern. An einer Stelle sagt Dina über die Vorgesetzte, sie könne im selben Atemzug zugewandt und übergriffig sein; diese Mischung, gern um ein mehr spür- als sichtbares Schmunzeln ergänzt, verkörpert Tscharre perfekt. Wenig bekannt, aber prägnant besetzt sind auch die Nebenrollen, unter anderem mit Sohel Altan Gol (kürzlich sehr präsent in „Auf der Walz“ als Zimmerer auf Wanderschaft), Andreas Schröders als Dinas Assistent Anton oder Kübra Sekin als Ella Kroll, Oberärztin der psychiatrischen Abteilung, die wie ihre Darstellerin im Rollstuhl sitzt.
Natürlich wird das zentrale Thema, die ständige Überforderung des permanent am Anschlag arbeitenden Personals, in beiden Episoden sehr oft angesprochen. Anton, bis zu einem Unfall ebenfalls Intensivpfleger, sagt den Schlüsselsatz dieser Ebene: „Unsere Hingabe ist Fluch und Segen zugleich.“ Auf diesen Aspekt konzentriert sich die Fortsetzung, „Wahrheit oder Pflicht“: Gerade auf der Intensivstation ist der Tod ein ständiger Begleiter. Die Frage, wie die Beteiligten damit umgehen, vertieft Rasch anhand von Schultholz. Das Arbeitsklima in seiner unterbesetzten Abteilung ist offenkundig miserabel, wie der giftige Grünstich der Bilder suggeriert. Dina hat ihm zwar zwei zusätzliche Pflegestellen besorgt, aber an seinem persönlichen Stress hat sich nichts geändert. Mit simplen, aber wirkungsvollen Mitteln verdeutlichen Chávez-Kreft und Lange, wie die Belastung dem Arzt zusetzt. Die Tonspur trägt ebenfalls ihren Teil dazu bei, Schultholz als Getriebenen darzustellen: Er ist am Ende seiner körperlichen und geistigen Kräfte. Als es ihm nicht gelingt, einen Patienten zu reanimieren, besteht die Witwe auf einer Obduktion; sie will wissen, ob ein Behandlungsfehler zum Tod ihres kurz zuvor noch als stabil geltenden Mannes geführt hat. Im Grunde ist sein Exitus jedoch nur Mittel zum Zweck: Das Drehbuch konzentriert sich auf die feindselige Haltung Schultholtz’ gegenüber der Psychotherapeutin, die verstehen will, warum er jede Hilfe ablehnt.
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Erneut beschreiben regelmäßig eingespielte Podcast-Zitate die Bedingungen, unter denen die Belegschaft arbeiten muss. Dinas Gesprächspartnerin ist nun Ella Kroll. Sie spricht unter anderem über das selbstzerstörerische Verhalten vieler Kolleginnen und Kollegen, die den Stress mit Alkohol und Tablettenmissbrauch bekämpfen. Auch ihren Aussagen ist zu verdanken, dass Schultholz nicht als herzloser Unhold erscheint, obwohl Carlo Ljubek ihn mit einer fast schon zynisch anmutenden Fassade versieht. Rasch gewährt ihm außerdem mildernde Umstände: Der geschiedene Arzt kommt ständig zu spät, um seine Kinder abzuholen, und hat Angst, das Sorgerecht zu verlieren. Für Auflockerung sorgt unter anderem die private Ebene: Dinas 25jährige Schwester Kiki (Amelie Gerdes) hat das Down-Syndrom und lebt noch zuhause, will aber endlich ein selbstbestimmtes Leben führen und steht eines Tages mit einem Koffer vor der Tür. Warum die Mutter der beiden eine irritierende Leerstelle bildet, würde Rasch wahrscheinlich gern im nächsten Film erklären. Der WDR beantwortet die Frage nach einer Fortsetzung jedoch nur ausweichend; vermutlich will die ARD wie immer erst mal abwarten, wie gut der Auftakt ankommt.

