„Die zweite Verfilmung hat Zeit gebraucht, um das richtige Drehbuch mit der richtigen Konstellation vor und hinter der Kamera zu verbinden. Wir sind sehr stolz auf den Film, der schon auf zwei Festivals reüssieren durfte und mögen ihn sehr. Ein dritter Film ist momentan nicht geplant.“ (Daniel Blum, ZDF-Redakteur)
Foto: ZDF / Georges Pauly
Die Adaption des Romans besorgte wie damals Produzentin Annette Reeker unter ihrem offenen Drehbuchpseudonym Anna Tebbe. Dank ihrer diversen „Taunuskrimis“ (ebenfalls fürs ZDF) nach Nele Neuhaus und ihrer Doppelfunktion hat sie natürlich Übung darin, literarische Vorlagen auf ihren filmischen Kern zu reduzieren. Allzu ausführliche innere Monologe zum Beispiel oder die Ausflüge eines Autors in die nicht selten verworrene Psyche einer Figur werden dann gern auf einen Dialogsatz verkürzt. Bei Raethers Büchern liegen die Dinge jedoch etwas anders. Originelle Krimistoffe schreiben auch andere, aber seine Romane zeichnen sich durch einen speziellen Tonfall aus, der nur schwer zu greifen ist. Der Leserschaft erschließt sich beispielsweise schon allein lautmalerisch sofort, was Raether meint, wenn er schreibt, dass jemand „drönbüttelig“ dreinblickt, aber filmisch ist so etwas kaum umzusetzen. Der besondere Humor resultiert zudem oft aus der Kombination von Dialog und gedanklichem Zusatz, der noch eins drauf setzt. All’ das macht eine Adaptionsarbeit zu einer echten Herausforderung, von der unvermeidlichen Verdichtung ganz zu schweigen.
Spätestens beim zweiten Drehbuch hatte Reeker ihren Hauptdarsteller allerdings bereits vor Augen. Wo andere größeren mimischen Aufwand betreiben müssten, braucht Peschel bloß gucken, um zu vermitteln, was in Danowski vorgeht. Wegen allerlei belastender Erlebnisse im Außendienst arbeitet der LKA-Kommissar mittlerweile für die Operative Fallanalyse. Nach der zufälligen Entdeckung einer vor Jahren im Keller einer Hamburger Schule deponierten mumifizierten Leiche wird die Abteilung um eine Koryphäe verstärkt, denn es ist der zweite Fund dieser Art: Martin Gaitner ist dank seiner Bücher und regelmäßiger TV-Auftritte Deutschlands bekanntester Profiler. Sebastian Bezzel kostet die Rolle dieses selbstverliebten bayrischen Spezialisten, von Danowski alsbald bloß „der Bazi“ genannt, bis zum letzten Tropfen aus; „Neunauge“ ist schon allein wegen der gemeinsamen Szenen sehenswert. Die Story ist ohnehin klasse: Es geht um eine Gruppe sogenannter Pick-up-Artists, Männer also, die sich einen Wettstreit darin liefern, Frauen „aufzureißen“. Irgendjemand hat sich vorgenommen, diesem Treiben ein sehr endgültiges Ende zu bereiten. Diffizil wird die Sache, weil auch Danowskis Kollegin Jurkschat Teil des Wettbewerbs war: Ihr Ex-Freund ist Opfer Nummer zwei, der Mann hat sie einst mit Rilke ’rumgekriegt („Der Tod ist groß, wir sind die Seinen“); ein dritter Toter wird folgen.
Foto: ZDF / Georges Pauly
Dank Peschel wird sich ein Teil des Publikums noch dunkel daran erinnern, dass „Neunauge“ nicht Danowskis erster Fall ist, aber angesichts der Fülle an Krimis und des langen Zeitraums dürften die Details auf der Strecke geblieben sein. Das gilt auch für die Besetzung: Isabell Polak hat von Emily Cox die Rolle der Ermittlungspartnerin übernommen, den karrieristisch kriecherischen Kollegen spielt nun Stephan Schad. Erneut mit dabei sind neben Andreas Döhler als Kollege „Finzi“ Bettina Stucky als Gattin sowie Maggie Valentina Salomon als Tochter Martha. Das Familienleben der Danowskis mit seinen ganz normalen Turbulenzen ist neben der Hauptfigur ohnehin ein markanter Unterschied zu anderen Reihen dieser Art. Gerade mit dieser Ebene trifft der auf die üblichen Spannungsverstärker verzichtende Film Raethers ganz speziellen trockenen Humor recht gut.
Sehenswert ist „Neunauge“ – im Buch bezieht sich der Titel nicht nur auf die Alien-artigen Rundmäuler – auch dank der Inszenierung. Jonas Grosch und Kameramann Fabian Spuck haben anschließend die im ZDF allerdings zuerst ausgestrahlte Gaunerinnenkomödie „Gar kein Geld macht auch nicht glücklich“ gedreht (2025, mit Groschs Schwester Katharina Wackernagel). Peschel spielte darin eine kleine, aber wichtige Nebenrolle, ebenso wie Marc Hosemann, der hier einen sehr prägnanten Gastauftritt als Landpolizist hat und ebenso wie Bezzel mit einer Zeitlupenstudie gefeiert wird. Ein Vergnügen sind neben der besonderen Song-Auswahl auch einige clevere Szenenwechsel sowie die mit einer Handkamera gefilmten ungeschnittenen Szenen im labyrinthischen LKA. Es gibt insgesamt sieben „Danowski“-Romane (alle Bücher Raethers sind im Rowohlt-Verlag erschienen), aber ein weiterer Film ist laut ZDF derzeit nicht geplant.
Foto: ZDF / Georges Pauly


5 Antworten
Toller Film, kann ich nur empfehlen. Kleiner Gag, kaum bemerkt. Bei ungefähr 10 Minuten und 15 Sekunden hat Katharina Wackernagel einen kurzen Auftritt in einer Kneipe. Hat mit dem Film nichts zu tun, aber ich mag diese kleinen Dinge. Wie schon im Text geschrieben, ist sie ja die Schwester von Regisseur Jonas Grosch.
Warum gibt es eigentlich so viele Krimis im deutschen Fernsehen? Und dann ist der Krimi auch noch schlecht. Ich schaue mir gerne mal einen Krimi an, aber doch bitte nicht: „Und täglich grüßt der Krimi!“ Ich würde mich sehr über Spielfildramen freuen, wie über „Raser“, die mit „dicken Autos“ über die Autobahn fahren oder durch unsere Innenstädte und dabei mutwillig in Kauf nehmen Menschen zu verletzen oder sogar zu töten. Ich würde mich über Filme und/oder einer Serie (wie die der ARD-Serie „Charité“) zur Chronik der COVID-Pandemie freuen. Über Filme über Post-COVID und über ME/CFS. Wir brauchen Filme über aktuelle Themen, wie über das Hanta-Virus, über „das Töten mit einem Auto“, also über die Anschläge und Amokfahrten hier bei uns in Deutschland…….Wir brauchen Filme über den Kampf von Krebspatienten und Krebspatientinnen u.V.m.
Bitte zeigen Sie weiterhin Krimis, aber einfach nicht mehr so viele, sondern z.B. so:
Montag: Krimi, Dienstag: Spielfilmdrama, Mittwoch: Komödie, Donnerstag: Quizshow, Freitag: Castingshow, Samstag: Schlagersendung, Sonntag: Liebesfilm.
Ich wünsche mir mehr Filme wie: „Die Welt steht still“, „Das Lehrerzimmer“, „Heldin“, „Verschollen“, „Aus dem Leben“
Was ist ein Thriller ohne Thrill, dafür aber mit der vermutlich unpassendesten Hintergrundmusik überhaupt?
Herr Peschel ist ja in dieser Rolle noch ok, aber Herr Bezzel beweist, dass er außer in der Eberhofer-Reiher für so ziemlich alles anderen eine völlige Fehlbesetzung ist, erst recht als Top-Profiler, wie hier, der ungefähr dieselbe Kompetenz ausstrahlt, wie ein Herr Merz als Kanzler, also gar keine.
Man weiß als Zuseher eigentlich nie, soll das alles Satire sein oder ist das tatsächlich ernst gemeint? Oder andersrum, so schlecht, wie die Münster-Tatorte.
Schade auch um das eigentliche Thema, das hier leider – warum auch immer – eher durch den Kakao gezogen wird und somit jegliche, eigentlich nötige Ernsthaftigkeit verliert.
Selten so einen Schwachsinn gesehen. Wenn die Polizei wirklich so unterbelichtet wäre wie der Drehbuchautor glauben macht….armes Deutschland !
An den Haaren herbeigezogener Unsinn. Bezzel, wärst Du doch in Niederkaltenkirchen geblieben!
Schlechtes Drehbuch, schlechte Darsteller, schlechte Regie