Dahlmanns letzte Bescherung

Ferch, Vogel, Tscharre, Kling, Broich, Magnus Vattrodt, Isabel Braak. Wer Familie hat, braucht keine Feinde

Foto: ZDF / Pedro Domenigg
Foto Rainer Tittelbach

„Dahlmanns letzte Bescherung“ (ZDF, Servus TV / Studio Zentral, Graf Filmproduktion) enthält alle Zutaten eines Murder-Mystery-Kammerspiels. Autor Magnus Vattrodt entführt die Zuschauer eher in den Mikrokosmos einer Agatha-Christie-Erzählung als in die Abläufe eines realistischen Ermittlerkrimis. Am Tatort ist allein die Dorfpolizei. Nur so, ohne Spusi und Kriminaltechnik, kann dieser schöne Old-School-Krimi-Flair entstehen. Auch dramaturgisch funktioniert dieser Whodunit bestens: Der Befragungsmarathon vermittelt in kürzester Zeit die größtmögliche Menge an Informationen. Das Interesse am Plot resultiert neben der Zwiebel-Dramaturgie vor allem aus der Zeichnung der Charaktere, deren Handeln bei aller genrebedingten Typisierung stets nachvollziehbar ist. Die Ingredienzien kennt man, doch Grimme-Preisträger Vattrodt hat sie anders als gewohnt kombiniert. Im Gegensatz zu vielen intellektuellen Dekonstruktionswerken ist dieser top besetzte, 98-minütige Ensemblefilm – über die Raffinesse der Plot-Konstruktion hinaus – mindestens so spannend wie eine herkömmliche Kriminalkomödie.

Wie in jedem Jahr verbringen die Dahlmanns die Weihnachtstage im Jagdschloss ihres Familienoberhaupts Alfons (Thomas Thieme) in den österreichischen Bergen. Dass sie gemeinsam feiern, wäre zu viel gesagt. Die Geschwister können sich nicht ausstehen. Missgünstig beäugt der eine den anderen. Primus Leander (Heino Ferch) ist Geschäftsführer in Vaters Fleischwarenunternehmen; glücklich hat ihn das nicht gemacht und möglicherweise kostet ihn die viele Arbeit auch noch die Ehe mit seiner Frau Susa (Ulrike C. Tscharre), und auch das Verhältnis zu seiner Tochter Tabea (Maja Bons) ist angespannt. Sein Bruder Jochen (Jürgen Vogel) ist das schwarze Schaf der Familie; gerade erst wurde er aus einer zweijährigen Haft entlassen. Schwester Therese (Anja Kling), Krimiautorin, stand stets im Schatten ihrer Brüder. Von Männern und Fleisch hat sie genug; sie ist mit ihrer Lebenspartnerin Emma (Carol Schuler) angereist. Von allen missachtet wird die Dame des Hauses, die zweite Frau des Patriarchen: Viktoria (Margarita Broich). Allein Karl (Walter Kreye), der Koch und langjährige Freund von Alfons, wird von allen gemocht. Doch ob es dieses Jahr was wird mit dem Festtagsmenü, ist fraglich. Denn am Morgen des Heiligen Abends liegt Alfons tot in seinem Arbeitszimmer – erstochen. Da Sturm und Schnee den Ort über Nacht von der Außenwelt abgeschnitten haben, müssen Streifenpolizistin Greta (Noëmi Krausz) und ihr Kollege (Dominic Marcus Singer) die Ermittlungen aufnehmen.

Dahlmanns letzte BescherungFoto: ZDF / Maximilian Hoever
„Morbide und geschmacklos“ – in diesem Anwesen lässt sich wunderbar atmosphärisch ermitteln. Von links: Jochen Dahlmann (Jürgen Vogel), Leander Dahlmann (Heino Ferch), Polizist Oliver (Dominic Marcus Singer), Polizistin Greta (Noëmi Krausz), Viktoria Dahlmann (Margarita Broich), Therese Dahlmann (Anja Kling), Emma (Carol Schuler) und Susa Dahlmann (Ulrike C. Tscharre)

„Dahlmanns letzte Bescherung“ enthält alle Zutaten eines Murder-Mystery-Kammerspiels: eine markante Location, einen Toten, ein halbes Dutzend Verdächtige, zu denen auch noch der gewinnend lächelnde Chef von der Billigfleischkonkurrenz (Christopher Schärf) gehört. Ermitteln muss gezwungenermaßen die Dorfpolizei. Ein Krimi also ohne Spurensicherung, ohne Kriminaltechniker, ohne Rechtsmediziner: Nur so kann dieser schöne Old-School-Krimi-Flair entstehen. Drehbuchautor Magnus Vattrodt entführt die Zuschauer eher in den Mikrokosmos einer Agatha-Christie-Erzählung als in die Abläufe eines realistischen Ermittlerkrimis. Das zeigt sich auch im komödiantischen Tonfall, der von der Erzählerin (Adele Neuhauser), der verstorbenen ersten Frau des Patriarchen, bereits in den ersten Szenen vorgegeben wird. Mimi spricht das Publikum direkt an („Merken Sie sich diesen Blick“) und sorgt für eine heiter ironische Grundstimmung. Aber auch die Figuren lassen sich in Sachen Witz nicht zweimal bitten. „Schönes, neues Auto, direkt an die Wand gefahren“, ätzt Leander. Auch Thereses Konter sitzt: „Und du, immer noch Potenzprobleme?“ Am Abend wird der Umgangston noch rauer, die Situation noch undurchsichtiger. Der alte Dahlmann will sich aus der Firma zurückziehen. Ein einsamer Plan, nicht einmal Leander, immerhin Geschäftsführer, wusste etwas davon. Wie es mit der Firma weitergehen wird, soll am nächsten Tag besprochen werden. Doch am Morgen ist der Alte tot, die Sippschaft schwer verunsichert, der Konkurrent feixt noch immer, und der Safe mit den Geschäftsunterlagen ist verschwunden.

Dahlmanns letzte BescherungFoto: ZDF / Toni Muhr
Jochen Dahlmann (Jürgen Vogel) ist nach dem Knast weder Alkohol noch Drogen gewohnt. Die Nacht mit seiner Nichte Tabea (Maja Bons) haut rein. Am nächsten Tag hat er einen absoluten Filmriss, dafür befindet sich die Mordwaffe in seinem Zimmer.

Wer Familie hat, braucht keine Feinde. Die Befragungen der Verdächtigen konkretisieren die tiefen Aversionen, die die Einzelnen gegeneinander hegen. Der adoptierte Leander fühlt sich gedemütigt von seinem Vater. Tabea sieht sich einmal mehr darin bestätigt, von allen nicht ernst genommen zu werden. Auf Jochen wird vor allem ob seiner kriminellen Vergangenheit herumgehackt. „Dieses Haus hasst mich“, resümiert die Witwe, ihr Name Viktoria, der blanke Hohn. Alle dürfen ihre Geschichte erzählen, die Ereignisse der Nacht schildern und die anderen verdächtigen. Und was bleibt dem Zuschauer? Der sieht, dass sich die Mordwaffe im Zimmer von Jochen befindet, der so gut wie keine Erinnerung an die letzte Nacht hat. Der Zuschauer muss außerdem mit ansehen, wie sich die Stimmung zwischen den Paaren verschlechtert: Susa gibt Leander kein Alibi, und Emma entdeckt in einem von Thereses Krimis das Mordszenario identisch beschrieben. Auch dem, was Jochen und seine Nichte in der Nacht getrieben haben, könnte eine entscheidende Rolle in diesem Mörderspiel zukommen. Dramaturgisch funktioniert dieser Whodunit außergewöhnlich gut: Der Befragungsmarathon vermittelt in kürzester Zeit die größtmögliche Menge an Informationen. Das sind nicht nur die biographischen Fakten über jeden einzelnen Dahlmann, da sind auch viele emotionale Zwischentöne im Spiel, und je weiter die Handlung fortschreitet, umso aufschlussreicher werden die in Rückblenden präsentierten Aussagen. Gut austariert – und in der Wirkung abwechslungsreich – ist das, was sich zwischen den Befragungen ereignet: Zwei-Personen-Szenen, die auf Beziehung abzielen, zufälligen Zwei-Personen-Szenen und Gruppenszenen. Zu Beginn, die boshafte Begrüßung, eine wunderbare Exposition, inszeniert als Einheit von Raum, Zeit und Handlung, findet in der Mitte des Films nach einem Feueralarm eine gesteigerte Wiederaufführung: Die Nerven liegen blank, es ist kalt, Leander fehlt der Mantel, die Wut wärmt – und die Brüder prügeln sich.

Das Interesse am Plot resultiert neben der Zwiebel-Dramaturgie vor allem aus der Zeichnung der Charaktere. Ihr Handeln bleibt bei aller genrebedingten Typisierung nachvollziehbar. Leander ist zwar der geborene Unsympath, aber man kann irgendwann auch den Unmut dieser Figur verstehen. Eigentlich kann und will man keinem der Verdächtigen einen Mord zutrauen. Alle Aussagen klingen plausibel. Aber den Krimigepflogenheiten gemäß muss hier jemand lügen. Was hat man als Zuschauer, was hat die Polizistin möglicherweise übersehen? Für Grimme-Preisträger Vattrodt wäre es ungewöhnlich, würde er sich mit einem handelsüblichen Rätselkrimi zufriedengeben. Irgendein As muss er noch im Ärmel, irgendeine Pointe auf Lager haben. Abermals in Rückblenden wird am Ende alles klar aufgedröselt und fügt sich zu einem schlüssigen Gesamtbild. Dadurch offenbart sich die ganze Absurdität einiger Ereignisse jener Nacht. Die einfallsreiche, sehr atmosphärische Inszenierung von Isabel Braak mit einem teilweise wunderbar lautmalerischen Score von Florian Tessloff und einem Szenenbild, das die Geschichte maßgeblich miterzählt (Nina Salak, Katharina Haring), runden den sehr gelungenen Film ab. Und der 1-A-Cast ist eine Voraussetzung dafür, keiner Figur qua Besetzung vorweg die Mörderkarte zuzuspielen. Alle Ingredienzien von „Dahlmanns letzte Bescherung“ kennt man, doch Autor Vattrodt hat sie anders als gewohnt kombiniert und stellt – nicht zuletzt durch die Erzählerin – die Künstlichkeit der Geschichte aus. Im Gegensatz zu anderen Dekonstruktionswerken ist dieser Ensemblefilm, eine deutsch-österreichische Koproduktion von ZDF & Servus TV, mindestens so spannend wie eine herkömmliche Krimikomödie.

Dahlmanns letzte Bescherung
Kaum zu halten: Bei Leander Dahlmann (Heino Ferch) liegen die Nerven blank. Jochen (Jürgen Vogel) und die Dorfpolizei, Oliver (Dominic Marcus Singer) und seine engagierte Kollegin Greta (Noëmi Krausz) haben alle Hände voll zu tun, mit allen im Haus.

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1 Antwort

  1. Sehr geehrter Herr Tittelbach,

    ja eine schöne Bescherung, meine Frau und ich haben bis 21:00 Uhr zugesehen……
    Alles gute Schauspieler keine Frage.
    Leider mussten wir um 21:00 Uhr abschalten – wir konnten nicht einmal lachen ho ho ho
    Haben sie einen anderen Film gesehen?
    Weitere „Trauermeldungen“ Der letzte Münstertatort = Schrott, Doppeltatort Supergau, München Mord voll für die Tonne. Was da dem „Normalen“ Zuschauer zugemutet wird, ist schon „Körperverletzung.

    Mit freundlichen aber traurigen Grüßen
    Annette und Manfred Kampmann

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Fernsehfilm

Servus TV, ZDF

Mit Heino Ferch, Ulrike C. Tscharre, Jürgen Vogel, Anja Kling, Margarita Broich, Maja Bons, Noëmi Krausz, Christopher Schärf, Thomas Thieme, Walter Kreye, Carol Schuler, Dominic Marcus Singer und Adele Neuhauser als Erzählerin

Kamera: Maximilian Hoever

Szenenbild: Nina Salak, Katharina Haring

Kostüm: Elisabeth Fritsche

Schnitt: Jan Ruschke

Musik: Florian Tessloff

Redaktion: Frank Zervos, Petra Tilger (beide ZDF), Frank Holderied, Robert Feitzinger (beide Servus TV)

Produktionsfirma: Studio Zentral, Graf Filmproduktion

Produktion: Lasse Scharpen, Livia Graf-Bechler

Drehbuch: Magnus Vattrodt

Regie: Isabel Braak

Quote: 4,89 Mio. Zuschauer (20,5% MA)

EA: 15.11.2025 10:00 Uhr | ZDF-Stream

weitere EA: 22.12.2025 20:15 Uhr | ZDF

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