Charlotte Link – Einsame Nacht

Henny Reents, Gregorowicz, Veith, Grass, Matschenz, Jörg Lühdorff. Dinge, die nicht zu verzeihen sind

Foto: ARD Degeto Film / Khuram Qadeer Mirza
Foto Tilmann P. Gangloff

Die dritte Charlotte-Link-Verfilmung mit Henny Reents und Lucas Gregorowicz, „Einsame Nacht“ (Degeto / W&B), ist mit 180 Minuten zwar etwas zu lang, erzählt jedoch eine fesselnde Geschichte, die das Publikum mit Hilfe einer arglistigen Täuschung kräftig an der Nase ’rumführt. Rückblenden schildern das triste Mobbing-Schicksal eines übergewichtigen Jungen, in der Gegenwart wird der Norden Yorkshires von einer Mordserie erschüttert. Gerade Teil eins hätte sich straffer erzählen lassen, aber Teil zwei ist ziemlich spannend.

Eine arglistige Täuschung kann strafrechtliche Konsequenzen haben, wenn der getäuschten Person ein tatsächlicher Schaden entsteht. Das ist bei einer TV-Produktion in der Regel auszuschließen. Selbst wenn dieser Zweiteiler mit knapp 180 Minuten zu lang geraten ist: Zeitverschwendung ist nicht justiziabel. Die arglistige Täuschung wiederum ist in diesem Fall sehr willkommen: weil es Benjamin Benedict (Buch und Produktion) sowie Jörg Lühdorff (Buch und Regie) tatsächlich gelingt, ein krimiversiertes Publikum über weite Strecken an der Nase ’rumzuführen.

„Einsame Nacht“, wie auch die beiden letzten Charlotte-Link-Verfilmungen mit Henny Reents und Lucas Gregorowicz („Die Suche“, 2021; „Ohne Schuld“, 2024) im Norden Yorkshires angesiedelt, beginnt mit einer widerwärtigen Tat: Ein korpulenter junger Mann öffnet arglos die Haustür und wird kurz darauf auf übelste Weise malträtiert. Gerade noch hat er ein Lied gesungen, nun integriert Oliver Biehler die Melodie (wie auch am Schluss von Teil eins) in die Filmmusik. Die Komposition ist aufgrund ihrer Wucht in den folgenden drei Stunden mitunter fast zu präsent, aber sehr hörenswert. Aus dem Off sagt eine weibliche Frauenstimme: „Verzeihen ist die beste Rache, heißt es, aber das ist falsch, lächerlich falsch. Es gibt Dinge, die nicht zu verzeihen sind.“

Charlotte Link – Einsame NachtFoto: ARD Degeto Film / Khuram Qadeer Mirza
Ein rätselhafter Fall bleibt für Chief Inspector Hale (Lucas Gregorowicz) ungelöst und beendet seine Karriere – als Alkoholiker.

Wie sich bald darauf zeigt, ist der Auftakt eine Rückblende. Zehn Jahre später liegt Alvin Mallory immer noch im Koma. Bis heute hat Caleb Hale (Lucas Gregorowicz) nicht verwunden, dass er diesen Fall nie klären konnte. Mittlerweile ist der frühere Chefinspektor Alkoholiker und aus dem Polizeidienst ausgeschieden. Seine ehemalige Partnerin Kate Linville (Henny Reents) hat eine neue Chefin (Helena Grass), die ihr strikt jeden beruflichen Kontakt zu Caleb untersagt, dabei könnte Kate seine Hilfe gut brauchen: Als eine Frau erstochen in ihrem Auto entdeckt wird, finden sich am Tatort die gleichen Fingerabdrücke wie einst im Haus der Mallorys. Der Mord ist jedoch nur der Auftakt zu einer Serie, in deren Mittelpunkt die junge Altenpflegerin Mila Henderson steht: Wo immer sie auftaucht, gibt es eine Leiche.

Die Krimiebene bildet jedoch nur den Handlungsrahmen für eine Geschichte, die vor allem durch die Verschränkung mit der Vergangenheit fesselt. Lühdorff hat diese Rückblenden in ein warmes Licht getaucht (Bildgestaltung: Philipp Timme), das in kräftigem Kontrast nicht nur zur eher tristen Gegenwart, sondern auch zu den Ereignissen steht: Ein Junge ist wegen seines starken Übergewichts das Gespött der Klasse. Eines Tages verliebt er sich in eine neue Mitschülerin. Als Mila Henderson ihm klarmacht, dass sie nichts für ihn empfindet, entwickelt er einen zügellosen Hass, der fortan all’ sein Denken und Tun bestimmt.

Charlotte Link – Einsame NachtFoto: ARD Degeto Film / Khuram Qadeer Mirza
Ein schönes Pärchen? Sam Harris (Jacob Matschenz) weiß wenig über die Vergangenheit seiner Freundin Anna (Lara Feith).

Neugier ist der Motor jedes Krimis. Hier gilt das vor allem für die Frage, wie Gegenwart und Vergangenheit miteinander zusammenhängen; Lühdorff beantwortet sie mit einem ebenso kühnen wie verblüffenden Übergang. Dass die Ermittlerin am Ende selbst in Gefahr gerät, sorgt für zusätzlichen Reiz. Aus dem Rahmen fällt allein der Ex-Kollege: Caleb ist alles andere als ein strahlender Held und daher keine nennenswerte Hilfe, aber auch das macht die Sache nur noch interessanter. Angesichts der komplexen, clever konstruierten und mehrfach verblüffenden Handlung kann es sich Lühdorff sogar leisten, Milena Tscharntke, hier regelrecht enthübscht, erst im letzten Akt den Raum zu gewähren, der ihr gebührt, denn Mila Henderson ist der eigentliche Dreh- und Angelpunkt dieser Geschichte. Viel mehr Spielzeit bekommt gerade im ersten Film jedoch Lara Feith, die ihre Rolle über weite Strecken als Reh im nächtlichen Scheinwerferlicht anlegt: Die psychisch labile Anna Carter arbeitet für eine Dating-Agentur, die Veranstaltungen für Singles anbietet. Die ermordete Frau war in ihrem Kochkurs, aber Anna hat auch eine überraschende Verbindung zu Alvin.

Dass „Einsame Nacht“ trotz des langen fesselnden Finales nicht rundum überzeugt, hat nicht nur mit der Überlänge zu tun. Viele der regelmäßig erklingenden Off-Kommentare sind überflüssig, erst recht, wenn Kate zusammenfasst, was das Publikum gerade mit eigenen Augen gesehen hat. Oft sind die inneren Monologe zudem nicht gut gesprochen. Auch die Übersetzung der einheimischen Mitwirkenden klingt mit ihren sinnfreien Kunstpausen allzu sehr nach Synchrondeutsch, und wenn eine Hand in Großaufnahme erst zur Faust geballt wird und später gleich zweimal wütend einen Stift zerbricht, wirkt das nicht nur angesichts der ansonsten sachlichen Inszenierung plump und effekthascherisch.

Charlotte Link – Einsame NachtFoto: ARD Degeto Film / Khuram Qadeer Mirza
Zumindest in Teil 2 ist für Spannung gesorgt. Polizeichefin Pamela Graybourne (Helene Grass) hat die Gefahren unterschätzt.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von ARD Mediaplayer. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

tittelbach.tv ist mir was wert

Mit Ihrem Beitrag sorgen Sie dafür, dass tittelbach.tv kostenfrei bleibt!

2 Antworten

  1. Die Macher von „Charlotte Link – Einsame Nacht“ waren ganz offensichtlich noch nie in einem Polizeirevier.
    In dem Film gibt es ausschließlich weibliche Kriminalbeamte. Der einzige männliche Kommissar ist Alki und nicht mehr im Dienst. Offensichtlich gibt es bei der Kripo einen höheren weiblichen Anteil, als in Berufen wie Hebamme oder Kindergärtnerinnen.
    Urteil: Kein Hauch von Realität.

  2. Leider sind zu viele Schnittfehler in der Kontinuität. z.B. aus ein leeren Glas, plötzlich wieder trinken, usw.
    Dazu, die über Tage unveränderte Kleidung der Figuren, egal ob Tag oder Nacht, usw. Als Krimi, gut gemacht, aber diese Art von Kleinigkeiten stören…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Reihe

ARD Degeto

Mit Henny Reents, Lucas Gregorowicz, Lara Veith, Helene Grass, Jacob Matschenz, Milena Tscharntke, Anke Sabrina Beermann, Philipp Walsch, Ben Bela Böhm

Kamera: Philipp Timme

Szenenbild: Damien Creagh

Kostüm: Lloyd Middleton, Libby Da Costa

Schnitt: Ollie Lanvermann

Musik: Oliver Biehler

Soundtrack: Callum J. Wright & Mysha Didi („I Can See Clearly Now“)

Redaktion: Claudia Luzius, Christoph Pellander, Eva Scholz

Produktionsfirma: W&B Television

Produktion: Benjamin Benedict, Quirin Berg, Max Wiedemann

Drehbuch: Benjamin Benedict, Jörg Lühdorff – nach einem Roman von Charlotte Link

Regie: Jörg Lühdorff

Quote: (1): 4,51 Mio. Zuschauer (20,4% MA); (2): 3,23 Mio. (14,6% MA)

EA: 02.10.2025 10:00 Uhr | ARD-Mediathek

weitere EA: 02.+03.10.2025 20:15 Uhr | ARD

tittelbach.tv ist mir was wert

Sie lesen die Seite regelmäßig?

Damit t.tv so bleibt, wie Sie die preisgekrönte Fernsehkritik-Website kennen, also weiterhin unabhängig & frei zugänglich, wäre eine (regelmäßige) Unterstützung hilfreich, gern auch von denen, die die Seite beruflich nutzen und denen sie persönlich zugutekommt, den Kreativen, den Redakteuren, den Journalisten …