Aus Sicht von Fußballvereinen sind Berater „geldgierige Piranhas“, weil ihr Interesse weniger dem Erfolg der Profis, sondern in erster Linie dem eigenen Bankkonto gilt. Aber wie ist das beim Film? Seit 2015 führt die französische Serie „Dix pour cent“ in mittlerweile vier Staffeln vor Augen, dass es auch hier vor allem ums Geschäft geht. Im Zentrum der Geschichten steht eine große Pariser Schauspielagentur. Der Titel, „Zehn Prozent“, bezieht sich auf den Anteil an der Gage, die sie bei erfolgreichen Vermittlungen kassiert. Die deutsche Adaption setzt zwar viele eigene Akzente, erfreut aber wie das Original (hierzulande bei Netflix unter dem Titel „Call My Agent”) nicht zuletzt durch die selbstironischen Eskapaden der prominenten Mitwirkenden.
Als die Handlung beginnt, kommen schwere Zeiten auf die Berliner Agentur Stern zu. Der Gründer, Richard Stern (Sven Eric Bechtolf), hat sich ganz dem Kino verschrieben; sein Partner und designierter Nachfolger Gabor Reichenberg (Lucas Gregorowicz) drängt darauf, auch Influencer zu vertreten und Werbeaufträge anzunehmen. Als Stern stirbt, will Witwe Olympia (Corinna Kirchhoff) das verhasste Erbe meistbietend verscherbeln; dem Gatten waren die Firma und seine Affären mit Schauspielerinnen stets wichtiger als die Ehe. Gabor, der nur eine Minderheit der Anteile hält, will den Verkauf verhindern. Seine vermögende Frau (Jana Klinge) könnte helfen, aber ihr Verhältnis zur Agentur ist auch nicht viel besser als das von Olympia; erst recht, als sich herausstellt, dass es sich bei der neuen Mitarbeiterin Sophie (Dana Herfurth) um eine vor gut zwanzig Jahren gezeugte uneheliche Tochter Gabors handelt.
Foto: Disney+ / Conrad Bauer
Dieser Teil der Handlung bildet nur den Rahmen für eine Vielzahl von Nebenschauplätzen, die den eigentlichen Reiz der Serie ausmachen. Während Gabor versucht, neben der Agentur auch seine Ehe zu retten, kümmert sich der Rest der Belegschaft um die sensiblen Stars. Auf dieser Ebene spielen die Drehbücher mit allen nur erdenklichen Klischees, die wiederum von den Episodengästen mit spürbarer Freude dargeboten werden: Frederick Lau ist von Emilia Schüle hingerissen und will unbedingt in einer modernisierten Variante von „Gefährliche Liebschaften“ mitwirken, doch die Kollegin hält ihn für eine komplette Fehlbesetzung. Moritz Bleibtreu, der sich gerade erst bei Johannes B. Kerner wegen seines Alters um Kopf und Kragen geredet hat, ist Kandidat für eine Hauptrolle im neuen Film von Christopher Nolan, aber nur, wenn er sich mit Hilfe einiger kleiner Eingriffe um zehn Jahre jünger machen lässt. Kostja Ullmann droht ein komplettes Projekt zu gefährden, weil er irrtümlich in den Fantasyfilm einer schrägen skandinavischen Regisseurin geraten ist; nun droht der Agentur eine Strafzahlung in Millionenhöhe. Heike Makatsch träumt von einer Liebesbeziehung à la „Notting Hill“, Veronica Ferres versucht sich als Stand-up-Comedian, was erwartungsgemäß in die Hose geht, Jürgen Vogel will endlich wieder was Lustiges spielen, Iris Berben hat keine Lust mehr auf die „verlogene Filmwelt“, und Alicia von Rittberg und Max von der Groeben tragen öffentlich eine Beziehungskrise aus.
Schon allein diese liebevoll auf deutsche Verhältnisse übertragenen Geschichten sind ein großer selbstreferenzieller Spaß. Bei den zentralen Figuren haben sich die Chefautoren Johann Buchholz und Timon Karl Kaleyta an der Vorlage orientiert: Sascha Massko und Konstantin Koepp lieben ihren Beruf und sind rund um die Uhr bereit, alles zu tun, um ihre Klientinnen und Klienten immer wieder aus dem Schlamassel zu holen, zumal sie ihrer Arbeit im Unterschied zu vielen anderen in der Filmbranche ohne Zynismus nachgehen. Gemeinsam mit Lucas Gregorowicz sind Karin Hanczewski und Michael Klammer im Zusammenspiel mit Benny O. Arthur, Taynara Silva Wolf, Janina Elkin (als zweite Arbeitsebene) ein weiterer Grund, warum die Serie mehr als sehenswert ist – weil es ihnen in Kombination mit den Charakteren gelingt, so etwas wie eine Serien-„Familie“ zu etablieren. Das funktionierte schon im Original fast ähnlich gut wie die Werbeagentur-Family in der US-Ausnahmeserie „Mad Men“.
Foto: Disney+
Neben dem permanenten Auf und Ab beim Kampf um die Zukunft der Agentur, der schließlich wie bei Shakespeare in den Versuch eines Königsmords gipfelt, sorgen die emotionalen Verwicklungen des Trios dafür, dass die Serie gut 400 Minuten ohne auch nur den Hauch eines Durchhängers fesselt. Als besonders brisant erweist sich Saschas Promiskuität. Die lesbische Agentin stürzt sich in immer wieder neue Affären. Als sich eine von ihr versetzte Finanzbeamtin mittels Steuerprüfung rächen will, kann Sascha – Arbeitsmotto: „Filme sind wichtiger als das Leben“ – die Agentur gerade noch vor erheblichen Problemen bewahren, aber Nicole (Seyneb Saleh) will mehr sein als bloß eine flüchtige Bekanntschaft. Dieses andauernde Wechselbad ist typisch für die Dramaturgie: Kaum ist ein Problem mit Hilfe von Pendeldiplomatie, Manipulation oder schlichter Erpressung gelöst, taucht das nächste auf.
Ähnlich kurzweilig ist dank der agilen Kamera (Bildgestaltung: Ngo The Chau, Jieun Yi) auch die Umsetzung; Buchholz hat die letzten beiden Folgen selbst inszeniert, den Rest besorgten Boris Kunz und Laura Lackmann. Die meisten Szenen spielen in der Agentur, weshalb die Setbesuche ein umso größeres Vergnügen sind. Filme über die Entstehung von Filmen sind seltsamerweise traditionell nicht sonderlich erfolgreich, aber die Blicke hinter die Kulissen sind auch diesmal sehr reizvoll, zumal die „Film im Film“-Momente kunstvoll integriert sind und überdies in direktem Zusammenhang mit der Rahmenhandlung stehen. Groß in jeder Hinsicht ist auch der Beitrag von David Reichelt, der das sinfonische Leitmotiv aus den Szenen mit Lau/Schüle in seine mit viel Klassik gewürzte Filmmusik integriert. Selbst wenn es viele Parallelen zu „Dix pour cent“ gibt: Nicht nur wegen des enormen Aufwands und des etwas subtileren Humors ist „Call My Agent Berlin“ weit mehr als bloß ein Abklatsch des Originals.

