Den Tränen über die Männer und die Liebe folgt ein Herzensentschluss: Viola (Christina Große) entsagt der Zweisamkeit. Diese Frau um die 50 will sich nicht länger in ihren Beziehungen verbiegen. Zu oft wurde sie in den letzten Jahren enttäuscht – und alleingelassen. Erst stirbt ihr geliebter Ehemann, danach folgten langweilige Luschen und unverschämte Machos. Ausgerechnet jetzt stellt sich das Universum quer. Ein Wahrsager (Simon Pearce) prophezeit ihr Großes: „Der Wasserfall der Liebe ergießt sich über dich.“ Und tatsächlich: Plötzlich strahlen ihr überall charmante Männer entgegen und können den Blick nicht von ihr lassen. Einer von ihnen ist Benno Martius (Tim Bergmann), ein Hotelmanager, der zunächst nur ihre Dienste als Innenarchitektin in Anspruch nimmt, sich bald aber sehr viel mehr vorstellen kann. „Dann legen Sie sich mal ins Zeug“, motiviert ihn Violas Chefin (Charlotte Schwab). Sie meint das rein geschäftlich. Schon beim zweiten Meeting landet Viola mit ihrem Kunden im Bett. Allerdings rein geschäftlich. Ein ganz anderes Kaliber ist Violas Nachbar Dr. Justus Förster (Heino Ferch), seines Zeichens Psychiater von der sarkastisch-zynischen Art. Nach einem lächerlichen Unfall am Fahrradständer, an dem Viola nicht ganz unschuldig ist, trägt der Herr Doktor ein Bein in Gips und ist fortan noch grantiger. Die Beziehung zwischen den beiden scheint sich auch dadurch kaum zu entspannen, dass Viola der Bitte von Försters Freundin (Victoria Mayer) nachkommt und den unbeweglichen Großkotz ein paar Tage umsorgt.
Auch wenn der Labelbegriff nach wie vor frommer Wunsch bleibt, so hat sich doch das ZDF-„Herzkino“ ansehnlich entwickelt. Nach (leider kurzlebigen) Reihen, die sich mehr um Freundschaften als um amouröse Beziehungen drehten wie „Freunde sind mehr“ oder „Unterm Apfelbaum“ (später: „Zimmer im Grünen“), haben die Mainzer Reihen wie das launig-luftige Medical „Dr. Nice“ (ab Oktober sechs neue Episoden) oder „Neuer Wind im Alten Land“ mit Felicitas Woll erfolgreich etabliert. Der Titel der Reihe um eine abgestürzte Star-Journalistin, die in ihrer alten Heimat politisch kleinere Brötchen backt, könnte sinnbildlich für die Qualitäts-Entwicklung am ZDF-Sonntag stehen. Schließlich will man ja nicht nur die älteren „Tatort“-abtrünnigen Zuschauerinnen gewinnen, sondern vor allem auch in der ZDF-Mediathek, die längst nicht mehr so heißt, andere Zielgruppen ansprechen. Zu diesem Konzept gehört auch, weniger auf Episoden der Marken „Rosamunde Pilcher“ und „Inga Lindström“ zu setzen und verstärkt Einzelstücke mit hohem Wohlfühlfaktor, Premium-Schauspielern, soliden bis originellen Plots in einer flotten, zeitgemäßen Inszenierung zu präsentieren. Im Frühjahr gelang dies bestens mit der gleichgeschlechtlichen Romanze „Baumgeflüster“ und der klugen Beziehungs-Dramedy „Zwei am Zug“ mit Katharina Wackernagel und Rick Okon.
Foto: ZDF / Hendrik Heiden
Die Einzelstücke zum Auftakt der neuen „Herzkino“-Saison sind ähnlich vielversprechend. Sieht der muntere Beziehungsreigen von „Eine Wingwoman verliebt sich nicht“ (30.8.) noch sehr nach einer jener TV-Movie-Komödien aus, wie sie in den 2010er Jahren von Sat 1 produziert wurden, ist „Bloß nicht Liebe“ eine sympathische Spur erwachsener. Variiert werden die gängigen Romantic-Comedy-Muster Eine Frau zwischen zwei Männern und Zwei, die sich nicht riechen können so charmant, dass man das dramaturgisch Formelhafte daran übersehen kann. Spätestens als der einsame Trotzkopf und die quirlige Liebesabstinenzlerin beschließen, sich „wie normale Menschen“ zu benehmen, brechen die Charaktere aus ihrem Konfliktkorsett – und finden zu sich und zwischenzeitlich zueinander. Eines Abends bekommt Olivia eine Gratis-Therapiestunde. „Macht Ihnen Liebe Angst?“, fragt Förster. „Natürlich.“ Aber auch der Psychiater ist nicht gerade ein Spezialist in Sachen Paarbeziehung, gehört zur Spezies der Therapeuten, die andere gut beraten, deren Beziehungen selbst aber krachend scheitern. Diese Szene einer Annäherung ist das kraftvolle Herzstück von „Bloß nicht Liebe“. Am Ende bedankt sich Olivia, sie scheint sich endgültig von dem Gedanken, als Single glücklich zu werden, zu verabschieden. Doch das Objekt ihres Begehrens ist der Mann, der so anders ist als die anderen – aufmerksam, warmherzig und verletzlich: ihr Geschäftspartner Martius. Bei Förster scheint es dagegen gefunkt zu haben. Diese Frau, auf die er seine eigenen Bindungsängste projiziert hat, ist offenbar doch nicht so eine Männerhasserin wie vermutet. Am Ende der Nacht könnte er eine Therapie gebrauchen.
Soundtrack: Burt Bacharach („What The World Needs Now Is Love“), John Paul Young („Love Is In The Air“), Etta James („At Last“), Bert Kaempfert („Danke schön“), The Grey Havens („Black Bird“), Lauren Daigle („Don’t Dream It’s Over“), Coldplay („We All Fall in Love Sometimes“), Dionne Warwick („What The World Needs Now Is Love“)
Ein fliegender herzförmiger Luftballon, dazu ein Burt-Bacharach-Klassiker, Sommer vom Balkon, Hinterhof, Treppenhaus, ein öffentlich ausgetragener Beziehungsstreit: Es ist der märchenhafte und zugleich alltagsnahe Mikrokosmos, den Autorin Dominique Lorenz („Sturköpfe“) in „Bloß nicht Liebe“ entwirft und den Regisseur Sebastian Stern („Familie Anders“) sommerlich bunt ausmalt, welcher Zuschauer, die dem Genre zugeneigt sind, von Beginn an für sich einnehmen dürfte. Einen Wahrsager zu bemühen, mag albern wirken, betont allerdings die surreal romantische Note des Films, die auch immer wieder zeichenhaft ins Bild gesetzt wird. Wolkenherzen bilden sich am Himmel, ein Briefträger bestaunt den prophezeiten „Wasserfall der Liebe“, und er ist nicht allein: Olivia zieht – in augenzwinkernden Momenten – die Blicke aller Männer auf sich. Als ihr Wagen heiß läuft, kommt der „Abschlepp“-Dienst wie vom Himmel geschickt in Zeitlupe um die Ecke – zu den Klängen von „Take A Breath Away“, echte Kerle, „Top Gun“ lässt grüßen! Später bleiben sie und Martius im Fahrstuhl des Hotels stecken, was sich ihr immer wuschiger werdender Verehrer insgeheim erhofft hat und was sie in Panik versetzt. Sie erkennt, dass da etwas Seltsames vor sich geht.
Foto: ZDF / Hendrik Heiden
Offensichtlich sollte sich Olivia nicht mit dem Universum anlegen. Diese Verunsicherung spielt Christina Große ganz vorzüglich, sie wechselt von ernst und gekränkt zu ironisch und irritiert und weiter zu Screwball-Comedy-liker Schusseligkeit. Egal, wie sie sich in den Situationen auch verhalten muss: Dieser Olivia fehlt es an Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Dieser eine Moment, in dem ihr zukünftiger Ex in der Eingangsszene die Butter auf dem Frühstückstisch vermisst, dieses „Oh Gott, ja, stimmt“ charakterisiert diese Frau in zwei Sekunden perfekt. Ähnlich wie man als Zuschauer zuvor ihrem kurzen Blick vom Balkon zu ihrem Nachbarn folgen konnte: So missmutig wie da dieser Mann seine Flaschen sortiert, vorzugsweise Weinflaschen, deutet bereits an, dass dieser Psychiater sich und die Welt nicht besonders mag. Heino Ferch trifft die verschiedenen Stimmungslagen seiner Figur ebenso überzeugend wie Große. Deutlicher noch als Olivia ist Tim Bergmanns Figur typisch für einige Screwball-Comedys der goldenen Hollywood-Ära wie „Eine Frau für alle Fälle“ oder „Die Nacht vor der Hochzeit“: Martius ist moralisch integer, nett, unsicher und erotisch unbeholfen. Auch Bergmann versieht dieses Rollenmuster gedrosselter Lebendigkeit mit Witz und Fremdschammomenten. Zum wunderbaren Spiel der drei Hauptdarsteller hinzukommt die Dichte der tonlagentechnisch abwechslungsreichen Szenen, die tiefer gehen als das küchenpsychologische Blabla der meisten „Herzkino“-Filme. Und das enorme Tempo. Alles zusammen ergibt einen unwiderstehlichen Flow (beim Kritiker), der erfolgreiche Netflix-Komödien wie „Mein bester Freund, seine Freundin und ich“ oder „Spieleabend“ deutlich in den Schatten stellt.


2 Kommentare
ein schöner Film.
Der beschriebene Flow stellt sich nach den erklärenden Anfangsminuten (wer ist wer) automatisch ein, mit der Zeit erfährt man noch etwas mehr über die Personen. Das ist weder oberflächlich noch überladen, wie es in so vielen Filmen schief geht.
Ausgewogen und mit Leichtigkeit wird die Geschichte erzählt, UND: es gibt keinen Sex. Das ist mittlerweile so selten geworden (abgesehen von zB Eisenbahn-Dokus), dass es die Hervorhebung lohnt.
Auch wenn das Ende vergleichsweise absehbar war, hat der Film mich gut unterhalten.
Köstlicher Film. Und spritzige Dialoge!
Man schöpft Hoffnung, dass sich der Filminhalt auch in der Realität spiegeln könnte.
Mutig finde ich die Witwe,welche sich wagt, Neues spüren zu wollen.
Ohne sich selbst aus den Augen zu verlieren.
Herrlich schrullig ist der Psychiater. Auch sein Mut, am Ende, sich langsam als Mensch öffnen zu wollen.
Fazit: Die wunderbare normale Welt der Liebe und Finden der Liebe wird im Film sichtbar!