Was damals zunächst noch bloß eine Hypothese war, ist nun Gewissheit: Es gibt sie, die andere Welt, ungleich düsterer als die hiesige, und von Zeit zu Zeit tut sich ein Riss auf. Dann kann das Grauen, das dort haust, zu uns herüberkommen. Das gilt natürlich auch umgekehrt, weshalb immer wieder mal unschuldige Menschen, bevorzugt solche, die reinen Herzens sind, in dieser Anderwelt verschwinden. Das ist in aller Kürze die Geschichte des sehenswerten und stellenweise ziemlich gruseligen Zweiteilers „Wäldern“, den das „Erste“ im September 2024 ausgestrahlt hat. Teil zwei schrie förmlich nach Fortsetzung, und weil die Quote offenbar stimmte, gibt es nun zwei weitere Filme.
Foto: WDR / Flare Film / Guido Engels
Die Drehbücher stammen erneut von Martin Simons und Till Franzen, letzterer hat wieder Regie geführt; deshalb ist es umso erstaunlicher, dass die Qualität deutlich hinter den Maßstäben gerade des damaligen Auftaktfilms zurückbleibt. Wer „Wäldern“ nicht gesehen hat, kann der Handlung ohnehin erst mal nicht folgen, aber auch mit Kenntnis der Teile eins und zwei stellt sich eine gewisse Orientierungslosigkeit ein, schließlich sind seit der Ausstrahlung einige hundert Film- und Serienabende vergangen. Die Grundzüge der Handlung haben sich allerdings nicht geändert: Noch immer sucht Musiklehrerin Lara Glanz (Rosalie Thomass) in ihrem früheren Heimatort Wäldern im Bergischen Land nach ihrer vor gut einem halben Jahr verschwundenen vierzehnjährigen Nichte Magda.
Der Reiz der beiden Filme liegt im Kommen und Gehen zwischen den beiden Welten. Wie sich herausstellt, hüten die Mitglieder der Familie Glanz seit langer Zeit die Schwelle, die das Diesseits vom Jenseits trennt, doch jetzt ist der Übergang durchlässig geworden. Um das ursprüngliche Kräfteverhältnis wiederherzustellen, taucht plötzlich Laras verstorbener Vater (Sven-Eric Bechtolf) auf. Im Gegenzug wechselt später eine hilfsbereite Bibliothekarin (Marita Breuer), die „Hüterin der Kinder“, in die Anderwelt, um Magda zu beschützen. Weil der erzählerische Nukleus wie in vielen solchen Geschichten im Grunde überschaubar ist, haben Simons und Franzen allerlei drumherum gedichtet. Das hat damals funktioniert, auch wenn Teil zwei längst nicht mehr so intensiv inszeniert war.
Foto: WDR / Flare Film / Guido Engels
Diese Tendenz hat sich fortgesetzt. Die Handlung tritt oftmals auf der Stelle oder ist redundant; beide Filme sind zuweilen etwas zäh. Knapp 180 Minuten sind daher entschieden zu viel Sendezeit; vielleicht hätten vier Folgen à 45 Minuten dank jeweiliger Spannungsbögen für eine fesselndere Binnendramaturgie gesorgt. Außerdem wirken die Ensemblemitglieder zuweilen unterbeschäftigt. Was im Reihenkrimi die Autofahrten und Reviergespräche sind, sind hier Laras Waldwanderungen und der Austausch mit ihrer mütterlichen Freundin, einer Expertin für Esoterik (Sabine Vitua). Mitunter passiert auch mal gar nichts, weshalb diverse bedeutungsschwangere und mit entsprechend besorgter Miene deklamierte Sätze umso prätentiöser klingen: „Die Welt gerät aus den Fugen“, „Es stehen schwere Zeiten bevor“, „Es ist was in Bewegung“; als hätten sich Simons und Franzen einen Wettbewerb in Sachen Rätselhaftigkeit geliefert, um „Wäldern“ einen Hauch von „Twin Peaks“ zu verleihen.
Sehens- und hörenswert ist allerdings die handwerkliche Ebene. Die düstere Bildgestaltung (wieder Alina Albrecht) ist auch diesmal eindrucksvoll. Weil es vor der Kamera nur selten gruselig wird, sorgt die Tonspur für die passende Atmosphäre. Die Musik (Hannah von Hübbenet und Raphael Schalz) hält zumindest akustisch die Spannung hoch, das Sounddesign vertont mit Geräuschen und Gewisper das seelische Ungleichgewicht der Hauptfiguren. Im vierten Film kommt dann endlich auch das Böse zur Geltung. Bibiana Beglau, in jeder Hinsicht ein Gegenentwurf zu Rosalie Thomass, ist dank ihrer etwas speziellen und andernorts oft gewöhnungsbedürftigen Spielweise eine gute Wahl als Antagonistin; zumindest zu Beginn. Dann jedoch begnügt sie sich nicht mehr damit, das Grauen zu verkörpern, was bis dahin dank ihrer kraftvollen Präsenz vollauf genügt hat. Nun will sie es auch darstellen. Das gipfelt in einer Szene, die aufgrund der Stummfilm-Mimik eher unfreiwillig erheiternd als furchteinflößend ist. Wirklich bedrohlich ist dagegen ein auch durch die akustische Untermalung sehr effektvoller optischer Einfall, der die Wiedergängerin im Schattenspiel zeigt. Gerade Genre-Fans werden Beglaus Darbietung irgendwann trotzdem nicht mehr ernst nehmen. Am Ende ist Lara nicht weiter als zu Beginn, sodass eine weitere Fortsetzung zumindest inhaltlich angebracht wäre, doch diesmal schreit womöglich niemand danach.

