Auf der Haut der jungen Frau namens Anna, deren Leiche mehrere Wochen nach ihrem Tod von einem Angler im See entdeckt wird, finden die Ermittler einen „Zuhälterstempel“ – eine Art Strichcode wie bei einer Ware im Supermarkt. Und das sind die Prostituierten in dieser Rostocker „Polizeiruf“-Episode auch: menschliche Waren, die von ihren Zuhältern und Freiern wie Eigentum behandelt werden – ein Machtgefälle, das auch dann bestehen bleibt, wenn die Frauen scheinbar wohlwollend behandelt oder gar „befreit“ werden sollen. In der Eingangsszene sehen wir ein geschundenes, ausgehungertes Mädchen in der Gewalt von zwei Männern. Ein Stück Brot muss sie sich „erst verdienen“. Was das bedeutet, ist unschwer zu erraten und wird nicht gezeigt. Dafür springt die Handlung mit dem nächsten Schnitt einige Jahre weiter. Die minderjährige Natasha (Anastasiia Mazhara) hat sich in eine sexy aufgedonnerte junge Frau verwandelt, die von Zuhälter Petko (Liliom Lewald) zu einem Hotel gefahren wird: Dort wird sie mit Champagner und zärtlichen Worten von Rechtsanwalt Bastian Hoyer (Christian Erdmann) empfangen. Es scheint so, als wollte Hoyer Natasha den Weg in die Freiheit ermöglichen. Die zu Tode gefolterte und im See versenkte Anna will dagegen niemand gekannt haben. Um Spuren zu verwischen, wurde das Ferienhaus, in dem die Tat geschah, niedergebrannt.
Foto: NDR / Boris Laewen
Die Episode „Sie haben Namen“ prangert in selten gesehener Konsequenz das System der legalen Prostitution in Deutschland an. Zwar wird Natasha, die Schlüsselfigur des Films, nicht eine reine Opfer-Figur bleiben, doch die Botschaft ist eindeutig: Der Kern der Prostitution liegt in der Unterwerfung der Frauen durch ein kriminelles Netzwerk – und in der Gier und Gleichgültigkeit der männlichen Freier. Wenn Regisseurin Franziska Schlotterer am Ende kurze Videoschnipsel einsetzt, in denen Freier erzählen, warum sie zu Prostituierten gehen, wird deutlich, dass der Film auch jedem einzelnen Mann ins Gewissen reden möchte. Und der zynische Wortschwall von Heiko Mischke (Sönke Möhring), in dem sich der Bordellbesitzer zum Beschützer weiblicher Selbstbestimmung stilisiert, zielt letztlich ebenfalls auf die Debatte um ein Prostitutions-Verbot. Die fassungslosen Blicke und die nur mühsam gezügelte Wut der Kommissarinnen Melly Böwe (Lina Beckmann) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau), bisweilen auch die betretene Miene ihres Chefs Henning Röder (Uwe Preuss), genügen als stumme Kommentare. Die mächtige, aus Osteuropa operierende Organisation bleibt dagegen eine anonyme Macht im Hintergrund. Zwar spielt Korruption eine Rolle, aber die Rostocker Episode ist kein Mafia-Thriller, sondern vor allem ein spannendes, bedrückendes Krimidrama über gesellschaftlich tolerierte männliche Gewalt.
Dabei wird die Brutalität visuell nur angedeutet, auch die unbekleidete weibliche Leiche zu Beginn wird nicht zur Schau gestellt (Kamera: Hanno Lentz). Aber in der herabwürdigenden, die Frauen zum Sexobjekt reduzierenden Sprache ist die Inszenierung umso unmissverständlicher. Dass für eine romantisierende Darstellung kein Platz ist, ist nur folgerichtig: Es treten keine Frauen auf, die vermeintlich selbstbestimmt dem Gewerbe nachgehen, sondern nur Prostituierte mit osteuropäischem Akzent. Und Bordellbesitzer Mischke ist keine schillernd-faszinierende Type, wie es Zuhälter bisweilen in Filmen sind, sondern ein Widerling durch und durch. Eine plakative Gut-Böse-Einteilung ist hier also ein Stück weit unvermeidlich. Dafür sind Mischkes Anwalt Hoyer und die von der Ukrainerin Anastasiia Mazhara bemerkenswert gespielte Natasha weniger leicht zu durchschauende Figuren.
Foto: Boris Laewen
Trotz der ins Auge springenden Botschaft ist die Episode „Sie haben Namen“ komplexer als viele andere Krimis. Denn wie gewohnt werden in Rostock gleichzeitig die verschiedenen, horizontal erzählten Handlungslinien weiterverfolgt, was durchaus herausfordernd ist. Warum etwa der unter großen Schmerzen leidende Kommissar Volker Thiesler (Josef Heynert) derart schlecht auf seine Kolleg*innen zu sprechen ist, erschließt sich nur mit einem Vorwissen, das über die in der letzten Episode („Tu es!“) erlittene Hüftverletzung hinausgeht. Denn dabei spielt auch Thieslers verletzte Eitelkeit eine Rolle, weil ihm Melly Böwe bei der Neu-Besetzung der Stelle von Sascha Bukow vorgezogen wurde. Die Stimmung könnte miserabler nicht sein, jeder hat in diesem „scheiß-verfickten Team“ (Thiesler) mit sich selbst zu tun. Katrin König erfährt wieder ein Stück mehr aus der Vergangenheit ihres kürzlich unverhofft aufgetauchten Vaters Günther Wernecke (Wolfgang Michael). Und der sonst gerne breitbeinige Kommissar Anton Pöschel (Andreas Guenther) zeigt ungewohnt sanfte Seiten, denn er hat sich in die Prostituierte Mila (Katya Molchanova) verliebt und will sie freikaufen.
Die in dieser Episode wichtigste Nebenhandlung, die auch das Thema männliche Gewalt aufgreift, bildet aber Melly Böwes Geschichte. Die Kommissarin erfährt, wer sie als 16-Jährige vergewaltigt hat, und ist hin- und hergerissen, ob sie ihrer Tochter Rose die Wahrheit sagen oder weiter verschweigen soll. Die Konflikte zwischen Täter und Opfer beziehungsweise Mutter und Tochter böten eigentlich – ähnlich wie Königs in die DDR-Vergangenheit weisende Nebenhandlung mit ihrem Vater – Stoff für eigene Filmdramen. In einer Krimireihe müssen sie, wenn sie glaubwürdig erzählt werden sollen, über mehrere Filme gestreckt werden, was beim Rostocker „Polizeiruf“ aufgrund der eingeübten horizontalen Erzählweise auch funktioniert. So tritt Böwes erwachsene Tochter Rose in dieser Episode gar nicht in Erscheinung, dafür kann sich die Kommissarin der Begegnung mit ihrem Vergewaltiger nicht entziehen. Denn der Täter war der heutige Oberstaatsanwalt Jan Jürgens (Thorsten Merten), eine überhebliche, korrupte Type, die immer wieder versucht, die Ermittlungen des Rostocker Teams zu behindern. Lina Beckmann gelingt es, in nur wenigen Szenen den enormen Druck, unter dem die Kommissarin steht, zum Ausdruck zu bringen. Überzeugend auch, wie Beckmann und Anneke Kim Sarnau die behutsam fortschreitende Annäherung der beiden weiblichen Hauptfiguren spielen. Eigentlich befinden sich Böwe und König noch in der Phase des Kennenlernens, in der man nicht frei heraus alle Gefühle teilen mag. Aber hier bekommen beide Gelegenheit, der Kollegin mit Rat, Tat und Trost beizustehen. Es sind die kurzen Lichtblicke in einem auch für Rostocker Verhältnisse besonders trostlosen Fall.
Foto: NDR / Boris Laewen

