Moderne Vampire leben nicht von Blut, sondern von Aufmerksamkeit: Wer hierzulande älter als 14 ist, widmet den verschiedenen Medien jeden Tag sechs bis sieben Stunden. Der größte Zeitfresser ist das Smartphone. Deshalb wirkt es fast schon rührend, dass Antonia Scheurlen und Lucas Thiem in ihrem ersten Drehbuch für den „Usedom-Krimi“ ausgerechnet eine brave Regionalzeitung anprangern. Die zweiten Schuldigen sind der Realität deutlich näher: Besorgte Bürger rotten sich, von reißerischen Artikeln angestachelt, zum Mob zusammen und wollen erreichen, dass ein ehemaliger Straftäter ins Gefängnis kommt; diesmal „für immer“. „Mörder unter uns“ hätte durchaus das Zeug zur Mediensatire, aber für diesen Anspruch ist die Botschaft viel zu schrill verpackt.
Der Film beginnt mit verschiedenen Momentaufnahmen, die sich im Nachhinein als Vermischung mehrerer zeitlicher Ebenen entpuppen. Nacht und Nebel, Menschen mit gezückten Telefonen sowie eine Zeitungsschlagzeile geben Ton und Titel vor. „Die Mörder unter uns: Wenn das Grauen in die Nachbarschaft zurückkehrt“. Entsprechende Fotos zeigen Karin Lossow (Katrin Sass), die einst, damals noch Staatsanwältin, im Affekt ihren treulosen Gatten erschossen hat, sowie einen Mann, der ebenfalls eine Haftstrafe wegen Mordes verbüßt hat. Zunächst wird’s jedoch herzlich, als Lossow beim Hundespaziergang mit ihrem neuen Nachbarn plaudert. Der leutselige Pastor (Axel Ranisch) hat die „Nord-Zeitung“ ebenfalls gelesen und ist der Meinung, angesichts des Verstoßes gegen Lossows Persönlichkeitsrechte sei ein guter Rechtsbeistand vermutlich nützlicher als Gottvertrauen.
Foto: NDR / ARD Degeto Film
Davon abgesehen glaubt der Geistliche, dass den Leuten „was Schönes“ fehlt: „Kirche oder Kneipe – Hauptsache, wir kommen zusammen“; ein frommer Wunsch, der am Ende tatsächlich in Erfüllung geht. Bis dahin ist es jedoch ein langer Weg, der zwar nicht von Leichen gepflastert, aber von zwei großen Blutlachen geprägt ist. Lossows Hund Lucky entdeckt die erste, dann kommt die Polizei; nächtliches Blaulicht, erst recht in großer Vielzahl, ist im Krimi immer besonders wirkungsvoll. Es findet sich zwar kein Opfer, aber eine Patronenhülse von einem Jagdgewehr, und weil Lossow angesichts des großen Aufgebots flapsig von einem Serienmörder spricht, lautet die Schlagzeile des nächsten Tages: „Spürhund von verurteilter Staatsanwältin a.D. entdeckt Massaker an der Seebrücke“. Im Artikel heißt es, Lossow glaube „an einen Serienmörder“.
Zweite unrühmliche Figur neben der für die Beiträge verantwortlichen und gleichermaßen ehrgeizigen wie skrupellosen Journalistin Louisa Malottky (Vanessa Lobil) ist ein „besorgter Bürger“ (Cornelius Schwalm), der umgehend Mario Kachel (Wolfgang Michael) ins Spiel bringt, jenen Mann, der gemeinsam mit Lossow das Titelbild zierte und in der Nähe des vermeintlichen Tatorts gesehen worden ist. Die Rollen der Sensationsreporterin, die die Hexenjagd auf Kachel auslöst („Killer von Usedom“), wie auch des Bürgers sind allerdings viel zu klischeehaft, als dass sie wirklich ernst genommen werden könnten. Im letzten Akt lässt Vanessa Loibl mit unnötig übertriebenem Spiel ohnehin jegliche Zwischentöne vermissen; eigentlich erstaunlich bei einem derart erfahrenen Regisseur wie Matthias Tiefenbacher. Seine Beiträge zu den Donnerstagsreihen im „Ersten“, darunter neben dem „Usedom-Krimi“ und dem „Irland-Krimi“ zuletzt auch „Tiroler Blut“, sind allerdings recht wechselhaft: mal fesselnder Thriller, mal handelsüblich inszenierter TV-Krimi.
Foto: NDR / ARD Degeto Film
Loibls intensivster Moment bildet den Abschluss der durch tatsächliche Ereignisse inspirierten zentralen Handlung, als sie einen tiefen Blick in die Kamera wirft. Auf diese Weise bringt der Film ungleich wirkungsvoller zum Ausdruck, was dem Drehbuchduo offenkundig vorschwebte. Selbst Katrin Sass stößt an ihre Grenzen, wenn Lossow den Appell des Films formulieren muss: „Es geht darum, wie wir Menschen begegnen, die einen Fehler gemacht und dafür gebüßt haben.“ Sympathisch ist immerhin die Idee, Brendel (Rainer Sellien) und Martens (Jana Julia Roth) stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Die Grundsatzdiskussionen des Duos im Streifenwagen wirken zwar aufgesetzt, aber dass die Polizistin und Malottky als Teenager ineinander verliebt waren, beschert dem Film ein interessantes emotionales Dilemma. Ungleich ungewöhnlicher ist jedoch die Idee, dass die Reporterin eine Blutsaugerin nicht bloß im übertragenen Sinn ist; das ist deutlich origineller als das Krimi-obligate Ablenkungsmanöver mit einer glücksspielsüchtigen habgierigen Witwe.

