Kalter Hund

Corinna Harfouch, Lea Drinda, Mayer, Eichhorn, Mraz, Schwem, Pauline Roenneberg. Lachen am Abgrund

Foto: ZDF / Milk Pictures
Foto Tilmann P. Gangloff

Das tragikomische Debütdrama „Kalter Hund“ (ZDF / Milk, Construction) ist getreu dem Motto „Familie kann man sich nicht aussuchen“ eine kurzweilige Parabel über Wut, Schmerz und Schuld. Die chronologisch gedrehte improvisierte Tragikomödie beginnt mit der Vertuschung eines Todesfalls und mündet schließlich in ein verbales Gemetzel zwischen den Hinterbliebenen. Neben dem ausnahmslos sehenswerten Ensemble sind vor allem der zuweilen recht grimmige Humor und die diversen Anspielungen ein großes Vergnügen.

Wenn Filmfamilien einen Todesfall vertuschen, geht’s in der Regel um Geld: weil die Witwe weiterhin die Rente ihres Mannes kassieren will oder weil die verblichene Person im Lotto gewonnen hat. Dass Marianne das Ableben ihres deutlich älteren Gatten verschweigt, hat andere Gründe: Hermann wäre heute hundert geworden. Die Kinder kommen, der Bürgermeister hat sich angesagt, es wird ein festliches Mahl geben, alles ist organisiert. Das lässt sich Marianne doch nicht nehmen, bloß weil der Jubilar das Zeitliche gesegnet hat. Zu allem Überfluss ist er keines natürlichen Todes gestorben, wie die leere Tablettenpackung in seiner Hand belegt. Jetzt ist er also nicht nur tot, sondern hat sich auch noch selbst das Leben genommen; das passt Marianne, der viel daran liegt, den schönen Schein zu wahren, alles gar nicht ins Konzept.

„Kalter Hund“ hat Pauline Roenneberg ihr Regiedebüt genannt. Der Titel bezieht sich erst mal auf die Kekstorte, die’s zum Nachtisch gibt, sie war Hermanns Lieblingskuchen. Nach und nach offenbart der Film jedoch, dass der Gatte keineswegs so ehrenwert war, wie der Bürgermeister in seiner Würdigung des Wohltäters versichert: Immer wieder streut Roenneberg private Videoaufnahmen ein, die den Verblichenen als unsympathischen Patriarchen entlarven. Dem Nachwuchs war er ein fieser Vater, aber auch Marianne hatte anscheinend kein leichtes Leben. „Man soll ja keine schlafenden Hunde wecken“, wird sie später sagen, als sich die Gäste wundern, wo Hermann bleibt.

Kalter HundFoto: ZDF / Milk Pictures
Um ans Licht zu bringen, was lange im Schatten war, wurde ein Heilpraktiker gebeten, eine Familienaufstellung durchzuführen.

Aus dieser Gemengelage hat die Regisseurin einen Film gemacht, der immer wieder sein Vorzeichen ändert, was für viel Abwechslung sorgt, obwohl sich die zweistündige Handlung größtenteils im Haus der Familie zuträgt. „Kalter Hund“ beginnt als tragikomisches Familiendrama, wandelt sich dann jedoch mehr und mehr zur stellenweise makabren Farce: Tochter Valerie (Victoria Mayer) und Enkelin Fanny (Lea Drinda) haben mittlerweile herausgefunden, dass der Alte nicht mehr lebt, spielen die Scharade von Marianne (Corinna Harfouch) aber erst mal mit; auf diese Weise lauscht der tote Hermann im Rollstuhl mit Hut und Sonnenbrille auf dem Balkon der Huldigung einer Blaskapelle.

Wie in vielen Geschichten dieser Art kommt es alsbald zum verbalen Gemetzel: Weil die von Marianne wie eine Leibeigene behandelte vietnamesische Haushaltshilfe (Mai Duong Kieu) aus Rache das Testament versteckt hat, liefern sich die Nachkommen einen heftigen Streit um den Nachlass. Es geht um viel Geld, allerdings nur theoretisch: Hermann hat das Vermögen seiner verstorbenen ersten Frau in eine Stiftung investiert. Sohn Kasimir (Thomas Mraz) sollte die Finanzen verwalten und im besten Fall vermehren, aber das hat wohl nicht ganz geklappt. Taucht das Testament nicht wieder auf, werden das Haus und ein von Valerie geführter Gnadenhof ohnehin in den Besitz einer Tierschutzorganisation übergehen.

Die meisten Rollen sind leicht überzeichnet, aber das Ensemble spielt mit dem nötigen Ernst, sodass sie nicht zu Comedy-Figuren verkommen. Um ans Licht zu bringen, was lange im Schatten war, hat Schamanin Karo (Karoline Eichhorn), Hermanns Tochter aus erster Ehe, einen Heilpraktiker gebeten, eine Familienaufstellung durchzuführen. Da die Hinterbliebenen dabei von Personen aus dem Ort repräsentiert werden, sind plötzlich doppelt so viele Menschen im Wohnzimmer versammelt. Diese Therapiesitzung ist das Herzstück der Geschichte, Roenneberg hat ihr zehn Filmminuten gewidmet. Dabei ergibt sich derart umfangreiches Emotionskonvolut aus Wut, Schmerz und Schuld, dass eine eigene Person nötig ist, um all’ das zu verkörpern; trotzdem eskaliert die Situation.

Kalter HundFoto: ZDF / Milk Pictures
Enkelin Fanny (Lea Drinda) hat längst herausgefunden, dass der Alte nicht mehr lebt, spielt die Scharade aber erst einmal mit.

Das Besondere an „Kalter Hund“ sind nicht zuletzt die Produktionsbedingungen. Die Regisseurin hat bislang größtenteils dokumentarisch gearbeitet. Den Stil ihres Spielfilmdebüts bezeichnet sie als „dokufiktional“: Gedreht wurde chronologisch, denn alle Ensemblemitglieder kannten nur die Rahmenbedingungen und ihre eigene Figur. Einigen Szenen ist die Improvisation anzumerken; Karoline Eichhorn verkörpert ihre Rolle mit derart großer Hingabe, dass die schamanischen Momente wie Realsatire anmuten. Davon abgesehen haben alle Mitwirkenden die Herausforderung bemerkenswert gut bewältigt, immerhin mussten sie ständig spontan reagieren, wenn sich wieder mal ein neues dunkles Geheimnis offenbarte.

Den vertuschten Todesfall hat Roenneberg einst selbst bei ihren Großeltern erlebt. Fanny dürfte daher ihr filmisches Alter Ego sein, zumal die junge Frau als einzige aus der Familie nicht die Nerven verliert und im Gegensatz zu allen anderen auch keinen psychischen Knacks hat. Sie und ihre Oma machen im Verlauf der Handlung die größte Entwicklung durch. Bei Marianne zeigt sich das nicht zuletzt in der Kleidung: Anfangs wirkt sie wie eine alte Frau, am Ende hat sie sich auch optisch zur souveränen neuen Patriarchin gewandelt. Viel Vergnügen bereiten neben den zum Teil grimmigen politischen Anspielungen auch ein verblüffendes James-Bond-Zitat, der groteske Quasi-Tod eines längst verstorbenen Onkels sowie ein junger Beerdigungsunternehmer (Jeremias Meyer), in den sich Fanny ein bisschen verliebt. Sein Berufsmotto lautet: „Familie kannst du dir nicht aussuchen, den Bestatter schon.“ Koautorin Britta Schwern bezeichnet die Verwicklungen als „Lachen am Abgrund“; das trifft es recht gut.

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Kinofilm

ZDF

Mit Corinna Harfouch, Lea Drinda, Victoria Mayer, Karoline Eichhorn, Thomas Mraz, Mai Duong Kieu, Niels Bormann, Jeremias Meyer, Johanna Bittenbinder, Lara Mandoki

Kamera: Bernd Effenberger

Szenenbild: Sarah Hesse

Kostüm: Tanja Liebermann

Schnitt: Amparo Mejías, Pauline Roenneberg

Musik: Theresa Zaremba

Redaktion: Loren Müller

Produktionsfirma: Milk Pictures, Construction Film

Produktion: Pauline Roenneberg, Felix Bärwald, Julia Rappold, Veronica Ferres

Drehbuch: Pauline Roenneberg, Britta Schwem

Regie: Pauline Roenneberg

weitere EA: 17.09.2026 | Kino-Start

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