Zuwachs beim ORF-Landkrimi. In Osttirol gibt ein neues, vielversprechendes Ermittler-Duo sein Debüt und stößt dabei sowohl psychisch als auch physisch an Grenzen. Simon Morzé als Chefinspektor Martin Steiner und Marlene Hauser als Chefinspektorin Melanie Grandits stehen vor einem auf den ersten Blick unspektakulären Todesfall. Der Tiroler Umweltlandesrat Schett treibt tot im Tristacher See. Für die Ärztin ist klar: „Ein Klassiker“. Den erklärt Melanie ihrem Kollegen: „Mann trinkt zu viel, Mann muss pinkeln, ist ein Gewässer in der Nähe, wird Mann davon magisch angezogen, Mann pinkelt, rutscht aus, haut sich den Kopf an und ertrinkt.“ Doch dann stellt sich heraus: Der Mann wurde an einem anderen Ort getötet und nur hier in den See geworfen. Eine heiße Spur führt nach Inner Ainöd. Dort wollte der Getötete hin, kam aber nie an. Während Melanie mit ihrem Freund ein Wellness-Wochenende einschiebt, bricht Martin auf in das kleine Dorf im rauen Seitental, in dem sich die Einwohner als ebenso rau entpuppen. Es gibt ein Wirtshaus, ein Hotel, eine Kirche, eine Telefonzelle. Die braucht er auch, denn Internet gibt es hier nicht. Schnell wird ihm klar: Willkommen ist er nicht, man will ihn schnell wieder loshaben. Und dafür ist jedes Mittel recht.
Foto: ZDF, ORF / Stefanie Leo
Was von der Tonalität her eher witzig beginnt, wird zunehmend düsterer und geheimnisvoller – je näher man diesem kleinen Dorf kommt, in dem fast jeder mit jedem verwandt ist und man Gäste von außen nur freundlich empfängt, wenn sie Touristen sind. In dieser Welt wirkt der lange gutgläubige Inspektor als Fremdkörper, als Eindringling. David Wagner („Eismayer“) inszeniert den Plot nach einem Drehbuch von Ivo Schneider rund um dieses Dorf und seine verschrobene Gemeinde stilsicher und klar. Menschen ohne Zukunftsperspektive, eine alte Schuld, in die nahezu alle im Dorf verstrickt sind, und ein umtriebiger Bürgermeister (Michael Rotschopf) sind die Zutaten zu diesem Landkrimi, der sich als unterhaltsames und wendungsreiches Katz-und-Maus-Spiel zwischen Ermittler und Verdächtigen entpuppt. Klassisch in Whodunit-Manier erzählt, bietet er ein Geflecht aus alten Geschichten, Geheimnissen und Spannungen innerhalb einer Dorfgemeinschaft.
Wagner ist ein atmosphärisches Alpenkrimidrama gelungen. Die Landschaft spielt fast eine eigene Rolle, wunderschön, aber auch rau und unheimlich. Kamerafrau Anna Hawliczek fängt die beeindruckende Bergkulisse und die spür- und sichtbare Tristesse dieses ohne Tourismus sterbenden Dorfes gekonnt ein – mit schroffen Einheimischen und heimlichen Blicken aus den Fenstern. Das Gefühl, dass das Dorf bereits bestens über alles informiert zu sein scheint, begleitet Inspektor Martin Steiner, der immer wieder auf wenig Gegenliebe der hiesigen Bevölkerung stößt. So baut sich die Spannung langsam auf. In der zweiten Hälfte, wenn Marlene Hauser ihren Kurzurlaub abbricht und versucht, unter äußerst widrigen Umständen ihrem Kollegen zu Hilfe zu kommen, nimmt der Film in puncto Action Fahrt auf.
Foto: ZDF, ORF / Stefanie Leo
Das führt zwischen den Ermittlern zu einer besonderen Dynamik. Beim Duo Steiner und Grandits scheinen die Rollenklischees vertauscht: Er ist der gutgläubige, emotionale, naiv wirkende Ermittler, sie die Grantlerin, die rational an Sachen herangeht. Die Beziehung zwischen ihnen hält sich so die Waage und lässt Raum für Spekulationen, was bei einer Reihe Raum für Entwicklungsmöglichkeiten gibt. Zudem geht es in „Schnee von gestern“ um reale, tiefgreifende Probleme: die Landflucht und die damit einhergehende Überalterung der Gesellschaft am Land oder der Klimawandel und die daraus resultierenden Probleme im Tourismus. Das wird eher beiläufig miterzählt. Rund macht das Ganze die authentisch klingende Musik des Osttiroler Ensembles Musicbanda Franui.

