„Fluch der guten Taten“ lautete der Arbeitstitel dieser neunzigsten Episode des ZDF-Klassikers. Tatsächlich ist es bloß eine gute Tat, die die Geschichte ins Rollen bringt: Als Wilsberg (Leonard Lansink) eine umfangreiche Lieferung für sein Antiquariat bekommt, entdeckt Kumpel Ekki (Oliver Korittke) in einem der Bücher einen Lottoschein. Das Los entpuppt sich als Volltreffer der Westfälischen Superlotterie, die Gewinnsumme beträgt 12 Millionen Euro. Vor seinem geistigen Auge sieht sich Ekki bereits in Begleitung zweier exotischer Schönheiten im Büro seines Chefs, um zu kündigen, aber Wilsberg, ehemals Jurist, reißt ihn aus allen Träumen, und Anwältin Tessa (Patricia Meeden) bestätigt seine Skepsis: Die Bereicherung wäre eine Fundunterschlagung. Dank eines Familienwappens in dem Buch findet der Antiquar umgehend raus, wer der wahre Gewinner ist, und löst auf diese Weise grenzenlose Erleichterung aus: Brauerei-Erbe Roxel (Christian Hockenbrink) ist gerade drauf und dran, den klammen Traditionsbetrieb an einen Investor zu verkaufen.
Das ist eine schöne Geschichte, aber natürlich kein Krimi. Tatsächlich lässt die obligate Leiche diesmal ungewohnt lang auf sich warten. Wirklich überraschend ist der Mord trotzdem nicht. Der Lottogewinn bedeutet zwar die Rettung der Firma, aber Geld, stellt Wilsberg fest, „macht nicht glücklich, sondern tot“: Roxel wird am späten Abend mit einem Anstichhammer erschlagen. Die detektivische Frage „Cui bono?“ (wem zum Vorteil) ist rasch beantwortet, zumal das Opfer kurzfristig sein nun allerdings verschwundenes Testament geändert hat: Bruder Phillip (Franz Dinda), hoch verschuldet, war die treibende Kraft hinter dem Verkauf, Schwester Julia (Maditha Dolle) betreibt brotlose Fotokunst und hat keinerlei Einkünfte. Kommissar Overbeck (Roland Jankowsky) verdächtigt zunächst jedoch einen Kneipenwirt (Ronald Kukulies), der am Todestag vor der Brauerei randaliert hat, aber dann spricht ein schlagkräftiges Indiz gegen Roxels Geliebte, die Braumeisterin (Karolina Lodyga).
Foto: ZDF / Thomas Kost
Auf den Kern reduziert, klingt „Todsicherer Tipp“ nach einem nicht weiter der Rede werten Reihenkrimi, aber das täuscht, zumal die Geschichte, die sich das Duo René Förder und Stephan Pächer für sein erstes „Wilsberg“-Drehbuch ausgedacht hat, deutlich komplexer ist. Motor der Handlung ist zwar wie so oft die Gier, aber „bedürfniseskalierendes Verhalten“ hört sich natürlich ungleich gewichtiger an. Mit diesem Thema beschäftigt sich ein Forschungsprojekt von Psychologiestudentin Merle (Janina Fautz), dem Patenkind von Kommissarin Springer (Rita Russek), und deshalb überredet sie Ekki zum Online-Poker; prompt steht der brave Finanzbeamte im Nu kurz davor, Haus und Hof zu verspielen. Derweil hadern die ordnungshütenden Kräfte mit dem Renovierungslärm im Präsidium und suchen ständig nach einem ruhigen Plätzchen.
Abgesehen vom Mord entwickelt sich die Handlung wie meist bei „Wilsberg“ fast ausschließlich durch Dialoge, aber das ist diesmal kein Problem, zumal sich der Detektiv und Overbeck mit Bierzitaten von Goethe, Nietzsche und Paracelsus übertrumpfen. Entscheidender ist jedoch die Inszenierung. Vermutlich würde der Film sogar als Hörspiel funktionieren, doch eine kluge Bildgestaltung lässt Eintönigkeit gar nicht erst aufkommen. Regie führte Bettina Braun, die auch die letzte Episode gedreht hat. „Mogelpackung“ (2026) war visuell allzu sparsam (Kamera hier wie dort: Felix Beßner); diesmal sorgen wechselnde Kameraperspektiven und ein kluger Schnitt (Jörg Kroschel) dafür, dass die vielen Dialogszenen nicht statisch wirken. Interessant ist auch das größtenteils in ungewohntem Beigebraun gehaltene Szenenbild.
Foto: ZDF / Thomas Kost
Ansonsten erfreut das Drehbuch durch diverse Kleinigkeiten, die erahnen lassen, wie viel Freude Förder und Pächer bei ihrer Arbeit hatten. Das Alibi von Phillip Roxel, ein angeblicher Theaterbesuch, löst sich zwar in Wohlgefallen auf, aber das Stück (Kleists „Zerbrochener Krug“) entpuppt sich schließlich inklusive eines passenden Songs („Handle with Care“) als von langer Hand geplante Hinführung zur Schlusspointe. Die Running Gags der Reihe, die Erwähnung von Bielefeld sowie die quakende Ente, sind ebenfalls auf originelle Weise untergebracht; die Ente hat sogar maßgeblichen Anteil daran, dass Julia Roxel von der Liste der Verdächtigen gestrichen wird. Die Sorgfalt im Detail zeigt sich auch in ihrer Arbeit: Prunkstück einer Ausstellung mit dem treffenden Titel „Collabi“ (verfallen) ist ein Bild der drei Geschwister, das wie ein Mosaik aus mutmaßlich Tausenden winziger Aufnahmen der Brauerei zusammengesetzt ist.

