Weihnachtsüberraschungen

Morgane Ferru, Anton Spieker, Margarita Broich, Harald Krassnitzer, Petra K. Wagner. Wo die Liebe hinfällt

10.12.2025 10:00 ARD-Mediathek Streaming-Premiere
12.12.2025 20:15 ARD TV-Premiere
Foto: Degeto / Georg Wendt
Foto Rainer Tittelbach

„Weihnachtsüberraschungen“ (ARD Degeto / Relevant Film) verfährt nach dem beliebten Prinzip „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“. Erwartungsgemäß hat dieses Ensemble-Drama, in dem zwei Nachbarfamilien inklusive eines Christkinds gezwungenermaßen gemeinsam Weihnachten feiern, auch einen romantisch-komödiantischen Kern. Mögen sich die Figuren auch wundern über so manche (amouröse) Entwicklung innerhalb der beiden Familien, als Zuschauer darf man keine allzu großen Überraschungen erwarten bei diesem Film nach einem allzu routinierten Drehbuch. Nach übertrieben vielen Kontroversen zu Beginn kriegt der Film in der zweiten Hälfte Feelgood-Movie-gemäß die Kurve. Das liegt besonders an Anton Spieker & Morgane Ferru und dem alltagsnahen Spiel der beiden. Nichts falsch macht man auch mit Krassnitzer & Broich. Nur, etwas weniger konventionell hätte man sich das Ganze gewünscht.

„Seit wann machst du so auf freundlich mit den Bartels“, wundert sich Nora (Morgane Ferru) über ihre Mutter Ellen (Margarita Broich), die sich geradezu überschlägt, als ihnen Rolf Bartels (Harald Krassnitzer) von gegenüber über den Weg läuft. Was die Tochter nicht weiß: Die beiden verwitweten Nachbarn sind seit einiger Zeit ein Paar. Nora ist zu Besuch, um endlich mal wieder ein „chilliges“ Weihnachten zu feiern, mit Muttern, der Oma (Petra Kelling) und gutem Essen. Doch dann steht Bruder Moritz (Brix Schaumburg) überraschend auf der Matte, seine Frau Janna (Franziska von Harsdorf) kommt später nach, sie ist nett, aber hochschwanger: Da wird für Nora mal wieder nur wenig Aufmerksamkeit übrigbleiben, zumal Moritz sowieso Mamas Liebling ist. Für sie, die Krankenschwester mit verheiratetem Geliebten, bei der es nicht einmal mit einer Beförderung geklappt hat, ist es schwer zu bestehen gegen einen strahlenden trans Bruder, der die Mutter jetzt auch noch mit einer Enkeltochter beglückt. Und damit nicht genug. Bei den Bartels ist die Heizung ausgefallen. Also nimmt Ellen Rolfs Familie für die Festtage auf. Das könnte kompliziert werden, besonders für Nora, da Katja Bartels (Henrike Fehrs) von ihrem Mann wegen einer anderen Frau verlassen wurde. Unangenehm getriggert wird Nora auch von Rolfs Sohn Bent (Anton Spieker). Bei dieser ungesunden Konstellation fragt es sich, ob Ellen und Rolf ihre Beziehung geheim halten können. Begeistert von dieser Liaison dürfte keiner sein.

WeihnachtsüberraschungenFoto: Degeto / Georg Wendt
Bei den Nachbarn ist die Heizung ausgefallen – und Ellen nimmt ihren heimlichen Geliebten Rolf mitsamt Familie für die Festtage auf. Anton Spieker, Brix Schaumburg, Petra Kelling, Henrike Fehrs, Harald Krassnitzer, Margarita Broich und Morgane Ferru

„Weihnachtsüberraschungen“ verfährt nach dem „Faust“-Prinzip „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“; deshalb passt auch der Plural im Filmtitel. Fragt sich, in welchen Beziehungen es Überraschungen geben wird. Da ist zunächst einmal die heimliche Liebe der beiden Oldies und die offene Liaison von Nora mit einem verheirateten Arzt (Ulrich Brandhoff); beide Beziehungen werden noch vor Heiligabend Thema sein. Aus nachvollziehbaren Gründen kann Katja fortan Nora noch weniger ausstehen als bisher. Katjas Trennung gehört zu den offenen Geheimnissen, eine Überraschung ist es allerdings, dass ihr ehemaliger Schulfreund Carsten (Maximilian Scheidt) ein Auge auf die zickige Blondine geworfen hat. Und so sitzt auch er am Ende mit unterm Weihnachtsbaum oder besser: den beiden Weihnachtsbäumen. Als noch nicht bekannt war, dass die Familien gemeinsam feiern, haben sich Bent und Nora noch heftig auf dem Markt um den schönsten Baum gestritten. „Was sich liebt, das neckt sich“ ist zwar kein Goethe-Zitat, gehört in Filmen und Serien jedoch ebenfalls zum dramaturgischen Standardprogramm. Erwartungsgemäß hat dieses Ensemble-Drama also auch einen romantisch-komödiantischen Kern. Für den Zuschauer genauso wenig ein Spoiler ist die „Überraschung“, dass bei Janna alsbald die Wehen einsetzen. Eine Krankenschwester im Haus passt doppelt gut: Erst zum Küchendienst abkommandiert, dann darf Nora noch Hebamme spielen. Und ein Christkind kommt in Weihnachtsfilmen immer gut. Obwohl, „Weihnachtsüberraschungen“ ist kein typischer Film dieser Gattung, sondern eher ein Beziehungsreigen, für den das Fest inklusive der hohen Erwartungen ein Katalysator ist.

Mögen sich die Figuren auch wundern über so manche (amouröse) Entwicklung innerhalb der beiden Familien, als Zuschauer darf man keine allzu großen Überraschungen erwarten bei diesem Film von Petra K. Wagner nach dem routinierten Drehbuch von Claudia Matschulla und Arnd Mayer – Motto „Wo die Liebe hinfällt“. Nicht damit zu rechnen war, wie beiläufig und selbstverständlich das trans-Thema in die Handlung integriert wird. Die emotionale Dimension verdeutlicht ein intimes Bruder-Schwestern-Gespräch. Wohl wissend, dass als Fakten-Check in Sachen Geschlechtsangleichung ein Spielfilm zur Primetime nicht taugt, musste ein cleverer Satz wie „Trans sein erklär’ ich dir mal, wenn du nüchtern bist“ ausreichen. Diesen lockeren Umgang hätte man sich auch für einige Konflikte gewünscht. Um etwas zu lösen, muss es Probleme geben, keine Frage. Aber müssen es so viele sein? Bei der Konstituierung der verschiedenen Konfliktlagen hätte sich der Kritiker jedenfalls etwas mehr Reduktion und Feinschliff gewünscht. Dass Rolf Pläne gemacht hat, dabei Ellen übergeht, sollte als Kurzzeit-Konflikt ausreichen. Weshalb dann auch noch das beleidigte Beharren auf Grünkohl mit Pinkel? Dramaturgisch ist das Prinzip von Zuschauer-Mehrwissen (Liebe von Ellen & Rolf) und das Zurückhalten von für die Narration wichtigen Informationen (trans Bruder, seltsame Beziehung zwischen Nora & Bent) gut austariert, doch Rezeption, der Fluss der Zuschauerwahrnehmung, funktioniert anders als die strukturellen Überlegungen von Autor:innen. So wundert man sich anfangs über die extreme Genervtheit der weiblichen Hauptfigur, weil man die Knackpunkte in der Backstory von Nora, Bent und Meike/Moritz noch nicht kennt. Und kennt man sie später, fragt man sich, wie man so etwas realistisch spielen soll. Es ist kein Zufall, dass Morgane Ferrus Spiel in der Phase des Konflikte-Aufbaus wenig überzeugt. Noch undankbarer ist durchgängig die Figur Katja. Muss sie so unangenehm und ständig eingeschnappt sein, nur um einen Gegenpol zur sympathischen Nora zu etablieren? Auch die Konflikte auf der Vorweihnachts-Party, zu der sich die Jugend aufmacht, sind eine Nummer zu laut, zu überdeutlich. Jeder Satz, jede Geste hat Signalcharakter.

WeihnachtsüberraschungenFoto: Degeto / Georg Wendt
Für Ellen (Margarita Broich) & Rolf (Harald Krassnitzer) war die ungewollte Familienzusammenführung eine schwere Geburt. Dagegen war die richtige Geburt ein Kinderspiel. Nora (Morgane Ferru) & Bent (Anton Spieker) brauchen noch ein bisschen.

Nach all den Kontroversen der ersten Hälfte bekommt der Film nach der (vom Kritiker) ersehnten Annäherung zwischen Nora und Bent dann allerdings die Kurve. Das liegt an den Zwei-Personen-Szenen, die emotional tiefer gehen, entsprechend wahrhaftiger sind und so ein Stück weit die Charaktere ablösen von ihrer bloßen Funktion innerhalb der durchsichtigen Plot-Konstruktion. Und es liegt ganz besonders an Anton Spieker und Morgane Ferru, die endlich zum frischen, alltagsnahen Spiel ohne Konflikt-Korsett übergehen können.  Spieker war ja schon hinreißend als Love Interest in dem etwas anderen Liebesfilm „Nächte vor Hochzeiten“. Und zwei Szenen, die beiden auf einer Bank an der Binnenalster, das ist eine schöne Erholung von der aufgebauschten Apathie zwischen den beiden und dem ganzen Familienzirkus zuvor. Mit Margarita Broich und Harald Krassnitzer macht man auch nichts falsch, obgleich Krassnitzer eine Rolle wie diesen Bäckermeister & Vater im Schlaf spielt und Broich ihre Figur aus der „Meine Mutter“-Reihe mit Diana Amft an ihrer Seite nur wenig variieren muss. Ihre beiden Familien brechen mit der Weihnachtstradition, dass jeder für sich feiert, das ist eine schöne, frohe Botschaft, zu der auch diese unaufgeregte Pro-trans-Haltung gehört und die authentische Besetzung mit einem trans-Schauspieler. Schade nur, dass der Film so konventionell geraten ist. Möglicherweise erhofft man sich mit dieser ästhetisch-dramaturgischen Biederkeit das größtmögliche Publikum zur Weihnachtszeit.

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Fernsehfilm

ARD Degeto

Mit Morgane Ferru, Anton Spieker, Margarita Broich, Harald Krassnitzer, Brix Schaumburg, Henrike Fehrs, Petra Kelling, Maximilian Scheidt, Franziska von Harsdorf, Ulrich Brandhoff

Kamera: Peter Polsak

Szenenbild: Claudia Fard-Yazdani, Jan Zigulla

Kostüm: Elisabeth Kesten

Schnitt: Kai Minierski

Musik: Helmut Zerlett

Redaktion: Diane Wurzschmitt, Stefan Kruppa

Produktionsfirma: Relevant Film

Produktion: Heike Wiehle-Timm

Drehbuch: Claudia Matschulla, Arnd Mayer

Regie: Petra K. Wagner

EA: 10.12.2025 10:00 Uhr | ARD-Mediathek

weitere EA: 12.12.2025 20:15 Uhr | ARD

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