Mit fast 80 könnte, ja sollte sich ein alleinlebender Mann Gedanken machen. Nicht so Georg Trapp (Günther Maria Halmer). Der emeritierte Philosophieprofessor hat das Denken zwar zum Sinn seines Lebens erklärt, in eigener Sache allerdings verhält er sich eher sturköpfig und keineswegs so aufgeklärt, wie es bei einem Intellektuellen seines Renommees zu erwarten wäre. Um ihm auf die Sprünge zu helfen, muss erst eine 24-jährige Haushaltshilfe kommen, die er nach einem Brand in seiner Küche gezwungen ist, einzustellen. Sofia (Senita Huskić) ist offen und sehr direkt, was Trapp anfangs irritiert; zugleich ist sie neugierig, lebensklug und fix im Kopf, was ihm imponiert. Auch die Planung seines achtzigsten Geburtstags, die Einladung von Weggefährten und Würdenträgern, kommentiert Sofia punktgenau: „Wollen Sie keine Freunde einladen oder haben Sie keine?“ Nachdenklich geworden besucht der Stoiker nach vielen Jahren Heinz (Stephan Bissmeier), seinen besten Freund aus Uni-Zeiten, und dessen Frau Anne (Gabrielle Scharnitzky). Seine Laune aber wird nicht besser. Eine alte Schuld muss er weiterhin mit sich herumtragen. Und ein lebensentscheidendes Versäumnis, eine tief in ihm vergrabene Liebe (Eleonore Weisgerber) betreffend, geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Das alles hält Trapp aber nicht davon ab, Sofias Glück im Auge zu haben. Ihm entgeht nicht, dass ihr bester Freund Sebastian (Pit Bukowski) Liebesgefühle für sie hegt.
Foto: Degeto / Hardy Spitz
Auf der Zielgeraden des Lebens macht sich dieser intelligente, etwas selbstgerechte, nicht ganz uneitle Erkenntnistheoretiker also doch noch Gedanken in eigener Sache. Ein Glücksfall für ihn, ein Glücksfall für die Zuschauer*innen. Der Fernsehfilm „Trapps Sommer“ stellt die Frage nach dem „bisher im Leben alles richtig gemacht?“, die aktuell auch in Serien wie „Parallel Me“ (Paramount+), „Reset – Wie weit willst du gehen?“ (ZDF) oder „Dark Matter“ (Apple TV+) beliebt ist. Die 90-minütige Degeto-Produktion verzichtet zwar auf Genre-likes Parallelwelten-Hopping, kreist allerdings um ähnliche existenzielle Fragen wie die Serien. Dieser Georg Trapp hat einst zwei heikle Entscheidungen getroffen, die sein Leben fundamental beeinflusst haben. In der Liebesfrage gab es kein entweder Frau oder Karriere, ein Sowohl-als-auch wäre wohl möglich gewesen. Von daher erzählt „Trapps Sommer“ gemäß der ARD-Zielgruppe eine softe Variante des Hätte-ich-im-Leben-andere-Abzweige-gewählt-Narrativs. Diese Variante ist in ihrer Direktheit, Kompaktheit und in ihrer zarten Emotionalität umso bewegender und in ihrer Wirkung möglicherweise nachhaltiger. Vor allem die Dialogwechsel sind nicht nur vordergründig unterhaltsam, sondern sie zielen ohne großen Aufhebens auf die entscheidenden Fragen im Leben. Wichtiger noch in diesem Character-Driven-Drama ist der Eigensinn der Figuren, der seltsame, ja wunderbare Blüten treibt: „Ich wünsche mir eine verkehrte Welt. Alkohol und Tabak wären in dieser Welt sehr gesund, Sport brandgefährlich, fettes Essen extrem gesund und Obst dürfte nur an Volljährige verkauft werden“, sinniert Trapp nach einem Kreislaufkollaps. „In dieser Welt läge ich jetzt hier, mit Brandy und einer Zigarre.“
Foto: Degeto / Hardy Spitz
Solche launigen Gedankengänge sind leider im durchformatierten Nicht-Krimi-Programm der ARD eine echte Rarität geworden. Überhaupt hat es sich mutmaßlich gelohnt, mit Hans Rath („Mann tut was Mann kann“) einen Schriftsteller für diesen Sinnstiftungsstoff als Drehbuchautor zu gewinnen, und nicht auf einen der vielen Vielschreiber im leichten Fach zu vertrauen. Im Zwiegespräch zur Erkenntnis, so könnte man das dramaturgisch-narrative Prinzip der ersten Filmhälfte überschreiben. Der ewige Einzelgänger fragt sich danach, wie die Schlussetappe seines Lebens aussehen soll – und er handelt. „Georg Trapp erinnert sich nicht nur an die Liebe seines Lebens, sondern auch an andere Menschen, die ihm wichtig waren, zudem an seine Liebe zur Philosophie, seine Liebe zum Leben und nicht zuletzt an die Liebe zu sich selbst“, so bringt Rath die Psychologie der Hauptfigur auf den Punkt. Und dieser Trapp hat nicht nur Philosophie und eigenes Wohlbefinden, sondern auch Augen im Kopf – und so sieht er etwas, was die lebensklug lebendige Sofia nicht mitbekommt. Dieses generationsübergreifende Miteinander, das sich inspirieren lassen von Erfahrung und jugendlicher Frische, das gegenseitige Geben und Nehmen, ist die utopische Dimension der Geschichte. Sie vermittelt sich ebenso ungezwungen wie die alltagsnahen, subtextreichen Gespräche. Die Umkehrung der Bedürftigkeit verstärkt noch das Miteinander: Erst liegt er flach, dann rutscht sie in ein emotionales Zwischentief. So entsteht nach und nach echte Verbundenheit, eine Art Großvater/Enkelin-Beziehung.
„Nachdenken ist immer gut.“ Trapps Leitsatz beherzig(t)en auch die Macher. So wirkt jede Szene mit bedacht gewählt, stimmen die Ellipsen – sprich: die Entscheidung, was gezeigt und was knapp im Dialog vermittelt wird. Ungemein stimmig und zugleich stimmungsvoll ist auch die Inszenierung von Rainer Kaufmann. Das beginnt gleich mit der zweiten Einstellung. Eine Minute und 40 Sekunden fließen Kamera- und Zuschauerblick zusammen in einer visuell perfekten Exposition, die viel sagt über den Bewohner jenes in einer einzigen Einstellung taxierten Refugiums: alt, intellektuell, kein Ordnungsfanatiker, unkonventionell, und – wie das unheilvoll brutzelnde Öl in der Pfanne nahelegt – dieser Mann hat sein Leben nicht mehr 100%ig im Griff. Danach folgt der Feinschliff in der Charakterzeichnung. Günther Maria Halmer, der in Degeto-Produktionen eine Zeitlang viel Quatsch mit Soße liefern musste, darf mal wieder zeigen, was für ein großartiger Schauspieler er ist. Das Schnoddrig-Beiläufige liegt ihm seit jeher, unvergessen sein Karrierestart als „Tscharlie“ in Helmut Dietls „Münchner Geschichten“ (1974/75). In einem Drama wie „Trapps Sommer“, in dem – wenn überhaupt – die selbstbewussten Charaktere ein bisschen Witz ins Spiel bringen, kommt dies besonders gut zum Tragen. Während man bei Halmer weiß, was man bekommt, ist die 31-jährige deutsch-bosnische Schauspielerin Senita Huskić, geboren in Hamburg, trotz zweier Krimi-Rollen, die in Erinnerung blieben („Tatort – Siebte Etage“, „Polizeiruf 110 – Nur Gespenster“), ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Ihre Leistung ist bestechend: ihr sehr authentisch wirkendes, leicht gebrochenes Deutsch, ihr beiläufiges Spiel, ihre emotionale Bandbreite und die entsprechenden feinen physiognomischen Nuancen, der Schwung der Jugend – einfach hinreißend. Und weil auch Sofia eine Frau ist, die nachdenkt, agiert Huskić eher leise als laut und verzichtet auf die üblichen Temperamentsklischees, und ist somit perfekt (besetzt) als Halmers Pendant.
Foto: Degeto / Hardy Spitz

