Tatort – Innere Angelegenheiten

Löbau, Wagner, Memar, Hellwig, Lehmann, Anke, Bardavelidze, Felipe, Alshaltouh. Eine Polizei-Einheit unter Druck

Foto: SWR / Benoît Linder
Foto Thomas Gehringer

Beschränkt auf drei Orte und auf den Zeitraum einer einzigen Nacht, entwickelt „Innere Angelegenheiten“, der 17. „Tatort“ aus dem Schwarzwald, eine bemerkenswerte Sogwirkung. Nachdem ein Rocker in einem Club erschlagen wurde, erzählt der Film neben der klassischen Ermittlung insbesondere von der Gruppendynamik innerhalb einer sechsköpfigen Polizei-Einheit. Dabei geht es um Korpsgeist, Rassismus und polizeiliches Selbstverständnis. Das von Eva Löbau und Hans-Jochen Wagner klasse gespielte Ermittler-Duo Tobler und Berg findet in dem ungewöhnlichen und spannenden Krimidrama von Bernd Lange (Drehbuch) und Robert Thalheim (Regie) zu einer konfliktfreien Zusammenarbeit zurück.

Wie die Polizei damit umgeht, wenn einer aus den eigenen Reihen gegen Vorschriften verstößt oder gar Verbrechen begeht, ist ein klassischer Krimistoff. Dabei wird häufig die Wagenburg-Mentalität problematisiert: Polizisten decken sich gegenseitig, vermeintliche Quertreiber werden unter Druck gesetzt und gemobbt. Ungewöhnlich ausführlich erzählen Bernd Lange (Drehbuch) und Robert Thalheim (Regie) in der „Tatort“-Episode „Innere Angelegenheiten“ von diesem gruppendynamischen Prozess, vom gegenseitigen Aushandeln, von den Konflikten mit dem eigenen Selbstverständnis, von Karrieredruck und privaten Einflüssen. Dass der Film eine bemerkenswerte Sogwirkung entwickelt, liegt aber auch an einer klugen, örtlichen und zeitlichen Beschränkung. Bei einer Schlägerei in einem Club wird das Mitglied einer Rocker-Gang tödlich verletzt. Als mutmaßlicher Täter festgenommen wird Ramin Taremi (Omid Memar), der überdies als Intensivtäter aktenkundig ist. Die Handlung konzentriert sich auf drei Schauplätze in einer einzigen Nacht: Auf den Club, in dem Taremis Freunde und Familie ausharren, weil die Rocker-Gang den Eingang belagert. Auf das Kommissariat, in dem der Verdächtige verhört wird. Und auf einen Ort irgendwo in der Stadt unter einer Brücke. Dort versucht eine sechsköpfige Einheit der Bereitschaftspolizei auszuhandeln, was im offiziellen Bericht über ihren Einsatz bei der Schlägerei stehen soll.

Tatort – Innere AngelegenheitenFoto: SWR / Benoît Linder
Die Bereitschaftspolizisten, die als erste am Tatort waren, fühlen sich in die Ecke gedrängt. Anna Bardavelidze als Mariam, Caroline Hellwig als Pia, Andreas Anke als Wolle, Mouataz Alshaltouh als Mahmoud, Lasse Lehmann als Jakub, Ben Felipe als Timo (v.l.n.r.)

Eigentlich hatte sich die Gruppe bereits auf eine gemeinsame Version geeinigt. Doch auf dem Rückweg zur Wache stellt sich plötzlich Jakub Zulawski (Lasse Lehmann) quer. Der junge Polizist weigert sich, die Absprache mitzutragen, weil er damit zur Verurteilung eines Unschuldigen beitragen könnte. Seine Kollegin Pia Schölzel (Caroline Hellwig) springt ihm bei. „Er war’s nicht“, sagt sie über Taremi. Es entsteht eine Pattsituation, die vor der Rückkehr auf die Wache Verhandlungen in Einzel- und Gruppengesprächen nötig macht. Dabei scheinen alle mehr oder weniger die Wahrheit zu kennen, ohne dass darüber offen geredet würde – was für eine konstante Spannung sorgt. Die meisten Mitglieder der Einheit wollen vor allem keinen Ärger. Allen voran Wolle Heizmann (Andreas Anke), der Dienstälteste, der vergeblich Druck auf Jakub und Pia ausübt. Auch Miriam Kvelidze (Anna Bardavelize) befürchtet Nachteile für ihre angestrebte Karriere als Kommissarin. Mahmoud Alma (Mouataz Alshaltouh) wiederum ist nicht gut auf den Verdächtigen zu sprechen. Beide stammen aus demselben Viertel, aber Alma ist dort als Polizist ein unbeliebter Außenseiter – außer Typen wie Taremi benötigen seine Hilfe. Und die Personalakte von Timo Sumser (Ben Felipe), dem Ex-Freund von Pia, ist ohnehin bereits voller Dienstvermerke. So geht es in wechselnden Konstellationen auch um das jeweilige Selbstverständnis als Polizistinnen und Polizisten mit und ohne Migrationshintergrund.

Tatort – Innere AngelegenheitenFoto: SWR / Benoît Linder
Korpsgeist, Rassismus, polizeiliches Selbstverständnis. Mariam Kvelidze (Anna Bardavelize) fürchtet um ihre Karrierepläne, deshalb ist sie dafür bei der Aussage gegen Taremi zu bleiben, genau wie Wolle Heizmann (Andreas Anke) und Timo Sumser (Ben Felipe).

Neben dem gruppendynamischen Kammerspiel unter einer Freiburger Brücke springt die Inszenierung zwischendurch immer wieder zu den beiden anderen Schauplätzen. Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) bemüht sich im Kommissariat vergeblich, Taremi im Beisein der gewieften Anwältin Simin Nadjafi (Proschat Madani) zu einem Geständnis zu bewegen. Gleichzeitig hält Kommissarin Franziska Tobler (Eva Löbau) am Tatort die Rocker in Schach und ermittelt im Club gemeinsam mit Kollegin Laura Babayan (Nairi Hadodo). Nach der finalen Rekonstruktion des Tathergangs stellt man sich allerdings die Warum-nicht-gleich-so-Frage. Es scheint nicht plausibel zu sein, dass die Bereitschaftspolizisten den wirklichen Ablauf verheimlichen und darüber derart in Streit geraten. Umso überzeugender erzählt der Film jedoch, wie schwer es fallen kann, eigene Schwächen, Fehler und womöglich schwer wiegende Schuld einzuräumen – insbesondere innerhalb einer Gruppe, die unter erheblichem Druck steht wie die Polizei.

Die familiären Themen und Konflikte des Ermittlerduos, die zuletzt stark in den Vordergrund rückten, regeln Drehbuch-Autor Lange und Regisseur Thalheim, die das Schwarzwald-Team auch mit der Premieren-Episode „Goldbach“ im Oktober 2017 aus der Taufe gehoben hatten, diesmal herunter. So ist Franziska Toblers Vater (Michael Hanemann), ein ehemaliger Polizist, gestorben und tritt zu Beginn nur noch einmal kurz in Erscheinung. Tobler räumt bereits das Haus aus und spricht von „komplizierten Gefühlen“, scheint aber, befreit vom väterlichen Druck, wieder zu sich selbst zu finden. Auch Bergs dramatische Familiengeschichte mit dem lange zurückliegenden, aber noch nicht wirklich zu Ende erzählten Vater-Sohn-Konflikt hat vorerst Pause. Die endlich mal wieder reibungslose Zusammenarbeit von Tobler und Berg tut dem Film gut, weil der Fokus auf den Fall gerichtet bleibt.

Tatort – Innere AngelegenheitenFoto: SWR / Benoît Linder
Einer der drei Schauplätze. Pauls (Nairi Hadodo) und Tobler (Eva Löbau) sind überzeugt, die Situation im Club im Griff zu behalten.

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SWR

Mit Eva Löbau, Hans-Jochen Wagner, Omid Memar, Caroline Hellwig, Lasse Lehmann, Andreas Anke, Anna Bardavelidze, Ben Felipe, Mouataz Alshaltouh, Nairi Hadodo, Proschat Madani, Arash Nayebbandi, Awin Erfany, Sascha Maaz, Michael Hanemann

Kamera: Andreas Schäfauer

Szenenbild: Mona Cathleen Otterbach

Kostüm: Maxi Munzert

Schnitt: Isabelle Allgeier

Musik: Uwe Bossenz, Anton Feist

Redaktion: Katharina Dufner

Drehbuch: Bernd Lange

Regie: Robert Thalheim

Quote: 7,20 Mio. Zuschauer (29,3% MA)

EA: 19.04.2026 20:15 Uhr | ARD

weitere EA: 19.04.2026 20:15 Uhr | ARD-Mediathek

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