Feueralarm im Alten- und Pflegeheim. Minutenlang herrscht Chaos, der Strom fällt aus, dann gibt es einen Toten. Ein Pfleger (Michael Edlinger) wollte den 74-jährigen Danijel Filipovic (Roman Frankl) per Hebelift in die Wanne hieven, als die Sirene losging. Als er zurückkommt, ist der alte Mann tot: ertrunken. Für Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) ist klar: Allein konnte der ehemalige Haustechniker nicht in die Wanne gekommen sein. Und so tauchen die Wien-Cops immer tiefer in die facettenreiche Welt des Alters und der Pflege ein. Was sie zu sehen bekommen, ist ernüchternd: Danijels Tochter (Gabriela Garcia Vargas), die am Tag des Mordes auf Besuch war, hat Geldprobleme und steht mit ihrem Vater im Clinch. Ein hausinterner Fußpfleger (Aleksandar Petrovic) ist vorbestraft und wurde von Filipovich mehrfach beleidigt. Und dann sind da noch die elegante Anna (Elfriede Schüsseleder) und der gewitzte Ex-Oberkellner Fritz (Johannes Silberschneider) sowie eine charmante Pflegepatientin (Martina Spitzer), die Moritz von früher kennt. Die Ermittler müssen herausfinden, wer mit wem eine Rechnung offen hat. So kommt ein düsteres und tragisches Geheimnis ans Licht.
Fast ein Kammerspiel hat das Autorenduo Roland Hablesreiter und Petra Ladinigg geschrieben. Als Krimisetting wurde ein Seniorenheim gewählt und der überwiegende Teil des drittletzten Falls, den Bibi und Moritz lösen müssen, spielt hier. Es geht um eine Welt, in der das Personal am Limit arbeitet. Der „Tatort – Der Elektriker“ fängt den kleinen Kosmos Pflegeheim in all seinen Facetten ein: Personalmangel, Einsamkeit, Überforderung der Mitarbeiter. Und er thematisiert auch Bereiche wie Sexarbeit im Seniorenheim und Medikamentenmissbrauch. Ein Krimi im Pflegeheim mit einem tragischen Hintergrund, der peu à peu ans Licht kommt.
Foto: ORF / Petro Domenigg
Filmisch ist der Krimi liebevoll und teilweise auch originell in Szene gesetzt. Wenn die Kommissare mit dem alten Paar im Aufenthaltsraum Karten spielen, um dabei an Informationen zu kommen, oder wenn Moritz Eisner seine alte Liebe Sandra, die im Heim an den Rollstuhl gefesselt ihre letzten Jahre verbringt, in ihrem Zimmer besucht und sie alte Fotos ansehen und sich an gemeinsame Zeiten erinnern, dann sind das sehr rührende und emotionale Momente. Regisseur Harald Sicheritz gibt denen viel Raum – wie auch der Ermittlungsarbeit anhand eines 3-D-Architekturmodells (eine Idee von Kameramann Thomas Kürzl). Im Büro ist das aufgebaut, zeigt Räume, Flure und Stockwerke im Seniorenheim. Und mittels des Modells spielen die Kommissare die Abläufe durch, benutzen dazu Gegenstände wie Glückskekse, Tesarolle, Klebestift und Tipp-Ex-Fläschchen. Eine pfiffige Idee, leicht humorvoll umgesetzt, unterstützt von Bildern des Geschehens im Heim.
Harald Sicheritz zeigt in seinem sechsten „Tatort“-Krimi das Pflegeheim als Mikrokosmos, der keinen Platz für Geheimnisse lässt. Er inszeniert sehr entschleunigt, schaut genau hin, führt die Figuren nicht vor. Das gilt auch für das Personal im Heim: unterbesetzt, unterbezahlt, überbeansprucht. Aber Sicheritz vermeidet dabei die üblichen Klischees. Unterschiedliche Realitäten und Biografien stoßen hier aufeinander, Wege kreuzen sich, Menschen, die Glücksmomente und Schicksalsschläge hinter sich haben, leben in einem Haus mit dünnen Wänden. Und alle haben Gepäck dabei … aus der Vergangenheit. Und die führt im Lauf der Handlung – wie nicht selten in Austria-Krimis – Richtung Ex-Jugoslawien.
Auch die in die Jahre gekommenen Kommissare werden konfrontiert mit der Zukunft, die auch für sie mal Pflegeheim heißen könnte. Vor allem Moritz treibt dies um, wenn er durch die Begegnung mit seiner früheren Liebe Sandra mit dem Alter und Krankheit so nah in Berührung kommt. Manches wird da im Subtext erzählt, leise, nachdenklich, beiläufig, aber stets spürbar. Und am Ende heißt es: Einer hat immer das Bummerl! Was damit gemeint ist? Anschauen! Vor allem auch wegen Johannes Silberschneider, der den Ex-Oberkellner Fritz mit so viel leisem Witz und verborgener Tragik mimt, dass das allein schon das Einschalten lohnt.
Foto: ORF / Pedro Domenigg

