Gibt es so etwas: ein Dorf, in dem das Böse wohnt? Über Generationen haben sie sich bekämpft, die Feidt- und die Louis-Sippschaft. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Am Anfang stand ein Mord aus Eifersucht. Erst vor einigen Jahren wurde diese deutsch-französische Feindschaft in der saarländischen Provinz vorübergehend beigelegt. Es gab einen gemeinsamen Gegner. Fast alle im Dorf waren sich einig, dass die Flutung der stillgelegten Bergbauschächte verhindert werden müsse. „Kein Gift in unseren Gärten“ – endlich gab es so etwas wie Solidarität im Ort, erinnert sich Gastwirt Clemens Scherf (Fabian Stumm). Doch jetzt kochen die alten Konflikte wieder hoch. Der Initiator der Bürgerinitiative, der Kleinunternehmer Emil Feidt, liegt tot im Wald. Der Schlüssel zum Fall könnte der Tod von dessen Tochter Becky sein, die vor fünf Jahren ganz in der Nähe ums Leben kam. Für die Polizei war es ein Unfall, für die Feidts war es Mord und Claire Louis (Carolin Wege) die Täterin. Die Witwe (Valery Tscheplanowa) und ihr Sohn (Albert Lichtenstern) verdächtigen die heute 18-Jährige auch des aktuellen Mords. Kommissar Leo Hölzer (Vladimir Burlakov) versucht, einen klaren Kopf zu bewahren, während sich Kollege Schürk (Daniel Sträßer) nur wundern kann ob dieser pathologischen Familienfehde Shakespearschen Ausmaßes. Esther Baumann (Brigitte Urhausen) wundert hingegen gar nichts mehr. Sie ist in dem Horror-Nest aufgewachsen.
Foto: SR / Manuela Meyer
„Das Ende der Nacht“ (2025), der letzte Fall des Saar-Quartetts, hatte es in sich: Erst befand sich die Kollegin Pia Heinrich (Ines Marie Westernströer) tagelang in einer hochgradig traumatisierenden Geiselnahme-Situation, dann wurde in der Schlussszene Teamchef Hölzer bei einer Stollen-Explosion schwer verletzt. Während er gerade erst wieder seinen Dienst angetreten hat, muss die psychisch schwer mitgenommene Heinrich noch immer Innendienst schieben. In „Das Böse in Dir“ steht nun ihre Kollegin im Zentrum. Keine akute PTBS-Gefahr, eher eine Langzeittraumatisierung, die urplötzlich wieder aufbricht, treibt die sonst so vorschriftsmäßig agierende Kommissarin in ihrer alten Heimat um – und lässt sie am Rande eines Disziplinarverfahrens agieren. „Wenn jetzt auch noch die Vernünftigen durchdrehen …“, kommentiert Schürk die Situation. Grund für ihre Überreaktion: Auch ihr Bruder (Robert Nickisch), ein verspulter Verschwörungstheoretiker, der gegen jene Öko-Initiative des Ermordeten wetterte, könnte in den Fall verstrickt sein. Außerdem holt die Montagues-Capulets-like Tragödie Aspekte ihrer eigenen amourösen Biografie aus der Verdrängung. So wie Claire Louis, die angebliche Mörderin von Becky Feith, in Wahrheit deren beste Freundin, ja, ihre erste große Liebe war, so litt einst auch Esther Louis, die nach dem Wegzug aus der dem deutsch-französischen Kaff den Nachnamen ihrer Mutter, Baumann, annahm, unter der sozialen dörflichen Kontrolle. Ihre große Liebe, Katja (Franziska Wulf), ist im Ort geblieben. Sie hat Gastwirt Clemens Scherf geheiratet, jenen Mann, der seit Jahren das Dorf zu befrieden versucht.
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Hohenweiler ist nicht Verona, und „Das Böse in Dir“ mehr sensibles, Zwischenton-reiches Krimi-Drama als – anders als zuletzt das hochdramatische Geiselnahme-Psychodrama – packender Psychothriller. Der Film von Luzie Loose („Das Herz der Schlange“, 2022, SR-„Tatort“ Nr. 3) nach dem dichten Drehbuch von Daniela Baumgärtl und Kim Zimmermann schlägt immer wieder auch leise, nachdenklich romantische Töne an. Die Frage nach dem Glück steht im Raum. Keine Antwort ist auch eine Antwort. Die Psychologie bleibt angenehm in der Schwebe. Kein Satz zu viel, keine Geste zu bedeutungsschwer. Ein Blick ins Gesicht von Brigitte Urhausen, als Esther mit den Kollegen das erste Mal nach fast 30 Jahren wieder die Ortseinfahrt passiert, reicht aus, um zu erahnen, was ihr hier als Teenager widerfahren ist. Solch beobachtend introspektiven Einsichten gehörten schon zu den besonderen Stärken von Looses Langfilmdebüt „Schwimmen“ (2018). Ein unterschwelliges Unbehagen ist spürbar. Der Score grummelt entsprechend unheilvoll. „Das nennt man dann wohl strukturschwach“, bringt es Schürk auf den Punkt. Am Tatort kommt wenig später die andere Seite Hohenweilers zum Ausdruck. „Was für ‘ne Luft“, schwärmt Hölzer, die Sonne kommt raus. Hier im Wald liegt zwar der tote Emil Feidt, auch seine Tochter kam hier ums Leben; der Wald war und ist aber auch der Rückzugsort für Verliebte, für die, die sich nicht dem Bösen ergeben wollen. Ihr Frühlingserwachen erlebten hier im naturromantischen Idyll einer Quelle nicht nur zwei dreizehnjährige Mädchen im Jahre 2020, wie der Zuschauer in Rückblenden erfährt, sondern auch Esther und ihr Herzensmensch Katja. Am Ende finden die Autorinnen die richtige Portion Moral für ihre stimmig-stimmungsvolle Dorftragödie.
Hass gebiert Hass. Es ist keine biologische, sondern eine soziale DNA, die hier an die junge Generation weitergegeben wird. Der Schriftzug das „BÖSE“ prangt nach dem „Tatort“-Intro, in sattem Rot, den Bildschirm ausfüllend. Früh riecht es übel nach Selbstjustiz. Die Gewaltspirale zieht über die 90 Filmminuten an, rustikal, aber überaus authentisch dargestellt in drei Wirtshausszenen. Die Physiognomien der Kleindarsteller, die wütenden Wortfetzen („Geht das nicht in Deinen Scheiß-Louis-Schädel“), das eskalierende Gerangel, vermitteln hoch sinnlich, was in diesem Dorf unter der Oberfläche rumort. Im Finale gerät diese fremde, vorgestrig anmutende Welt endgültig aus den Fugen: Die Situation eskaliert, der Mob marschiert. Und der „Tatort“ aus Saarbrücken hält zum siebten Mal, was er 2020 versprach: moderat horizontal erzählt, gut austariert zwischen empathisch-sympathischer Ermittlungsarbeit und egozentrischen Solotrips, auch filmisch wussten bisher alle Episoden zu überzeugen. Und das Team? Das Quartett funktioniert immer besser, und die Besetzung dürfte – dank nur einer Episode pro Jahr – länger zusammenbleiben als bei anderen Reihen, in denen es jüngere populäre Darsteller oft zu neuen schauspielerischen Ufern treibt.


