Eine Frau liegt tot auf dem Asphalt. Heruntergestürzt aus dem 12. Stockwerk. Ist sie geschubst worden? Oder war es einer jener Momente, in denen sich auch jene offenbar so lebensfrohe Lisa Brenner ziemlich einsam fühlen konnte? Keine Hämatome, kein Schrei, kein Abschiedsbrief – ist sie Opfer ihrer eigenen Abgründe geworden? Sie, die Frau, für die alle nur freundliche Worte finden, die Frau, die geliebt, verehrt, vergöttert wurde, die Frau, die allen etwas zu geben wusste. Hat sie diese Widersprüche zwischen scheinbarer und wahrer Liebe, zwischen Lebenslust und Einsamkeit nicht mehr länger ausgehalten? Lisa Brenner war eine Prostituierte, sie war eine Frau, die die Gabe besaß, jedem Mann das Gefühl zu geben, der Einzige zu sein. Und so hinterlässt sie Liebhaber und Kunden, die aus ihrem Traum, aus ihren Phantasien, erwachen. Einen trifft es besonders hart: Hauptkommissar Leitmayr.
Foto: BR / Denise Vernillo
Schon einmal hat sich Franz Leitmayr an den Rand seiner Existenz gebracht: in der Grimme-gekrönten „Tatort“-Episode „Im freien Fall“ (2001) mit Jeanette Hain als Objekt von des Hauptkommissars unstillbarer Begierde. In „Am Ende des Flurs“ nun wird der beurlaubte Ermittler konfrontiert mit einer fast vergessenen Liebe, die in einem unheilvollen Gemisch aus Schuldgefühlen und narzisstischer Kränkung wieder aufflackert und den netten Franz zum emotional getriebenen und damit unvorsichtigen Einzelgänger macht. Derweil haben Kollege Batic und die pfundig-pfiffigen Neuzugänge, Assistent Kalli (Ferdinand Hofer) und Christine Lerch (Lisa Wagner), die Frau für die Operative Fallanalyse, mächtig was zu stemmen. Die Fan-Gemeinde der Toten reicht quer durch die Münchner Schickeria. Aber auch Männer, die sich diese „Liebe“ nicht hätten leisten können, ruinierten ihre Existenz, um dieser betörenden Frau nahe zu sein. Das und der Niedergang des Freundes lässt auch Ivo Batics Nerven flattern: „Was hat nur diese Scheißfrau aus euch gemacht?!“, flucht er. Und auch sein Chef rauft sich die Haare: „Drei Leichen in drei Tagen – wir haben nichts, nur Tote!“
Foto: BR / Denise Vernillo
„Am Ende des Flurs“ von Max Färberböck („Sau Nummer vier“) ist mal wieder ein Ausnahme-„Tatort“ aus München. Obwohl man nach 23 Dienstjahren von Nemec, Wachtveitl & Co eigentlich wenig Überraschendes erwarten darf, gelingt es dem BR immer wieder, den Filmen und Fällen und damit auch den in Ehren ergrauten Kriminalern Ungewöhnliches abzugewinnen. Im Gegensatz zu Dominik Grafs – von vielen Kritikern als narzisstisch gescholtene – Münchner Nabelschau „Aus der Tiefe der Zeit“ (2013) geht es Autorenfilmer Färberböck nicht um das eigene Ego, sondern um den Narzissmus seiner Protagonisten: die Männer waren süchtig nach dieser Frau, die sie zu vervollständigen wusste, indem sie ihnen ihre Illusionen ließ. Färberböck rekonstruiert das Bild von der heiligen Hure und er belässt es als Wunschbild im Bereich des Uneindeutigen. Er assistiert quasi seiner göttlichen Hure. Jeder Mann im Film darf sich sein Bild machen von ihr, darf das Weib idealisieren, um selbst ein Stückchen von dessen Glanz zu erhaschen. Die einen, gescheiterte Existenzen, brauchen das, andere wie der von Franz Xaver Kroetz unnachahmlich gespielte Wiesn-Wirt und weißblaue Dauerparlierer haben es nicht nötig. Jeder sieht genau das in dieser schönen Projektionsfläche Frau, was ihm selbst fehlt. Süchtige am Abgrund: so vielfältig durfte man selten in einem „Tatort“ in die Seele der Menschen blicken. Bei (fast) allen scheint es um alles zu gehen.
Foto: BR / Denise Vernillo
Vom Menschenbild zum Filmbild. In dieser kriminalistischen Charakterstudie stimmt auch die Ästhetik. „Am Ende des Flurs“ ist ein Film, der ähnlich betört und verführt wie das weibliche Objekt des Begehrens, das er sich zum Gegenstand nimmt. Den traumhaft schönen Bildern, in denen die Männerphantasien zwischen inszenierter Unschuld und Gehorsam ausgelebt werden, stellt Färberböck eine deprimierende, schäbige, ja eine grauenhafte Wirklichkeit gegenüber: grandios das Szenenbild von Claus-Jürgen Pfeiffer, das hier ganz oft zum Seelen-Bild wird. Besondere magische Momente verdankt der mit einem perfekten Erzählrhythmus ausgestattete Film, der zu Beginn sehr stimmige Schnittfolgen für das nervige Kleinklein der Ermittlungsarbeit findet, dem Zusammenspiel von Kamera(bewegung) und Schnitt: Da ist mehrfach der schleichende Gang durch den Hausflur, dem der Film seinen Titel verdankt. Meisterlich auch die Ouvertüre zum zweiten Leichenfund: ein Rabe als Todesbote, Blutspuren, ein Blutbad. Dazu diese beiden sehnsüchtigen Vintage-Songs voller Melancholie: Ketty Lesters „Love Letters“, der schon in „Blue Velvet“ zu Ehren kam, und Waylon Jennings Ballade „Dreaming my Dreams with you“. Diese Lieder schmeicheln sich ein. Sie werden zum Ohrwurm. So wie man auch diesen „Tatort“ nicht so schnell vergessen wird und vor allem auch die letzte Einstellung und die Worte: „Wir schaffen das, Franz…“

