Es war eine andere Zeit, damals in den Nullerjahren, als ProSieben 2004 die vielfach ausgezeichnete Serie „Stromberg“ startete. „MeToo“ war noch weit weg, der Begriff „toxische Männlichkeit“ nur in Fachkreisen bekannt und ein Vorgesetzter wie Bernd Stromberg eher die Regel als die Ausnahme. Natürlich sind solche Gestalten, für die Sexismus kein Schimpfwort, sondern Alltag ist, noch längst nicht ausgestorben, aber eine Weile schien das Schiller-Zitat „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“ perfekt auf sie zu passen. Mittlerweile hat sich der Wind wieder gedreht: Es gibt eine irritierend weit verbreitete Sehnsucht nach starken Führungsfiguren; und Stromberg darf sein Comeback feiern.
Foto: Amazon Studios / Pro Sieben / Stephan Rabold
Genau genommen handelt es sich schon um die zweite Wiederkehr, denn nach dem Ende der fünften Staffel (2012) gab es zwei Jahre später bereits einen ersten Kinofilm. Der zweite trägt den Titelzusatz „Wieder alles wie immer“ und entspricht damit einer Erfahrung, die sich regelmäßig auf Familienfeiern oder Klassentreffen machen lässt: Die Beteiligten haben sich ewig nicht gesehen, fallen aber umgehend in die gewohnten Verhaltensweisen zurück. Das gilt auch für den selbsternannten „Papa“ und seine „Kinder“ von der Kölner Capitol-Versicherung. Christoph Maria Herbst verkörpert den Narzissten, als sei 2004 erst gestern gewesen. Auch die weiteren Mitwirkenden knüpfen nahtlos an ihre gewohnten Rollen an – mit einer Ausnahme: Berthold Heisterkamp (Bjarne Mädel), Opfername Ernie, war stets eine Figur zwischen Mitgefühl und Fremdschämen. Davon ist nichts mehr zu spüren: Heisterkamp ist heute ein selbstbewusster „Life-Coach“, hat ein Buch über Mobbing am Arbeitsplatz geschrieben („Du bist kein Opfer“) und lässt sich durch die Spitzen des Kollegen Ulf Steinke (Oliver Wnuk) nicht mehr aus der Ruhe bringen.
Für das „Revival“ hat sich Autor und Produzent Ralf Husmann einen Vorwand ausgedacht, der ebenfalls an das Konzept der Serie erinnert. „Stromberg“ war eine sogenannte Mockumentary, eine inszenierte Fernsehdokumentation: Ein Kamerateam begleitete den Büroalltag der Abteilung Schadensregulierung. Gut zwanzig Jahre später inszeniert der TV-Sender eine Wiedersehens-Show, garniert mit Ausschnitten aus der Doku-Serie. Die heutzutage unsagbaren damaligen Sprüche Strombergs stoßen allerdings auf heftige Empörung, zumal der Bürohengst bei seinen Diskriminierungen keine Minderheit verschont hat. Auch vor dem Studio eskaliert die Stimmung, weil sich eine weibliche Protestgruppe zunehmend aggressive Wortgefechte mit seinen Fans liefert.
Foto: Amazon Studios / Pro Sieben / Stephan Rabold
In vielerlei Hinsicht entspricht „Stromberg – Wieder alles wie immer“ also dem Serienkonzept; insofern ist der Titelzusatz völlig zutreffend. Was zu kurz kommt, ist der Zeitgeist: Angesichts der politischen Entwicklung seit der sogenannten Flüchtlingskrise (2015) ist ein Mann wie Stromberg keine bizarre Randfigur mehr; plötzlich repräsentiert dieser Typ mit seinen Anspielungen aufs „Dritte Reich“, seiner Frauenfeindlichkeit und der herabwürdigenden Ausgrenzung von allen, die anders sind, die Mitte der Gesellschaft. Husmann macht ihn trotzdem zum Außenseiter („Der Sündenbock ist kein Herdentier“), der gegen Ende sogar Mitleid wecken soll. Seine Lebensmüdigkeit fühlt sich jedoch wie ein Verrat an der Figur an, zumal er vorher gründlich demontiert worden ist. Dass Stromberg an neuer Wirkungsstätte nicht der große Zampano ist, der er zu sein vorgibt, ist früh zu ahnen, aber welche Rolle Husmann ihm in dem Unternehmen zugeschrieben hat, ist eine echte Überraschung.
Der Rest der episodisch strukturierten Handlung ist vor allem wegen des Ensembles sehenswert. Für Herbst, Mädel und Wnuk war „Stromberg“ ein maßgeblicher Schritt zu dem Star-Status, den sie heute genießen. Für die beteiligten Schauspielerinnen gilt das bezeichnenderweise nicht. Milena Dreißig und Diana Staehly spielen zwar mehr als bloß Nebenfiguren, aber die Akzente setzen auch diesmal die Männer. Das gilt vor allem für die Slapstickszenen; Wnuk und Mädel versehen diese Momente mit einer eindrucksvollen Leichtfüßigkeit. Ein Genuss sind wie stets auch Husmanns Dialoge. Der Autor („Merz gegen Merz“, ZDF) ist in dieser Hinsicht ohnehin von einer geradezu begnadeten Boshaftigkeit. Die meisten Sprüche Strombergs sind allerdings weder zitabel noch sendbar, weshalb die Wiedersehens-Show erst mal verschoben wird. Auf diese Weise haben die Beteiligten, von denen nur noch das Ehepaar Steinke für die Capitol arbeitet, ein bisschen mehr Zeit, alte Rechnungen hervorzukramen. Regie führte wie stets bei „Stromberg“ der mehrfache Grimme-Preisträger Arne Feldhusen.

