Zu den vielen überflüssigen Floskeln der Fußballsprache zählt unter anderem der Vorsatz, „alles in die Waagschale zu werfen.“ Das passende Bild dazu ist die Balkenwaage mit ihren zwei Schalen. Ist sie perfekt austariert, reicht eine Vogelfeder, damit sie sich neigt. Diese Feder gehört im achten „Passau-Krimi“ einem Kanarienvogel, der hier eine besondere Rolle spielt. Der Piepmatz hat maßgeblichen Anteil an der Titelthese, die sicher nicht falsch ist, aber dennoch für den einzigen logischen Fehler des ansonsten klug konstruierten Drehbuchs von Michael Vershinin steht: Frederike Bader und ihr Kompagnon Ferdinand Zankl entdecken die Leiche eines Mannes, der sich aufgehängt hat. Der Vogel war sein einziger sozialer Kontakt. Angesichts der offenen Käfigtür ist Zankl überzeugt, dass der Suizid einen Mord kaschieren soll, denn: „Niemand stirbt gern allein.“ Das ist zwar nicht verkehrt, in diesem Fall aber weit hergeholt, denn vermutlich würde man doch einem geliebten Tier die Freiheit schenken, anstatt es verdursten zu lassen. Allerdings kommt schon der Prolog einer arglistigen Täuschung durch den Autor gleich, wie sich später zeigt.
Foto: BR, Degeto / Bernd Schuller
Trotzdem weckt der auch durch die Musik recht fesselnde Auftakt geschickt die Neugier auf das, was nun kommen mag. Nach einem sympathischen Geplänkel zwischen Zankl (Michael Ostrowski) und der im letzten Film bei ihrer Mutter Frederike (Marie Leuenberger) ausgezogenen Tochter Mia (Nadja Sabersky) beginnt die eigentliche Handlung mit dem Besuch einer neuen Klientin des detektivischen Duos. Die junge Charlotte ist hochschwanger und verzweifelt: Ihr Freund Phillip sitzt wegen Dealerei eine Haftstrafe ab. Demnächst wäre er auf Bewährung entlassen worden, aber weil zwei JVA-Wärter bei der Rückkehr vom Freigang Drogen in seinen Sachen gefunden haben, wird er wohl noch eine Weile im Gefängnis bleiben müssen. Die beiden nutzen Davids vermeintlichen Widerstand, um ihn brutal zusammenzuschlagen.
Da einer der Männer von Paul Wollin gespielt wird, der grundsätzlich zwielichtige Typen darstellt, ist klar, dass es sich um ein Komplott handelt, aber nun entwickelt Vershinin eine Geschichte, die mit jeder Antwort neue Fragen aufwirft. Zur zentralen Figur wird mehr und mehr Mathilde Huber. An der Fallwand mit den Fotografien der Beteiligten führen alle Fäden zu der von Petra Berndt als Walküre mit wogendem Dekolleté verkörperten Wirtin des Gasthauses „Zum Goldsteig“: Sie hockt wie eine Spinne in der Mitte eines fatalen Beziehungsgeflechts. Im Verlauf der Ermittlungen stoßen Zankl und Bader zudem auf einen einige Jahre zurückliegenden weiteren Tötungsfall: Der Koch des „Goldsteigs“ ist ebenfalls im Knast, weil er angeblich eine Küchenhilfe erstochen hat. Sämtliche Indizien sprachen gegen ihn, außerdem gab’s eine Zeugenaussage, und zwar just von jenem Platzwart des SV Donauwelle, der angeblich Suizid begangen hat.
Foto: BR, Degeto / Bernd Schuller
Jan Fehse hat auch seinen zweiten Passau-Krimi entspannt inszeniert. Immerhin kommt zum Finale ein wenig Spannung auf, aber ansonsten lebt „Niemand stirbt gern allein“ vor allem von der Neugier, denn natürlich fragen sich Bader, Zankl und mit ihnen das Publikum, wie das alles miteinander zusammenhängt; und was Phillip damit zu tun hat. Ihr Freund, beschwört die von Tamara Roming als reine Seele verkörperte Charlotte, sei kein Idiot, er hätte doch nicht wegen ein bisschen Rauschgift seine Bewährung riskiert. Neben dem Rätselspaß erfreut Vershinins Drehbuch unter anderem durch zwei Szenen, die im Grunde zu lang sind: Im Stoffgeschäft von Charlottes Mutter gibt sich Zankl als Kunde aus, um mehr über die Familie zu erfahren. Derweil sitzt Frederike in der Falle: Sie hat sich ins Büro jener derzeit in Urlaub weilenden Anwältin geschlichen, die damals den Chefkoch verteidigt hat, um in den Akten zu stöbern, als plötzlich der Sozius der Juristin auftaucht. Was nun passiert, ist für den Fortgang der Handlung irrelevant, aber ein großes Vergnügen. Das gilt auch für die makabre Rekonstruktion des vermeintlichen Suizids mit dem Vereinsmaskottchen.

