Der Bodensee war schon immer ein beliebtes Ausflugsziel, aber Urlaub war früher nur was für Wohlhabende. Als mit dem Wirtschaftswunder auch der Massentourismus begann, zog es die Menschen eher nach Italien und später auf die Balearen. Das hat sich nicht erst seit der Corona-Pandemie deutlich geändert: Jahr für Jahr kommen laut offiziellen Angaben rund zehn Millionen Menschen in die Region; Tourismus ist hier mittlerweile ein Milliardengeschäft. Es mag Zufall sein, aber in dieser Zeit ist die Gegend auch als Krimi-Schauplatz entdeckt worden. Klar, es gab ab 2002 den „Tatort“ aus Konstanz, aber richtig los ging’s erst, als der SWR Klara Blum und Kai Perlmann alias Eva Mattes und Sebastian Bezzel 2016 in die TV-Rente schickte: 2017 startete die ARD-Vorabendserie „WaPo Bodensee“ (Radolfzell), 2022 „Der Kommissar und der See“ (Lindau) sowie „Seeland“ (Konstanz, ARD).
Das ZDF hat bereits 2014 die Reihe „Die Toten vom Bodensee“ (Lindau/Bregenz) etabliert und ergänzt seinen Serienfreitag nun um „Mordufer“ aus Überlingen, zunächst jedoch erst mal nur mit vier Episoden. Gemessen an den optisch oft eindrucksvoll gestalteten Fernsehfilmen sind die Inszenierungen der jeweils knapp sechzig Minuten langen Folgen allerdings bloß solides Handwerk; kalendertaugliche Aufnahmen von Sonnenauf- oder -untergängen über dem See sind bei Produktionen aus diesen Gefilden ohnehin im Preis inbegriffen. Das Tempo ist überschaubar, ebenso die Spannung. Dass die Serie trotzdem mehr als sehenswert ist, verdankt sie neben den interessanten und zum Teil überraschend komplexen Geschichten vor allem den beiden Hauptfiguren und ihren Darstellerinnen. Bei der viel beschäftigten, „Tatort“-geschulten Wienerin Franziska Weisz ist das nicht weiter erstaunlich, für die Frau an ihrer Seite, Maria Wördemann (Jahrgang 1995), ist es allerdings ihre erste Hauptrolle.
Foto: ZDF / Constantin Campean
Die Besetzung erweist sich aber recht bald als gar nicht so riskant, wie sie auf den ersten Blick scheint, zumal sich die beiden Schauspielerinnen und ihre Rollen perfekt ergänzen. Oberkommissarin Doro Beitinger kehrt nach 15 Jahren, in denen sie sich um ihre Familie gekümmert hat, zur Kripo zurück, und wird gleich am ersten Tag mit einer neuen Chefin konfrontiert: Kriminalhauptkommissarin Chiara Locatelli hat sich aus Duisburg an den Bodensee versetzen lassen, ist deutlich jünger, kühl, klug und korrekt sowie im Unterschied zur offenen und entsprechend beliebten zweifachen Mutter eher verschlossen. Auch deshalb war es eine gute Idee, die Rolle mit einer kaum bekannten Akteurin zu besetzen: Doro kennt in Überlingen und Umgebung alle und jeden, Chiara muss sich ihre Anerkennung erst verdienen.
Soundtrack: The Breeders („Cannonball“), L7 („Pretend We’re Dead“), Carla del Forno („Come Around“), Donna Summer („She Works Hard For The Money“), Sharon van Etten („Jupiter 4“), HTRK („Kiss Kiss And Rhinestones“), Amyl and the Sniffers („Guided By Angels“), Morcheeba („The Sea“), Cat Power („The Greatest“), Hilary Woods („Taper“), Rhye („Woman“), Feist („Bittersweet Melodies“)
Die zentrale Konstellation funktioniert also schon mal gut, zumal auch das weitere Personal mit Ronald Kukulies als Rechtsmediziner und Ralf Bauer als hemdsärmeliger Kripo-Chef interessant besetzt ist. Die besten Dialogsätze hat allerdings Anna Gesa-Raija Lappe als pfiffige Kriminaltechnikerin. Nun galt es nur noch, die beiden Kommissarinnen mit Fällen zu betrauen, die sich nicht genauso gut in Hamburg oder Berlin zutragen könnten, und auch in dieser Hinsicht hat sich das Drehbuchtrio interessante Geschichten ausgedacht, in denen unter anderem eine Schönheitsklinik, ein Rüstungsunternehmen, eine Schnapsbrennerei und ein Weingut wichtige Rollen spielen. Das Besondere an den Ermittlungen ist in allen Folgen eine unerwartete Richtungsänderung. Falsche Fährten gehören zwar zum üblichen Krimimuster, doch Regine Bielefeldt, Mariann Kaiser (Koautorin bei den Folgen eins und vier) sowie Boris Dennulat (Folge drei) sorgen für Wendungen, die in der Tat nicht vorherzusehen sind. In der Auftaktepisode („Brennen soll sie“) entpuppt sich das Motiv für eine vermeintliche Hexenverbrennung nach einigen Umwegen als skrupellose Geschäftemacherei, und auch Folge vier („Wein und Wahrheit“) führt schließlich plausibel in eine Richtung, mit der zuvor nicht ansatzweise zu rechnen war.
Foto: ZDF / Patrick Pfeiffer
Am komplexesten ist die Handlung von Folge drei („Die große Gier“), die schon allein wegen des Hintergrunds wohl auch für einen 90-Minüter gereicht hätte: Eine ermordete Ingenieurin hat ein völlig neuartiges Navigationssystem für Kriegsdrohnen entwickelt, es geht um vermeintliche Industriespionage, womöglich unter Beteiligung ausländischer Geheimdienste. Nicht neu, aber hier sehr wirkungsvoll ist zudem die Idee, mit Hilfe bekannter Fernsehgesichter wie Michael A. Grimm oder Christian Erdmann als Verdächtige für Ablenkungsmanöver zu sorgen. Sehr interessant ist auch die Mitarbeit des Zolls, der immer wieder in die Ermittlungen integriert wird. Dass ein junger Beamter (Paul Ahrens) ganz hingerissen von der neuen Kollegin ist, trägt zwar nicht zur Wahrheitsfindung bei, sorgt aber immerhin für amüsante Momente.
Fürs ZDF ist „Mordufer“ zumindest auf diesem Sendeplatz buchstäblich Neuland: Klassiker wie „Der Kommissar“, „Derrick“ oder „Der Alte“, aber auch jüngere Produktionen wie „Die Chefin“ oder „Jenseits der Spree“ spielen stets in einer Großstadt. Entsprechend häufig lässt Regisseur Christoph Ischinger, der bislang vor allem für die Freitagsserie „Jenseits der Spree“ gearbeitet hat, die Kamera über den See und die Landschaft fliegen. Akustischen Lokalkolorit gibt es hingegen nicht: Niemand spricht Dialekt. Geschmackssache ist die Songdichte, wie sie sonst nur im Sonntags-„Herzkino“ des ZDF üblich ist; gegen den (Indie-)Soundtrack selber aber lässt sich wenig sagen.
Foto: ZDF / Constantin Campean


3 Antworten
Im Prinzip freue ich mich auf diese neue Serie. Nach allem, was man über die Darstellerinnen und die Location lesen kann, scheint das wirklich vielversprechend zu werden.
Was mich auf der anderen Seite ärgert, ist, dass immer wieder neue Formate gestartet und dann recht schnell wieder abgesetzt werden. Ein aktuelles Beispiel aus dem ZDF‑Umfeld: Die Serie „Mordsschwestern – Verbrechen ist Familiensache“ wurde nach drei Staffeln eingestellt. Begründung: das übliche Blabla einer „strategischen Neuausrichtung“.
Jetzt soll mir bitte jemand erklären, worin da strategisch der große Unterschied zwischen „Mordsschwestern“ und „Mordufer“ liegen soll.
Diese beiden Frauen haben ganz offensichtlich ein Rang-/ u. Kompetenzproblem. Solche Frauen mag ich nicht.
Das stört in dieser Serie extrem. Und nach meiner Einschätzung u./o. sind Frauen so nicht!
mfg
Insgesamt schon jetzt gut. Ich wünsche mir jedoch etwas mehr Humor bei beiden Kommissarinnen.
4,5 Sterne