Die erste Frau mit Kopftuch im All zu sein, ist ihr Lebenstraum. Die Astrophysikerin Ayla (Via Jikeli) ist auf einem guten Weg dorthin. Nach ihrem Studium bekommt sie ihre große Chance: ein halbjähriges Praktikum bei der NASA. Kleiner Wermutstropfen, der groß genug ist, ihr Leben zwei Monate lang völlig auf den Kopf zu stellen: Sie braucht 22.000 Euro. Ihre Eltern, Selma (Lale Yavas) und Adil (Özgür Karadeniz), geben sich zwar modern, doch finanziell unter die Arme greifen sie nur Aylas Bruder Tolga (Eren Kavukoglu) bei seinem Dating-App-Startup. Über dessen Freund Vincent (Jannik Schümann) gerät die gläubige Muslima in die gefährlich-aufregende Welt des Pokerns. „Zeig mir, wie man gewinnt!“ An Willensstärke mangelt es ihr nicht. Aber ist sie cool genug, in dieser harten „Man’s Man’s World“ zu bestehen? Kann sie ihre Unsicherheit verbergen? Anfangs ist Pokern für Ayla nur eine Möglichkeit, ans schnelle Geld zu kommen. Doch je mehr sie abtaucht in die verbotene Zone des illegalen Glücksspiels, je mehr sie die Zeit am Pokertisch genießt, je mehr sie das Gewinnen euphorisiert und je mehr auch der charismatische Vincent sie in seinen Bann zieht, umso mehr entfremdet sich Ayla von ihrer Familie und ihrer Freundin Britta (Pauline Großmann). Und was überhaupt sagt der Koran dazu? Der Trick der cleveren Heldin: Sie erfindet eine zweite Person.
Foto: ZDF / Jürgen Olczyk
Diese Nina ist es, die sich Nacht für Nacht aufbrezelt, die eine Perücke über dem Kopftuch trägt – und die zur Attraktion der zwielichtigen Männerrunden wird. So kann Ayla mit dieser Sünde aus Notwehr besser leben. „High Stakes“ steckt voller solcher Drehbuchideen, die die Geschichte (psychologisch) verdichten und gar nicht erst Zweifel an deren „Glaubwürdigkeit“ aufkommen lassen. Dafür ist sie auch viel zu intensiv von Marijana Verhoef inszeniert. Dass sich dieses Poker-Greenhorn zu den abgezockten Profispielern an den Tisch setzt und im Schlussakt sogar davon überzeugt ist, es gegen die Weltelite dieser Pokerfaces aufnehmen zu können, macht diese sechsteilige ZDFneo-Serie zu einem wunderbaren Stück Genrekunst und – egal wie es ausgeht – auch zu einer faszinierenden (Super-)Heldinnen-Geschichte. Diese junge Frau lernt schnell. „Du spielst den Gegner, nicht das Spiel.“ Das muss ihr Vincent nicht zweimal sagen. „Ein gutes Blatt bringt nichts, wenn du nicht siehst, was auf dem Tisch passiert.“ Markante, kurze Sätze; das freut nicht nur die wissbegierige Heldin, die das Erlernte alsbald auch im wahren Leben anwendet. Immer wieder ist es ihr Blick durch den Türspalt, der ihr Geheimnisse offenbart: Erst ist es das Hinterzimmer des Clubs, den Vincent als Geschäftsführer für seinen skrupellosen Boss (Thomas Loibl) leitet; dann entdeckt sie, dass ihr Bruder und Vincent ein Paar sind; schließlich wird sie Zeuge davon, wie ein Schuldner brutal zusammengeschlagen wird. Mit der Freudschen „Schlüssellochszene“ à la „Blue Velvet“ zu arbeiten, ist ein weiteres Beispiel für den hohen Subtext-Gehalt der von Orkun Ertener („KDD“) und Kathrin Tabler (auch Produzentin; „Neuland“) als Headwriter verantworteten Serie.
Foto: ZDF / Jürgen Olczyk
Möglicherweise bedeutet ja die wachsende Beobachtungsgabe der Heldin auch etwas für ihre Beziehung zu Vincent, den Jannik Schümann gewohnt undurchsichtig zwischen Love Interest und Antagonist verkörpert. Es ist kein Zufall, dass dieser hoch verschuldete Zocker Wirtschaftspsychologie studiert hat. Die geradezu zärtliche erotische Annäherung der beiden verfolgt man deshalb mit sorgenvollem Blick, denn alle Sympathien in „High Stakes“ gehören Ayla alias Nina. Ob verkopft, brav, züchtig oder sinnlich, gestylt, sexy – die Theater-erfahrene Via Jikeli, nach dem „Tatort – Solange du atmest“ (2025) in ihrer zweiten TV-Hauptrolle, trifft alle Nuancen, bedient die Psychologie des Dramas ebenso überzeugend wie die Coolness des Genrefilms. Jede Nuance stimmt, ob nervöser Flatterblick oder die Augen, cool und schwer zu durchschauen wie die einer Katze, die ihr Opfer belauert. Doch agiert Ayla auch so souverän im Umgang mit Vincent? Die Isolierung von ihren Liebsten ist zwar ein weiteres Alarmzeichen in Kombination mit dessen mutmaßlicher Retter-Rolle („Ich bin bei dir. Ich helfe dir. Du bist nicht allein.“), aber diese Frau ist kein Dummchen, bleibt lange Zeit misstrauisch gegenüber dem Lover in spe und entzieht sich immer wieder seiner Fürsorge/Kontrolle („Tu das nie wieder!“). Sie ist anfällig für seine Komplimente, für die Verlockungen auf Ninas heißer Seite des Lebens, auch gewinnt das Spielen-Müssen mitunter die Oberhand über Ayla, da aber Tabler und Ertener eine Heldinnenreise und nicht das Drama einer Spielsucht erzählen, darf mit einem Umswitchen zur richtigen Zeit gerechnet werden.
Foto: ZDF / Matthias Fleischer
„High Stakes“ ist kein Poker-Drama. Man muss nicht mal die Regeln des Kartenspiels kennen. Als Zuschauender verfolgt man das Verhalten, die Blicke, die Pausen – immer verbunden mit der Frage nach dem Ausgang des Spiels: Gewinnt Nina? Verliert sie? Steht sie mit einem blauen Auge vom Tisch auf? Und: Wie viel Geld bleibt ihr für ihren Traum? Erst beim Showdown stellen sich auch andere Fragen. Da wird Psychologie offen als Ass im Ärmel eingesetzt, fungiert das Verhalten als Projektionsfläche des bisher Erzählten. Es schlägt die Stunde der Wahrheit: Liebe? Manipulation? Oder etwas Dazwischen? Die Augenpaare begegnen sich bildschirmfüllend wie im Italo-Western. Auch der Score tönt in den spannendsten Momenten geradezu physisch. Die durchweg gut konstruierte Geschichte, die mit zwei Hauptcharakteren und fünf tragenden Nebenfiguren auskommt, ist packender als jeder Krimi. Ähnlich kompakt und klug reduziert ist auch das Setting: Die Handlungsorte sind überschaubar und tragen mit zur Konzentration auf das Wesentliche bei – die Gefühle, die Stimmungen, die Herausforderungen, denen sich Ayla/Nina stellen muss. Dabei wird sie als aktiv Handelnde gezeigt. Das gilt gleichsam für Nina. Trotz der Konnotationen à la Louise Brooks oder Cleopatra liefert die Kamera sie nicht dem männlichen Blick des Begehrens aus. Die Heldin spielt mit ihrer neu entdeckten Weiblichkeit – und der Zuschauer sieht eine attraktive Frau, aber nicht mehr. Ähnliches gilt für eine erotische Szene in der Phase, in der Vincent sie becirct. Die Kunst der Verführung wird in einer der markantesten Momente zum Antrieb einer zweiminütigen intimen Plansequenz: Vincent versucht, Nina mit allen Sinnen zu überzeugen, beim Kuss aber ist sie die Aktivere, bevor Sekunden später Nina auf Vincent hockt und einen der entscheidenden Sätze der Serie sagt. Bleibt sie auch am Pokertisch obenauf? Und wer ist sie am Ende: Nina oder wieder Ayla? Welche Version ihres Selbst will sie sein?
„High Stakes“ ist im Verlauf der 270 Minuten stets offen für Fragen, die den guten Flow der Serie ausmachen – ohne am Ende allerdings essenzielle Antworten schuldig zu bleiben. Es wird sich zeigen, ob Ayla noch das Raubtier ist, das sie sein muss, um nicht gefressen zu werden? Oder findet sie eine andere, weniger brachiale – feministische? – Lösung? Die Serie spiegelt auf vielen Ebenen den Zeitgeist, ohne auch nur im Geringsten bemüht (woke) zu wirken. Präzises Handwerk auf allen Ebenen. Vielleicht gibt es ja sogar ein Pokern um die internationalen Streaming-Rechte? Dass Pokern im US-Kino – von Steve McQueen über Clooney und DiCaprio bis hin zu James Bond („Casino Royal“) – zum guten Ton gehört, kann da nicht schaden.

