Die ZDF-Sonntagsreihe „Ein Sommer in…“ funktioniert nach einem ganz einfachen, aber meist wirkungsvollen und fast immer sehenswerten Schema: Eine Frau besucht ein selbstredend pittoreskes Reiseziel irgendwo in Europa und findet in der Regel die Liebe. Der Netflix-Film „Fall For Me“ würde ebenfalls gut in diese Reihe romantischer Dramen mit großem Tourismusfaktor passen, zumal Stefanie Sycholt, die fürs ZDF diverse „Inga Lindström“-Drehbücher geschrieben hat, auch schon für die „Sommer“-Reihe tätig war: Wirtschaftsprüferin Lilli (Svenja Jung) reist nach Mallorca, um ihre jüngere Schwester zu besuchen. Valeria (Tijan Marei) ist drauf und dran, sich in ein heikles Abenteuer zu stürzen: Sie hat sich Hals über Kopf in einen Einheimischen verliebt und will mit ihm ein „Bed and Breakfast“ eröffnen. Lilli ist jedoch überzeugt, dass Manu (Victor Meutelet) keine ehrbaren Absichten hat; sie hält ihn für einen „Tinder-Schwindler“. Trotzdem lässt sich Valeria nicht davon abbringen, das gemeinsam von der verstorbenen Mutter geerbte und völlig verwahrloste Haus samt verwildertem Garten zu verkaufen, um den Erlös in eine Finca zu investieren. Das geräumige Anwesen ist in der Tat prachtvoll, wie sich Lilli überzeugen kann: Valeria hat sie hier untergebracht.
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Jetzt muss nur noch die Liebe ins Spiel kommen: Gleich am ersten Abend verguckt sich Lilli in den charmanten Nachtclubmanager Tom (Theo Trebs). Ein kurzes verbales Knistern genügt als Vorspiel für eine kleine erotische Eskapade auf dem Balkon des Etablissements, und natürlich bleibt es nicht dabei: Dank eines vermeintlichen Zufalls lebt Tom in einer nicht minder eindrucksvollen Finca gleich nebenan, was sich als recht praktisch entpuppt, als in Lillis Garten plötzlich eine Fontäne aus dem Boden schießt. Regisseurin Sherry Hormann nutzt die Gelegenheit, um Hauptdarstellerin Svenja Jung wie die Teilnehmerin eines „Wet-T-Shirt-Wettbewerbs“ zum Nachbarn zu schicken. Tom bleibt allerdings Gentleman und nimmt sich des Rohrbruchs an; der Sex ist aber selbstredend nur aufgeschoben.
Netflix empfiehlt „Fall For Me“ (frei übersetzt: Verlieb’ dich in mich) ab 16 Jahren, was etwas überrascht. Die für Kinofilmfreigaben zuständige FSK vergibt diese Kennzeichnung, wenn Filme zum Beispiel von Gewalt geprägt sind, sozial schädigende Botschaften vermitteln oder Sexualität auf reine Triebbefriedigung reduzieren. Davon kann in diesem Fall keine Rede sein: Es ist nicht zu übersehen, dass Lilli an Tom nicht bloß den trainierten Körper schätzt. Die Sexszenen sind zwar recht freizügig, waren dieses Jahr in ähnlicher Form aber sogar schon auf dem ansonsten eher zugeknöpften Sonntagssendeplatz im ZDF zu sehen („Verhängnisvolle Leidenschaft Sylt“ mit Cornelia Gröschel). Die erfahrene Hormann und ihr Kameramann Marc Achenbach haben die leidenschaftlichen Momente zudem geschmackvoll und ästhetisch ansprechend gefilmt. Sie entsprechen zwar dem traditionellen Muster, Hormann hat sie zumindest nicht sichtbar anders inszeniert, als ein Mann dies getan hätte, doch durch die Anwesenheit eines Intimitätskoordinators war vermutlich gewährleistet, dass sich Trebs und vor allem die weitaus mehr geforderte Jung bei den Nacktszenen vergleichsweise wohlfühlen konnten; in dieser Hinsicht haben Hauptdarstellerinnen in früheren Jahren schon einige böse Überraschungen erlebt.
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Natürlich findet sich auch mancherlei Gelegenheit für mit viel Popmusik unterlegte Fernwehbilder von Sonne, Strand und Landschaft. Der gut hundert Minuten lange Film lebt jedoch nicht nur von Sex und mallorquinischem Augenschmaus. Mit zunehmender Dauer wandelt sich „Fall For Me“ zumindest moderat zum Krimi: Lilli wird mehr und mehr klar, dass Manu es bloß auf Valerias Erbe abgesehen hat, erst recht nach einer Begegnung mit seiner Exfreundin (Antje Traue). Die Frau wusste offenkundig noch gar nicht, dass die Beziehung beendet ist, und sorgt mit der Scham über ihre Naivität für einen weiteren interessanten Aspekt. Zu diesem Zeitpunkt kann Lilli im Gegensatz zum Publikum noch nicht ahnen, dass auch Tom mit einem von Thomas Kretschmann angemessen halbseiden verkörperten Immobilienmakler unter einer Decke steckt. Der Mann hat es auf das Grundstück der beiden Frauen abgesehen; die Umsetzung seiner Pläne kämen einem für solche Geschichten typischen Umweltfrevel gleich. Einen „Sommer auf Mallorca“ (2018) gab’s im ZDF übrigens auch schon, allerdings weitaus züchtiger. Und noch einen Unterschied gibt es: Am Schluss kommt es zu einem klassischen, wenn auch vor allem wegen der Musik spannenden Showdown, bei dem sogar Schüsse fallen.

