Ein bisschen Fake muss sein. Um die eigene Brautmode-Marke zu pushen, verfolgen Influencerin Jäcki (Luise von Finckh) und die selbsternannte PR-Fachfrau Simone (Lena Klenke) eine absurde Idee. Die Freundinnen wollen Jäcki zum Schein verheiraten. Eigentlich geht es nur um optischen Content vor perfekter Berg-Kulisse. Bräutigam Lukas (Felix Kreutzer) ist eingeweiht. Ahnungslos dagegen sind die aus Lassahn anreisenden Eltern der Braut und Lukas Vater als Gastgeber der Hochzeitsgesellschaft.
Foto: Degeto / Ricardo Gstrein
Mit Anja Kling, Devid Striesow und Martin Brambach steigen aus früheren Impro-Komödien vertraute Gesichter aus der Gondel. Für „Die Hochzeit“ variiert Striesow die gut geölte Rolle des weltgewandten Gernegroß Thorsten Meurer. Brambach ist Carsten Hell, ein Mann mit großem Herz und wenig im Kopf. Anja Kling alias Jäckis Mutter Anna hält die Kerle im Zaum. Mit guten Wünschen und bösen Ahnungen empfängt Johann Pichler die neue Verwandtschaft in seinem Nobelhotel auf der Hochalm. Zwischen söderhafter Gutsherrenart und den stillen Momenten eines traurigen Patriarchen verleiht Neuzugang Tobias Moretti dem Mann im Janker ein griffiges Profil. „Soans alle Papa!“, so sein amüsierter Kommentar zu der Chaostruppe aus Lassahn. Warum der Mann so traurig ist, erzählt „Die Hochzeit“ abseits des offiziellen Protokolls.
Zwei Drehtage waren für den Clash auf der Alm angesetzt. Dass jeweils mehr als zehn Stunden gedreht wurde, zeigt schon das Licht: Von zwinkerheller Morgensonne über klare und damit ideale Lichtverhältnisse für die PR-Fotos bis zu gnädig stimmender Abendsonne fängt Stefan „Fahle“ Meese alle erdenklichen Stimmungen ein. Wie Meese waren mit Sebastian Schultz als Co-Autor, Lars Jessen (Bildregie) und Nikolas Jürgens (Kamera) erfahrene Impro-Profis am Gewerk. Jürgens operierte diesmal mit 15 festen Kameraleuten. Die Erfahrungen früherer Team-Arbeiten wie „Altersglühen – Speed Dating für Senioren“ (2014), „Wellness für Paare“ (2016), „Klassentreffen“ (2019), „Das Begräbnis“ (2022) und „Das Fest der Liebe“ (2023) dürften für ein hohes Maß an Effizienz gesorgt haben. Auch im Schnitt saßen mit Benjamin Ikes und Nikolai Hartmann Impro-Profis aus der Stamm-Crew. Rund um einige gesetzte Aha-Momente setzten die beiden das Material zu einer Tagesetappe zusammen.
Foto: Degeto / Ricardo Gstrein
Schüttes Frühwerk „Altersglühen“ wurde 2014 als „TV-Experiment“ gefeiert. Zehn Jahre später ist „Die Hochzeit“ ein großer Spaß mit kleinen Schwächen. In sechs Episoden vereint die Comedy zwei Generationen und zwei Lebenswelten. Start-Up-Influencer treffen auf Eltern, die es geschafft – oder eben nicht geschafft haben. Die Jungen dürfen spinnen, die Alten tragen die Story. Ihr, im Rollensteckbrief skizzierte, gelebte Leben ist für die Impro-Dialoge essenziell. Die Ü-50er sind es, die ihre unerfüllten Träume mit auf den Berg schleppen. Bei aller Albernheit verleiht ihnen das Charisma und macht sie interessant. Impro lebt davon, dass die Situationskomik immer wieder von Momenten großer Wahrhaftigkeit gebrochen wird. Viele Geschichten in „Altersglühen“ und „Wellness für Paare“ erzählen vom Schmerz. Zusammen mit der Spielfreude der Schauspieler sorgt das für große, berührende Momente.
„Die Hochzeit“ lässt da einiges Potential ungenutzt. Gesellschaftliche Ungerechtigkeiten, der nie überwundene Ost-West-Graben, unser aller Wahn alles zum Event zu machen, eine Tourismus-Manie, die in jeder Kuhweide eine potenzielle Spa-Oase sieht – all das schwingt mit, prägt die Akteure und hält uns den Spiegel vor. An der Oberfläche bleibt „Die Hochzeit“ konsequent bei Friede, Freude und schlechter Musik. Diese Hochzeitsgesellschaft will nur spielen. Auch damit ist sie nah an der Wahrheit und besser als viele Drehbuch-gezimmerte Fiktionen vom Glück.

