Die Hochzeit

Kling, Brambach, Striesow, Moretti, Klenke, Schultz, Jan Georg Schütte. Gaudi trifft Impro-Kunst

Foto: Degeto / Ricardo Gstrein
Foto Martina Kalweit

Jäcki, Enkelin des einst in Lassahn verstorbenen Wolff-Dieter („Das Begräbnis“, 2022), ist im Begriff, in Tirol eine gute Partie zu machen. Erwartungsvoll ziehen Mama, Erzeuger und Stiefvater gen Süden. Die ostdeutschen Traumtänzer wollen sehen, was für sie rausspringt. Über sechs Episoden fallen Kleider und Extensions. Unerfüllte Sehnsüchte und blanke Gier brechen sich Bahn. „Die Hochzeit“ (Degeto/Florida Film) ist der jüngste Streich von Impro-Spezialist Jan Georg Schütte. Der Regisseur und Grimme-Preisträger lässt regietechnisch die Zügel gewohnt locker und das Ensemble nach Rollensteckbriefen improvisieren. Neben vielen bekannten Gesichtern bringt ein akkurater Hotelier eine neue Tonalität ins Spiel. Das Zusammenspiel der in sich stimmigen Typen bietet gute Unterhaltung nach bewährtem Muster.

Ein bisschen Fake muss sein. Um die eigene Brautmode-Marke zu pushen, verfolgen Influencerin Jäcki (Luise von Finckh) und die selbsternannte PR-Fachfrau Simone (Lena Klenke) eine absurde Idee. Die Freundinnen wollen Jäcki zum Schein verheiraten. Eigentlich geht es nur um optischen Content vor perfekter Berg-Kulisse. Bräutigam Lukas (Felix Kreutzer) ist eingeweiht. Ahnungslos dagegen sind die aus Lassahn anreisenden Eltern der Braut und Lukas Vater als Gastgeber der Hochzeitsgesellschaft.

Die HochzeitFoto: Degeto / Ricardo Gstrein
Oben: Mutter Anna (Anja Kling) freut sich mit Jäcki (Luise v. Finckh). Unten: Doch die hat diese ganze Fake-Hochzeit bald satt.

Mit Anja Kling, Devid Striesow und Martin Brambach steigen aus früheren Impro-Komödien vertraute Gesichter aus der Gondel. Für „Die Hochzeit“ variiert Striesow die gut geölte Rolle des weltgewandten Gernegroß Thorsten Meurer. Brambach ist Carsten Hell, ein Mann mit großem Herz und wenig im Kopf. Anja Kling alias Jäckis Mutter Anna hält die Kerle im Zaum. Mit guten Wünschen und bösen Ahnungen empfängt Johann Pichler die neue Verwandtschaft in seinem Nobelhotel auf der Hochalm. Zwischen söderhafter Gutsherrenart und den stillen Momenten eines traurigen Patriarchen verleiht Neuzugang Tobias Moretti dem Mann im Janker ein griffiges Profil. „Soans alle Papa!“, so sein amüsierter Kommentar zu der Chaostruppe aus Lassahn. Warum der Mann so traurig ist, erzählt „Die Hochzeit“ abseits des offiziellen Protokolls.

Zwei Drehtage waren für den Clash auf der Alm angesetzt. Dass jeweils mehr als zehn Stunden gedreht wurde, zeigt schon das Licht: Von zwinkerheller Morgensonne über klare und damit ideale Lichtverhältnisse für die PR-Fotos bis zu gnädig stimmender Abendsonne fängt Stefan „Fahle“ Meese alle erdenklichen Stimmungen ein. Wie Meese waren mit Sebastian Schultz als Co-Autor, Lars Jessen (Bildregie) und Nikolas Jürgens (Kamera) erfahrene Impro-Profis am Gewerk. Jürgens operierte diesmal mit 15 festen Kameraleuten. Die Erfahrungen früherer Team-Arbeiten wie „Altersglühen – Speed Dating für Senioren“ (2014), „Wellness für Paare“ (2016), „Klassentreffen“ (2019), „Das Begräbnis“ (2022) und „Das Fest der Liebe“ (2023) dürften für ein hohes Maß an Effizienz gesorgt haben. Auch im Schnitt saßen mit Benjamin Ikes und Nikolai Hartmann Impro-Profis aus der Stamm-Crew. Rund um einige gesetzte Aha-Momente setzten die beiden das Material zu einer Tagesetappe zusammen.

Die HochzeitFoto: Degeto / Ricardo Gstrein
Familie kann man sich nicht aussuchen. Gerade noch mal gutgegangen: Devid Striesow und Martin Brambach in „Die Hochzeit“

Schüttes Frühwerk „Altersglühen“ wurde 2014 als „TV-Experiment“ gefeiert. Zehn Jahre später ist „Die Hochzeit“ ein großer Spaß mit kleinen Schwächen. In sechs Episoden vereint die Comedy zwei Generationen und zwei Lebenswelten. Start-Up-Influencer treffen auf Eltern, die es geschafft – oder eben nicht geschafft haben. Die Jungen dürfen spinnen, die Alten tragen die Story. Ihr, im Rollensteckbrief skizzierte, gelebte Leben ist für die Impro-Dialoge essenziell. Die Ü-50er sind es, die ihre unerfüllten Träume mit auf den Berg schleppen. Bei aller Albernheit verleiht ihnen das Charisma und macht sie interessant. Impro lebt davon, dass die Situationskomik immer wieder von Momenten großer Wahrhaftigkeit gebrochen wird. Viele Geschichten in „Altersglühen“ und „Wellness für Paare“ erzählen vom Schmerz. Zusammen mit der Spielfreude der Schauspieler sorgt das für große, berührende Momente.

„Die Hochzeit“ lässt da einiges Potential ungenutzt. Gesellschaftliche Ungerechtigkeiten, der nie überwundene Ost-West-Graben, unser aller Wahn alles zum Event zu machen, eine Tourismus-Manie, die in jeder Kuhweide eine potenzielle Spa-Oase sieht – all das schwingt mit, prägt die Akteure und hält uns den Spiegel vor. An der Oberfläche bleibt „Die Hochzeit“ konsequent bei Friede, Freude und schlechter Musik. Diese Hochzeitsgesellschaft will nur spielen. Auch damit ist sie nah an der Wahrheit und besser als viele Drehbuch-gezimmerte Fiktionen vom Glück.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von ARD Mediaplayer. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

tittelbach.tv ist mir was wert

Mit Ihrem Beitrag sorgen Sie dafür, dass tittelbach.tv kostenfrei bleibt!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Serie & Mehrteiler

ARD Degeto

Mit Anja Kling, Devid Striesow, Martin Brambach, Lena Klenke, Luise von Finckh, Tobias Moretti, Sonja Romei, Josephine Bloéb, Felix Kreutzer, Gustav Schmidt

Kamera: Nikolas Jürgens

Szenenbild: Dorle Bahlburg

Kostüm: Susann Günther

Maske: Kristina Mollnau, Aurora Hummer, Annette Kamont, Conny Ritz

Schnitt: Benjamin Ikes, Nikolai Hartmann

Musik: Alex Komlew, Dominik Giesriegl

Redaktion: Caroline Haasis, Christoph Pellander (Degeto)

Produktionsfirma: Florida Film

Produktion: Sebastian Schultz, Maren Knieling

Drehbuch: Jan Georg Schütte, Sebastian Schultz

Regie: Jan Georg Schütte

EA: 05.09.2025 10:00 Uhr | ARD-Mediathek

weitere EA: 05.09.2025 22:25 Uhr | ARD

tittelbach.tv ist mir was wert

Sie lesen die Seite regelmäßig?

Damit t.tv so bleibt, wie Sie die preisgekrönte Fernsehkritik-Website kennen, also weiterhin unabhängig & frei zugänglich, wäre eine (regelmäßige) Unterstützung hilfreich, gern auch von denen, die die Seite beruflich nutzen und denen sie persönlich zugutekommt, den Kreativen, den Redakteuren, den Journalisten …