Ganz gleich, ob Drama oder Komödie: Ein wichtiges Spannungselement ist stets das sogenannte retardierende Moment, die Verzögerung einer erkennbaren und mutmaßlich alles entscheidenden Wendung. Das ist wie beim Sex: Wird der Höhepunkt hinausgezögert, ist er ungleich wirkungsvoller. In Dramen und Tragödien ist die Hoffnung oft trügerisch, in Komödien ist der heitere Effekt umso größer. Oliver Wnuk verfügt über die Gabe, derart retardierende Momente auch in sein Spiel zu integrieren: Die Pointe kommt, aber gern leicht verzögert. Außerdem ist er ein Meister des beiläufigen Missgeschicks. Diese Kombination ist nicht nur witzig, sie lässt seine Figuren zudem authentischer wirken. Stammen die Dialoge dann auch noch von Grimme-Preisträger Ralf Husmann, dank dessen Drehbüchern zur ProSieben-Serie „Stromberg“ er vor über zwanzig Jahren endgültig zum Star wurde, kann tatsächlich nichts mehr schiefgehen.
Wnuk ist zudem ein ausgezeichneter Ensemble-Schauspieler, und auch deshalb ist „Gefahr im Verzug“, der zweite Film über die Familie Bachmann, erneut ein großes Vergnügen. Im ersten Teil (2025) ist Markus (Wnuk) mit seiner neuen Freundin in die unmittelbare Nachbarschaft von Ex-Frau Miriam (Stefanie Stappenbeck) gezogen. Prompt kam es zu Turbulenzen, zumal die lässige Galina (Natalia Belitski), für die beiden Teenager-Kinder Emma und Elias eher große Schwester als Stiefmutter, deutlich entspannter ist als Miriam. Die Fortsetzung präsentiert das gleiche Handlungsmuster noch mal, diesmal jedoch mit einer entscheidenden Variante: Galina wird vierzig und möchte ein Kind, bevor es zu spät ist. Umgehend erinnert sich Markus daran, wie es mit seiner Ehe bergab ging, als die traute Zweisamkeit endete.
Foto: ZDF / Marc Meyerbröker
Das ist als potenzieller Dramenstoff die perfekte Voraussetzung für eine Komödie, zumal Husmann und Koautorin Lena Krumkamp das Thema ernst nehmen. Die Verpackung ist lustig, doch der Inhalt ist durchaus heikel: Markus möchte seine Kinder nicht missen, aber mit Blick auf die Beziehung waren sie auch ein Fehler, den er nicht wiederholen möchte. Weil er sein Unbehagen zum Ausdruck bringt, gibt es erheblichen Ärger, allen voran mit Emma und Elias, die das verständlicherweise empörend finden. Medea Leinen und Jonte Blankenburg haben ihre Rollen schon in Teil eins gespielt. Jetzt sind sie ein Jahr älter und womöglich noch besser, zumal sich die beiden Geschwister ihre gegenseitigen Bosheiten mit großer Hingabe um die Ohren hauen. Ihr bevorzugtes Opfer ist allerdings Miriam. Der wiederum ist wie schon im ersten Film eine Romanze vergönnt. Damals war’s ein Kollege, diesmal ist’s ein Kunde. Der Mann heißt Prinz, ist „fast geschieden“ und, da von Steve Windolf verkörpert, alles andere als ein Frosch, aber seine Tochter ist mindestens genauso schwierig wie Miriams Kinder.
Soundtrack: Randy Newman („Falling In Love“), Stardust („Music Sounds Better With You“), Booker T & The MGs („Green Onions“), Kylie Minogue („Can’t Get You Out Of My Head“), Florence + The Machine („Buckle“), Stevie Wonder („Hey Love“), Feist („1234“), Brenton Wood („Oogum Boogum Song“), Devo („Satisfaction“), The Cure („Just Like Heaven“)
Der Rest ist heiter. Der Titelzusatz mag sich auf den Kinderwunsch beziehen, gilt aber auch für eine Bedrohung, der Hape (Niels Bormann), unfreiwilliger Single mit binärem Weltbild und nach eigener Überzeugung einer der letzten echten Männer, mit einer Bürgerwehr begegnen will: In der Umgebung häufen sich die Einbrüche, also soll die Nachbarschaft des Nachts in Zweiergruppen durch die Straßen patrouillieren. Auf diese Weise bietet sich Markus, der zunächst überhaupt keine Lust hat, „Räuber und Gendarm“ zu spielen, die Gelegenheit, seine allseits bezweifelte Männlichkeit unter Beweis zu stellen. Außerdem lässt sich in der ungestörten Zweisamkeit das eine oder andere Grundsatzgespräch führen, selbst wenn Miriam ihm sein „beredtes Schweigen zwischen den Zeilen“ vorhält.
Foto: ZDF / Marc Meyerbröker
Im Kern und jenseits aller Komik behandelt „Gefahr im Verzug“ ein Thema, dass alle betrifft. „Life is what happens to you while you’re busy making other plans“, sang John Lennon einst in „Beautiful Boy“ (1980), frei übersetzt: Während du noch Pläne schmiedest, ist das Leben längst ein paar Schritte weiter; und es überfällt einen immer dann, wenn man nicht damit rechnet. Auf diese Weise wird Markus, der es allen recht machen will, zum Spielball eines vermeintlichen Schicksals, nicht nur in Gestalt von Galina, sondern auch von ihrem Vater, der ganz eigene Vorstellungen in Bezug auf die Zukunft des Paars hat. Regie führte diesmal Fabian Möhrke, der das um viele Begebenheiten am Rande ergänzte Drehbuch perfekt umgesetzt hat. Das Ensemble – weitere prägnante Rollen spielen Sophia Burtscher als Miriams Arbeitskollegin sowie Oscar Ortega Sánchez und Effi Rabsilber als in toxischer Symbiose verbundenes Ehepaar – ist ohnehin ausnahmslos ausgezeichnet, von Martin Brambach als Gast aus den Fünfzigern ganz zu schweigen. Einziger Malus: Es klingt immer etwas einfallslos, wenn der musikalische Anteil überwiegend aus eingespielten Songs besteht.

