Der schwarze Schwan

Jan Josef Liefers, Rike Schmid, Stappenbeck, Kreye, Kinski, Josef Rusnak. Der große Schlaf

31.01.2025 10:00 ZDF-Stream Streaming-Premiere
02.02.2026 20:15 ZDF TV-Premiere
Foto: ZDF / Conny Klein
Foto Tilmann P. Gangloff

Der neunte Krimi aus der Reihe mit Jan Josef Liefers basiert nur noch auf Motiven der Romane von Elisabeth Herrmann. Dennoch ist der „Der schwarze Schwan“ (ZDF / Studio Zentral) dank der dichten Inszenierung, der ausgezeichneten Bildgestaltung, der vorzüglichen Musik und vor allem der durch Tschaikowskis Ballett „Schwanensee“ sowie den Thriller „Black Swan“ inspirierten Geschichte einer der besten Vernau-Krimis (die einzige 4,5 Sterne-Produktion der Reihe): Die Ermittlungen des unter Mordverdachts stehenden Anwalts führen zurück in die Berliner Techno-Welt der Neunzigerjahre.

Ohne die Musik von John Williams wären viele seiner Filme nur halb so erfolgreich gewesen, hat Steven Spielberg mal gesagt. Das mag etwas übertrieben sein, ist aber sicher nicht völlig falsch: Was wäre „Der weiße Hai“ ohne das legendäre Cellomotiv? Williams-Kollege Mario Grigorov arbeitet zwar in einer anderen Liga, aber an ihm lag es gewiss nicht, dass Josef Rusnaks Vernau-Krimis bislang ein derart uneinheitliches Qualitätsbild geboten haben. Der Regisseur hat die Reihe mit Jan Josef Liefers als Berliner Anwalt vor einigen Jahren vom 2016 verstorbenen Regie-Kollegen Carlo Rola übernommen und war stets auch als Autor beteiligt. „Der schwarze Schwan“ ist sein fünfter Film, das Drehbuch hat er wie schon zuletzt bei „Düstersee“ und „Versunkene Gräber“ (2023) allein verfasst.

Die Handlung basiert erstmals nicht auf einer konkreten Vorlage von Romanautorin Elisabeth Herrmann, aber das dürfte vermutlich nicht der Grund dafür sein, dass die insgesamt neunte Episode eine der besten ist; und nun kommt wieder Grigorov ins Spiel. Schon seine Musik zu „Versunkene Gräber“ war herausragend, doch diesmal spielt sie auch inhaltlich eine entscheidende Rolle. Mehr noch als von Tschaikowskis „Schwanensee“ hat sich Rusnak durch Darren Aronovskys Psychothriller „Black Swan“ (2010) inspirieren lassen, zumal auch in seiner Geschichte das Ballett zumindest hintergründig eine Rolle spielt. Wie Grigorov die berühmten Tschaikowski-Motive in seine Komposition integriert hat, ist großes Kino. Jenseits dieser Passagen erfreut seine Musik wie schon in „Requiem für einen Freund“ (2021) durch den Einsatz einer Jazztrompete, und auch dieses Element hat einen starken Bezug zum Inhalt: Vernaus Auftraggeber hört bevorzugt Jazz, weshalb mehrfach Stücke von Miles Davis und Charlie Parker erklingen. Da die Bildgestaltung (Clemens Majunke) ebenfalls ausgezeichnet ist, gehört „Der schwarze Schwan“ zu den wenigen rundum gelungenen Beiträgen der Reihe. Die Geschichte ist ohnehin fesselnd, selbst wenn die Lösung des Rätsels nicht nur aufgrund des Titels früh absehbar ist.

Der schwarze SchwanFoto: ZDF / Conny Klein
Juliane (Rike Schmid) erzählt Vernau (Jan Josef Liefers) von Sandras Tod. Gehört auch das zu den zahlreichen Lügengeschichten?

Der Film beginnt mit einer Einführung Vernaus aus dem Off wie eine Hommage an die Klassiker der „Schwarzen Serie“, in denen Privatdetektive wie Philip Marlowe oder Sam Spade von einer mysteriösen Schönheit engagiert wurden, was prompt ihren Blick auf die Realität trübte. Rusnak bedient sich zudem eines bewährten Thriller-Auftakts: Der Anwalt kommt mit starken Kopfschmerzen „auf dem salzig schmeckenden Linoleumboden eines Swingerclubs“ zu sich. Den Geschmack sowie das Chaos um sich herum hat er selbst verursacht, wie später klar wird. Zunächst hat er jedoch ein ganz anderes Problem: Clubbesitzer Klausen (Milton Walsh) ist durch die geschlossene Klotür seines Büros erschossen worden, die Pistole liegt neben Vernau, der prompt in Untersuchungshaft landet. Dort erzählt er Kanzleipartnerin Marie-Luise Hoffmann (Stefanie Stappenbeck), was sich zwei Tage zuvor zugetragen hat: Robert Halstenberg (Walter Kreye), ein ebenso schwerreicher wie schwerkranker Brauereibesitzer, hat Vernau engagiert, weil er zum ersten Mal seit zwanzig Jahren ein Lebenszeichen seiner in den späten Neunzigern nach Fernost ausgewanderten Tochter erhalten hat. Juliane (Rike Schmid) ist offenbar wieder in Berlin, hat sich angeblich auf einen finsteren Typen eingelassen und braucht umgehend 200.000 Euro, um sich freizukaufen; eine erste von vielen Lügengeschichten, die Vernau fortan das Leben schwer machen. Das aktuellste Foto, das Halstenberg von Juliane besitzt, zeigt sie als Teenager, offenbar bei den Proben zu „Schwanensee“.

Was nun folgt, ist eine am Ende überraschend leichenreiche Erzählung, die schon allein wegen ihrer Komplexität viel Vergnügen bereitet. Die Nachforschungen führen den Anwalt zurück in die legendären und nahtlos in die entsprechenden Rückblenden integrierten Love-Parade-Jahre Berlins. Damals hat ein verliebter DJ eine Techno-Oper komponiert; das Titelstück, „Der schwarze Schwan“, ist sogar fast ein Hit gewesen und zieht sich als musikalisches Leitmotiv durch den ganzen Film. Angesichts der vielen interessanten und mit Nikolai Kinski, Timo Jacobs und Yasin El Harrouk auch interessant besetzten Figuren sowie der mit ihnen verbundenen Handlungswendungen lässt sich verschmerzen, dass eine Flucht Vernaus aus dem Gefängnis wenig glaubwürdig wirkt. Erstaunlich ist auch ein Anschlussfehler, der offenbar niemandem aufgefallen ist: Während einer Autofahrt hat Vernaus eben noch in Berlin zugelassener alter Daimler plötzlich ein Kennzeichen aus dem brandenburgischen Landkreis Teltow-Fläming.

Der schwarze SchwanFoto: ZDF / Conny Klein
Ein phänomenaler Score, eine markante Inszenierung mit Rückblenden zur Love Parade, eine Top-Besetzung, u.a. Nikolai Kinski.

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Reihe

ZDF

Mit Jan Josef Liefers, Rike Schmid, Stefanie Stappenbeck, Walter Kreye, Nikolai Kinski, Timo Jacobs, Lena Stolze, Yasin El Harrouk, Alexander Wipprecht, Milton Walsh, Lisa Kreuzer, Winfried Glatzeder, Carmen-Maja Antoni

Kamera: Clemens Majunke

Szenenbild: Matthias Klemme

Kostüm: Natascha Curtius-Berger

Schnitt: Dirk Grau

Musik: Mario Grigorov

Soundtrack: Grover Washington, jr. („Knucklehead“, Vor- und Abspannlied), Miles Davis („Embraceable You“), Mario Grigorov („Der schwarze Schwan“), Lionel Ritchie („All Night Long“), Charlie Parker („April in Paris“, „A Night In Tunesia“), House of Pain („Jump Around“)

Redaktion: Daniel Blum

Produktionsfirma: Studio Zentral

Produktion: Lasse Scharpen, Dietrich Kluge

Drehbuch: Josef Rusnak – nach Motiven von Elisabeth Herrmann

Regie: Josef Rusnak

EA: 31.12.2026 10:00 Uhr | ZDF-Stream

weitere EA: 02.02.2026 20:15 Uhr | ZDF

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