Sind die Menschen glücklich, platzt ihnen die Wonne aus allen Knopflöchern; ihr Unglück hingegen verbergen sie oft tief in sich drin. Das gilt auch für Carl Kolhoff, obwohl er auf den ersten Blick den wohl schönsten Beruf überhaupt hat. Carl ist um die siebzig, arbeitet in einer Kleinstadtbuchhandlung und weiß, welche Lektüre genau die richtige für seine Stammkundschaft ist. Allmorgendlich packt er diese Bücher in seinen Tornister und macht sich auf den Weg, weil die Männer und Frauen, die er beliefert, aus unterschiedlichsten Gründen nicht mehr vor die Tür gehen. Auf seinen Wegen durch die Gassen wird Carl von einem Mädchen beobachtet. Schascha ist neun, neu in der Stadt und Außenseiterin in ihrer Klasse. In Carl spürt sie eine verwandte Seele, und tatsächlich ist der von ihr sogenannte „Buchspazierer“ nur scheinbar mit sich im Reinen. Geschickt belässt es der Film zunächst bei Andeutungen: Als Carl einen Band der Encyclopædia Britannica aus seinem heimischen Bücherregal nimmt, ist dahinter kurz ein Schlüsselloch zu sehen. Bei Schascha hingegen wird zumindest der erwachsene Teil des Publikums rasch ahnen, dass das Foto ihrer Mutter, dem sie stets von ihren Erlebnissen berichtet, Teil einer Gedenk-Ecke ist: „Der Buchspazierer“, die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Carsten Sebastian Henn, erzählt aller stillen Heiterkeit zum Trotz von der Bewältigung tiefer Trauer.
Foto: Studiocanal / Wolfgang Ennenbach
Die werkgetreue Adaption besorgte Andi Rogenhagen, Regie führte der mehrfach mit dem Deutschen Fernsehpreis für seine vorzügliche Bildgestaltung geehrte Ngo The Chau. Er hat auch diese Geschichte in ein gerade bei den Innenaufnahmen märchenhaft schönes Licht wie aus einer Michael-Ende-Verfilmung getaucht (Schascha liest „Momo“). Für die Buchhandlung gilt dieser Zauber jedoch nur zu Beginn: Der Laden ist an „Orange Books“ verkauft worden. Dem Namen der Kette entsprechend wandelt sich nicht bloß der vorherrschende Farbton: Irgendwann gibt es hier gar keine Bücher mehr, deshalb werden auch Carls Dienste nicht länger benötigt. Ohne das Mädchen würde sich sein Dasein nun wohl zur Tragödie wandeln, aber zum Drama wird der Film dennoch: Schaschas Vater (Ronald Zehrfeld) verbietet seiner Tochter den Umgang mit dem Buchspazierer. Immerhin stellt sich Carl nun endlich der eigenen Unfähigkeit zu trauern.
Christoph Maria Herbst, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten (2023) zehn Jahre jünger als die Titelfigur, hat sich für die Auslieferungswege einen Gang zugelegt, der eher einem Stapfen ähnelt; mit Vollbart, Schlapphut und Rucksack wirkt der alte Mann ohnehin wie ein Tramp. Umso größer ist der Kontrast zu Schascha. Yuna Bennett (Jahrgang 2012) hat kurz zuvor nach einigen kleineren Auftritten eine wichtige Rolle an der Seite von Florian David Fitz in der Netflix-Serie „Das Signal“ (2024) gespielt und ist auch hier weit mehr als bloß eine Ergänzung der männlichen Hauptfigur. Schascha bietet ihr überdies eine Menge Spielmaterial: Das Mädchen entspricht exakt jenen Kindern, die in klassischen Kinderbüchern gern als naseweis und neunmalklug beschrieben werden.
Foto: Studiocanal / Wolfgang Ennenbach
„Der Buchspazierer“ ist in vielerlei Hinsicht preiswürdig. Sehr besonders ist neben der sorgfältig durchdachten Kameraarbeit zum Beispiel das dezent bunte liebevolle Szenenbild (Gabriella Ausonio). Herbst wurde 2024 beim Bayerischen Filmpreis als Bester Darsteller ausgezeichnet. Nicht minder treffend besetzt ist der Rest des Ensembles. Das gilt gerade für Carls Kundschaft. Er hat noch nie eine der jeweiligen Türschwellen übertreten, glaubt diese Männer und Frauen aber gut zu kennen, um ihnen die Namen von bekannten Buchfiguren zu geben. Wichtig für die Geschichte ist vor allem Frau Langstrumpf (Maren Kroymann), eine stets etwas eigenwillig gekleidete Lehrerin, die ihr Haus seit einem traumatischen Erlebnis nicht mehr verlässt. Carl und sie haben sich einen witzigen Zeitvertreib ausgedacht: Sie durchforstet Bücher nach Druckfehlern, er denkt sich für die derart entstandenen Wortschöpfungen („Selbsterfroschung“) passende Bedeutungen aus. Ein weiterer Kunde ist der vermögende, aber aus gutem Grund menschenscheue Mister Darcy (aus „Stolz und Vorurteil“), dessen Anwesen einem englischen Landsitz ähnelt. Und dann sind da noch ein Kraftpaket namens Herkules (Tristan Seith); Schascha stellt sich seine Tätigkeit als Türsteher als Bewachung einer frei in der Gegend herumstehenden Tür vor. Vierte im Bunde ist die in einer denkbar unglücklichen Ehe gefangene „Effi Briest“ (Hanna Hilsdorf). Wie es Carl und Schascha schließlich gelingt, sie alle aus ihren Schneckenhäusern zu locken, verschafft der Geschichte ein ungemein berührendes Ende. „Der Buchspazierer“ ist ein großartiger Familienfilm und perfekt für Menschen, die Bücher nie mit schmutzigen Fingern anfassen würden und erst mal an ihnen schnuppern, bevor sie mit der Lektüre beginnen.

