„Kommen wir nun zu etwas völlig anderem“, hieß es einst in dem Monty-Python-Klassiker „Die wunderbare Welt der Schwerkraft“. Die Komödie war eine Sketch-Anthologie, für die Übergänge sorgte der Satz, dem der Film seinen Originaltitel verdankt: „And now for something completely different“. Er würde auch zu dieser vierteiligen ZDF-Serie passen, denn die Drehbücher des Theater-Kollektivs „Das Manko“ sind zumindest fürs deutsche Fernsehen von einer Originalität, die ihresgleichen sucht.
Der Begriff „Manko“ geht auf das lateinische Adjektiv „mancus“ (fehlerhaft) zurück und wird in der Regel nur im Singular verwendet. In dieser Geschichte geht es jedoch um ein knappes Dutzend Mankos. Schon der Prolog verdeutlicht, dass sie wie eine Nutztierherde funktionieren. Die ersten Bilder zeigen ein typisches Großraumbüro, alle arbeiten vor sich hin, als plötzlich ein Telefon klingelt und prompt Panik ausbricht. Der von Sophie Rois gesprochene Kommentar lässt die Serie wie eine quasi-dokumentarische Fallstudie wirken: „Der Mensch schließt sich, wie viele andere Säugetiere auch, gern zu einer Gruppe zusammen. Das dient vor allem dem Schutz.“ Doch nun hat die Firmenleitung eine Unternehmensberatung beauftragt, nach Schwachstellen zu suchen. Ein strenges Trio empfiehlt, zehn Angestellte zu entlassen. Einige „High Potentials“ sollen dagegen im Rahmen einer Fortbildung gefördert werden. Weil der Vorgesetzte (Bjarne Mädel) die Listen vertauscht, verlässt die Herde ihren Schutzraum und erlebt ein Abenteuer, das sie buchstäblich durch Himmel und Hölle führt.
Foto: ZDF / Razor Film
Schon die originelle Handlung sorgt ständig für Überraschungen, aber der Clou ist ein anderer: „Das Manko“ besteht größtenteils aus „physical comedy“, die Gags und Pointen sind nicht verbaler, sondern körpersprachlicher Natur. Der Ruf dieser von Jacques Tati zur Perfektion gebrachten Stummfilmtradition hat hierzulande aufgrund diverser Klamotten gerade in den Siebzigerjahren arg gelitten und wird im Grunde bloß noch in Kinderfilmen praktiziert, wirkt dort aber oftmals maßlos übertrieben. Komödien für Erwachsene erfreuen zwar immer wieder mal durch Slapstick-Einlagen, doch der Grat zwischen Clown und Klamauk ist denkbar schmal. Auch dank der Umsetzung durch Arne Feldhusen, für die Serien „Der Tatortreiniger“ (2012, 2013) und „How to Sell Drugs Online (Fast)“ (2020) dreifach mit dem Grimme-Preis geehrt, gelingt den Mitwirkenden der Balance-Akt jedoch nahezu perfekt: Die vier Folgen enthalten einige formidabel gespielte chaplineske Miniaturen. Jan Krauter hat gleich zwei solcher Auftritte.
Auch wenn einige Ensemble-Mitglieder prominenter sind als andere: Stars im klassischen Sinn gibt es nicht, die Serie ist eine Gemeinschaftsleistung. Einzige Ausnahme ist Folge drei: Das Kollektiv gerät in ein Logistikzentrum. Der Leiter (Andreas Döhler) ernennt eins der Mankos (Bastian Reiber) zum Vorarbeiter, der umgehend zum Leuteschinder mutiert. Daraufhin kommt es zu einem als Musical-Version des Sturms auf die Bastille inszenierten und von einer singenden Mitarbeiterin (Carol Schuler) angeführten Aufstand. Am Ende sind alle tot, Folge vier spielt daher im Jenseits, wo das Team eine anstrengende Schutzengelausbildung durchläuft. Wer nicht spurt, landet „eine Etage tiefer“, sprich: in der Hölle. Glücklicherweise hat einer aus der Schar bereits in Episode zwei, als die Gruppe in einer Klinik mit einer Delegation aus Finnland verwechselt wird, durch Zufall einen Notausgang entdeckt.
Foto: ZDF / Razor Film
Die Folgen sind im Schnitt jeweils nur 20 bis 25 zwanzig Minuten kurz, die Gesamtlänge entspricht also der eines Fernsehfilms, aber der Ideenreichtum hätte vermutlich auch für acht Teile gereicht. Neben dem Schnitt von Benjamin Ikes, Stamm-Cutter von Feldhusen sowie Jan Georg Schütte bei dessen Improvisationskunstwerken, hat vor allem Komponist Carsten Meyer erheblichen Anteil an der komischen Wirkung vieler Szenen: Die Serie ist über weite Strecken wie ein Trickfilm konzipiert. Da die Drehbücher auf Wortwitz verzichten, unterstreicht zusätzlich zu den Geräuschen auch die überaus abwechslungsreiche Musik die pantomimischen Pointen. Dialoge gibt es trotzdem, aber nur von den Autoritäten. Der Logistikleiter spricht ein sächsisch angehauchtes Kauderwelsch. Ausstattung und Kostümbild, größtenteils beige und grau, setzen einen optisch tristen Kontrapunkt zu den kunterbunten, übermütigen und mitunter in aberwitzigem Tempo umgesetzten Einfällen.
Den Rest besorgen verschwenderisch viele und zum Teil makabre Ideen: In der Klinik schlägt die Gruppe dem Sensenmann ein Schnippchen, und weil’s im Himmel nur Götterspeise gibt, schlachtet die Gruppe zum Entsetzen der Ausbilderin ein Schaf, das womöglich das erwachsen gewordene Lamm Gottes ist. Als verbindendes Element zwischen den einzelnen Stationen der Reise dient neben der Erzählerin, die das komplexe Sozialverhalten von Herdentieren analysiert, ein fahrerloser Shuttle-Bus, der am Ende die Voraussetzung für eine mögliche Fortsetzung schafft: Meyer hat in seine Komposition subtile Anklänge an populäre Werke integriert. Die Pauke zum Schlussbild weckt die Assoziation zu dem berühmten Motiv aus „Also sprach Zarathustra“ von Richard Strauss, seit Stanley Kubricks Klassiker „2001 – Odyssee im Weltraum“ das musikalische Synonym für den Aufbruch der Menschheit; so bekommt der Engel-Slogan „The Sky is no limit“ eine ganz neue Bedeutung.

