Die junge Reporterin Aga Novak (Elisa Schlott) träumt davon, „krasse“ Geschichten zu liefern. Geschichten, „die etwas verändern“. Geheime Konten auf Malta aufdecken, zum Beispiel. Bisher durfte sie beim Online-Portal „True Newz“ allerdings nur Sportler interviewen. Dass sie hartnäckig (und auch etwas dreist) sein kann, beweist das Interview mit einem prominenten Fußballer, mit dem der Film „Bis es blutet“ beginnt. Das Video weckt das Interesse des Chefredakteurs. Andreas Meixner (klasse: Thomas Loibl) sucht jemanden, der im Fall eines verschwundenen Mädchens in Hessen „da runtergeht und mir eine Vermisstennummer baut“. Aga und zwei Kolleginnen müssen sich wie bei einem Schönheitswettbewerb vor Meixner und einem weiteren männlichen Kollegen aufstellen – #MeToo lässt grüßen. Hanife wird gleich wieder rausgeschickt. Aga und Sophie (Marie Julie Bretschneider) werden anschließend ins Kreuzverhör genommen. Obwohl Meixners Kollege glaubt, Aga sei noch nicht bereit fürs „Witwenschütteln“, also das Befragen von Angehörigen, bekommt die junge Reporterin ihre Chance.
Die Männer haben das Sagen, die Frauen stechen sich gegenseitig aus. Sexismus, Zynismus, harter Konkurrenzdruck – Autor und Regisseur Daniel Sager kommt schnell zur Sache, zeichnet bereits in den ersten Szenen ein desillusionierendes Bild vom Journalismus. Genauer gesagt: vom Boulevardjournalismus. Denn eine pauschale Anklage gegen die „Lügen-Presse“ stellt sein Film keinesfalls dar. Dass es auch seriös arbeitende Journalisten gibt, dafür steht eine von Matthias Matschke gespielte Nebenfigur. Frederik von Ruetzow war mal Agas Lehrer an der Journalistenschule und trifft seine talentierte Ex-Schülerin nun in dem Ort in Hessen wieder, wo Vanessa, die Tochter eines mittelständischen Unternehmers, verschwunden ist. Für von Ruetzow ist Meixner „das Böse in Person“, für Aga ist von Ruetzow ein Typ von gestern: „Euch lesen sowieso nur Leute mit Theaterkartenabo.“
Foto: ZDF / Tatiana Vdovenko
Sager hat zuvor in sehenswerten Dokumentarfilmen die Arbeit von Investigativreportern der Süddeutschen Zeitung begleitet („Hinter den Schlagzeilen“) und die Relotius-Affäre des Nachrichtenmagazins Der Spiegel aufgearbeitet („Erfundene Wahrheit“). Sein fiktionales Debüt ist dagegen eine ebenso kenntnisreiche wie schonungslose Abrechnung mit den Methoden des Boulevards – und der gelungene Versuch eines modernen Medienthrillers. 51 Jahre nach „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ und 48 Jahre nach Günter Wallraffs „Der Aufmacher“ ist nicht mehr explizit die „Bild“-Zeitung das Ziel. Vielmehr sind es populistische Plattformen, die im Online-Zeitalter mit einfachen Botschaften und rücksichtsloser Skandalisierung auf hohe Klickzahlen aus sind. Der Name „True Newz“ klingt dabei nach einer Mischung aus Donald Trumps Plattform „Truth Social“ und dem vom ehemaligen „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt geleiteten Online-Medium „Nius“. Vorsichtshalber wird zu Beginn auf einer Schrifttafel beteuert, die Handlung und alle im Film handelnden Personen seien frei erfunden.
Auch wenn die medienkritische Botschaft schnell klar wird: „Bis es blutet“ ist ein bis zuletzt packendes Drama. Aga reist mit dem Fotografen Thorsten Meier von Hagen (Franz Pätzold) in das hessische Kaff und scheitert beim ersten Versuch, Vanessas Eltern (Bernd Hölscher, Malina Ebert) für ein Interview zu gewinnen. Nun sammelt Aga erst einmal „Vox-Pops“, also „Volkes Stimme“ in Straßeninterviews. Doch weil Meixner Druck macht und vor Ort in Gestalt von Ole Reinert (David Rott) ernst zu nehmende Boulevard-Konkurrenz auftaucht, lassen Aga und Thorsten nach und nach alle berufsethischen Standards fahren. Bis sie buchstäblich im Müll wühlen, um irgendeinen Hinweis zu finden, mit dem sie einen Vorwurf gegen Vanessas schwarzen Freund Welat Nail (Francisco Akudike) konstruieren können. Zwischendurch sieht man als Vorblende kurze Ausschnitte aus einer Art Verhör, bei der sich eine im Gesicht verletzte Aga den kritischen Fragen von Eva Berger (Patrycia Ziólkowska) stellen muss. Wer diese Eva Berger ist, bleibt offen – eine clevere Idee, wie sich am Ende herausstellen wird. Was oft mit einer aufdringlichen Journalistenmeute in vielen Filmen angedeutet wird, wird hier konsequent, in scharf formulierten Dialogen und ohne Tempo-Hänger ausbuchstabiert. Auch Bildgestaltung (Nicolai Mehring) und Musik (Jasmin Reuter) können sich sehen und hören lassen.
Foto: ZDF / Nicolai Mehring
Dass die Hauptfigur keine Sympathieträgerin ist, gereicht dem Film ebenfalls nicht zum Nachteil – dank Elisa Schlott, deren Stern 2014 mit einem „Tatort“ aufging. In der von Christian Schwochow inszenierten Episode „Borowski und der Himmel über Kiel“ spielte sie eine junge Crystal-Meth-Abhängige. Zuletzt lieferte die 1994 in Berlin geborene Schauspielerin in Matthias Glasners Serie „Informant – Angst über der Stadt“ eine Klasse-Partie als ambivalente BKA-Beamtin. Auch in „Bis es blutet“ spielt sie die von polnischen Eltern abstammende Aga facettenreich, glaubwürdig und fern von abgedroschenen Klischees. Die junge Reporterin ist mit einigem Selbstbewusstsein und einem unbedingten Willen zum Aufstieg ausgestattet, der keine Schonung erlaubt. Gleichzeitig ist sie als attraktive Frau dem alltäglichen Sexismus ausgesetzt, von taxierenden Blicken bis offener Anmache. Sie ist schlagfertig und hält einiges aus, muss sich zugleich aber mit Tabletten wach halten und bekämpft den immensen Druck, indem sie ihre Hände in heißes Wasser taucht. Stark, wie Elisa Schlott die entscheidenden Momente schauspielerisch meistert, wie sie nach kurzem Innehalten ungerührt die eigenen Skrupel über Bord wirft, Verständnis heuchelt oder die Konfrontation sucht. Eine preiswürdige Leistung, und hoffentlich schauen nicht nur Leute mit Theaterkartenabo zu.

