Kommissar Deniz Kurt (Serkan Kaya) ist mit seinem Latein am Ende: Er sitzt einer Frau (Sara Hjort Ditlevsen) gegenüber, die jede polizeiliche Befragung verweigert, kein Wort spricht und die nichts bei sich trägt, was auf ihre Identität schließen ließe. In allen möglichen Sprachen hat er es versucht. Dabei wird doch diese Frau als Opfer und nicht als Täterin befragt. Sie ist in der Nacht auf einer Brücke mit einem Messer angegangen worden. Alles weist auf eine versuchte Vergewaltigung hin, zu der es nicht kommt, weil die durchtrainierte Frau sich erfolgreich zu verteidigen weiß. Am Ende kriegt der Angreifer das Messer zwischen die Rippen und stirbt. Das sieht man auf einem Überwachungsvideo, und das sagen die Augenzeugen aus. Ein klarer Fall von Notwehr also. Um die letzten Zweifel auszuräumen, zieht Kurt eine Psychologin zurate. Dr. Marlene Nielsen (Marleen Lohse) ist spezialisiert auf Mikroexpressionen, die sich vor allem im Gesicht zeigen, im Bruchteil einer Sekunde. So kommt sie im Idealfall Lügnern auf die Spur. Diese Frau spricht zwar nicht, umso beredter sind ihre Mimik, aber auch ihre Körpersprache, ihr Auftreten. „Die hat sich wahnsinnig gut unter Kontrolle“, analysiert Nielsen. Ihr vorläufiges Fazit: „Ich glaube, es war Absicht.“ Gerichtsfest ist das nicht. „Kein Anfangsverdacht, kein Ermittlungsansatz, kein hinreichender Haftgrund“, begründet der Kommissar die Entscheidung des Haftrichters. Dass diese junge Frau ohne Identitätsnachweise mit einem Motorrad davonbraust, bestätigt Nielsen, dass die Tötung des jungen Mannes möglicherweise von langer Hand geplant gewesen sein könnte.
Foto: NDR / ARD / Frizzi Kurkhaus
Der ARD-Mittwochsfilm „Frau ohne Namen“ ist ein klassischer Thriller. Eine Frau wird bedroht, und sie dreht den Spieß um. Eine andere Frau jagt ihr hinterher, ohne zu merken, dass sie es eigentlich ist, die verfolgt wird. Und dann sind da noch zwei Männer im Spiel, ein Kommissar, dem die Hände gebunden sind und der fasziniert ist von dieser obsessiven, radikalen Psychologin, welche mehr noch als er an die Wahrheit glaubt und Gerechtigkeit einfordert. Der andere, Michel Osterloh (Stephan Kampwirth), ist der Vater des zu Tode gekommenen jungen Mannes, von dem auf der Trauerfeier alle seine Freunde sagen, er sei nie und nimmer ein Vergewaltiger. Der seelisch angeschlagene Vater hat ein Geheimnis, das er der Psychologin anvertraut, weil er spürt, dass allein diese leidenschaftliche Hobbydetektivin seinen Sohn rehabilitieren könnte. Auch wenn Deniz Kurt Nielsens Vermutungen nicht sofort als Hirngespinste abtut, zumal die mysteriöse Frau die Psychologin überfallen und ihr den Laptop von Osterlohs Sohn abgenommen hat, ist für die Polizei „das Tötungsdelikt an den Landungsbrücken“ längst kein Fall mehr. Und so fahren Nielsen und Osterloh gemeinsam ins dänische Grenzgebiet – sie voller Hoffnung, gleichermaßen blauäugig wie naiv, und er mit einer Pistole im Gepäck.
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Diese Psychologin ist eine Getriebene. Sie jagt nicht nur dieser Frau hinterher, die sich ihr lange Zeit wie ein Phantom entzieht, sondern auch ihren eigenen Dämonen. Der Fall weckt Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend. Es war ihre suchtanfällige Mutter, die Marlene Nielsen zu dem gemacht hat, was sie heute ist: eine Koryphäe auf dem Gebiet der Mikroexpressions-Psychologie. Die ewigen Lügen ihrer Mutter haben sie so tief traumatisiert, dass sie ihr Leben dem Kampf gegen jegliches Lügen gewidmet hat. Dass es sinnvolle Notlügen geben kann, lernt diese rigide Frau zumindest im Verlauf der 90 Filmminuten. Ihre geschulte Fähigkeit, die Körpersprache ihres Gegenübers im dazugehörigen Kontext zu lesen, setzt den Thriller-Plot von „Frau ohne Namen“ faszinierend – weil ungewöhnlich fürs deutsche Krimi-Fernsehen – in Gang. Bei der Frau ohne Namen erkennt Nielsen „Freude“ in deren Gesicht (das Wort wird ins Riesenauge der Heldin projiziert), später bei Osterloh immer wieder „Angst“ und „Wut“. In anderen Situationen sieht man Nielsens Auge ebenso groß; eine Emotion kann sie aber offenbar beim Gegenüber nicht lesen. Oder liegt es am Primetime-Termin? Der Genre-Fan hätte sich jedenfalls noch mehr dieser psychologischen Decodierungsmomente gewünscht, noch mehr von jener Lust am Erzählen und an fantastischen, originellen Plot-Ideen, wie man sie ähnlich aus Serien wie „Lie to me“, „The Mentalist“, „Monk“, „Sherlock“ oder „Poker Face“ kennt. Fast sieht es so aus, als wolle man es sich mit den am deutschen TV-Krimi-Naturalismus geschulten Glaubwürdigkeitsfetischisten nicht verscherzen. Dabei gehört „Frau ohne Namen“ – trotz Drama-Grundierung – in seiner Dramaturgie und filmischen Umsetzung eher in die Kategorie surreal, artifiziell & genre-cool als in die gefällige Fernsehermittlungskrimi-Sparte. Wenige Figuren, reduziertes Spiel ohne große Tonlagenwechsel, kaum Alltagsleben auf den Straßen, klare Psycho-Subtexte, keine Plot-Ungetüme, eine durchgehaltene Grundstimmung der Inszenierung, kein Satz zu viel – diese Reduktion und Konzentration auf allen Ebenen ist unverkennbar.
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„Frau ohne Namen“ erzählt in erster Linie Geschichten von (zwei) Frauen, vor allem auch aus deren Perspektive, und es ist ein Film von Frauen, die meisten Gewerke sind weiblich besetzt. Marleen Lohse, die am Plot und an der Figur jahrelang mitgefeilt hat, verkörpert Dr. Marlene Nielsen fast als eine Art Gegenbild zu ihrer Jule Christiansen in der Erfolgsreihe „Nord bei Nordwest“: Sie ist nicht der gut gelaunte Wirbelwind, sondern eine überlegt handelnde, völlig kontrollierte, kopfgesteuerte Person, die sich mit ihrer Wesensart keine Freunde macht. Als sie in einer Vorlesung einen Studenten der Lüge bezichtigt, um deren Freundin Schmerz zu ersparen, geht das Ganze nach hinten los. Diese Psychologieprofessorin handelt nach einem Genremuster, das lange Zeit nur Männern zugestanden wurde (Frauen hatten ihre Probleme „vernünftig“ zu lösen): Sie ist eine Frau, die tut, was sie tun muss. Das Gleiche gilt für die Titelfigur. Und die greift auf eine einstmals männlich konnotierte Ikonografie (Motorrad, Lederjacke) zurück. Mag sie für sich auch einen Plan haben, so erscheint sie für den Außenstehenden äußerst enigmatisch. Die Zuschauer*innen bekommen sogar noch mehr Möglichkeiten als die Psychologin, diese seltsame Frau zu lesen. Dennoch bleibt sie ein semiotisches Phänomen, eine Kombination uneindeutiger äußerer Zeichen. Der Mensch, ein bildgewordenes Rätsel und zugleich ein Bild für die Verschmelzung von Drama und Krimi, diesem Mörderrätselgenre. Das ist faszinierend – und Sara Hjort Ditlevsen spielt das entsprechend eindrucksvoll. Erst nach 76 Minuten macht die Frau den Mund auf. Ein hierzulande unbekanntes Gesicht für die Rolle zu besetzen, war eine kluge Entscheidung. Gibt es auch – retrospektiv betrachtet – kleine Ungereimtheiten im Handlungsverlauf, so überwiegt doch das Staunen über diese seltene Psychodrama-Krimi-Thriller-Variante, in der durchaus noch Potenzial steckt.

