Dr. Moritz Neiss, dem Arzt, der selbst einen Arzt und dazu noch einen Psychotherapeuten nötig hat, ist die Reihen-Figur, der das ZDF am Sonntag gegen den „Tatort“, aber auch beim Streaming aktuell am meisten zutraut. Und das zu Recht. In den letzten beiden Ausstrahlungsblöcken im Frühjahr und Herbst 2025 brachte es die etwas andere ZDF-„Herzkino“-Reihe auf rund vier Millionen Zuschauer bei Marktanteilen knapp unter 16 %; gemessen an den Einbußen beim linearen Fernsehen insgesamt, ausgesprochen gute Zahlen. Auch bei den Freunden des zeitversetzten Guckens soll „Dr. Nice“ sehr gut ankommen; mit Abrufzahlen hält sich der Sender allerdings zurück. Dieses Jahr gibt es regelrechte Festwochen aus Flensburg und Umgebung: Sechs Episoden umfasst die neue Staffel, bereits am 25. September im Stream für die Fans, die die horizontal erzählten Episoden lieber in kurzen Abständen goutieren wollen, und ab 11. Oktober wöchentlich für die Traditionalisten, die gern im Wochenrhythmus erfahren wollen, wie es bei Neiss, Charlie & Co weitergeht. Wie in der letzten Halbstaffel im vergangenen Jahr gelingt dem Drehbuch-Duo Simon X. Rost und Elke Rössler der bei Reihen oder Serien der leichten Gangart mit hoher Schlagzahl entscheidende Spagat – und sie beherzigen die zwei wichtigsten Regeln: nicht immer dasselbe erzählen und nicht zu früh die Beziehungskonflikte befrieden. Die Missachtung der ersten Regel nervt vor allem Kritiker, die der zweiten die Zuschauer, die nicht genug kriegen können. Was die Variation der Dramaturgie der medizinischen Fälle angeht, hat die Reihe allerdings Luft nach oben. Man muss nicht gleich dramatisch & filmisch wild wie in „Emergency Room“, „Krank Berlin“ oder „The Pitt“ erzählen (das würde auch nicht zu diesen typisch deutschen Beziehungsgeschichten passen), aber diese immergleiche Doppelstruktur der Krankheitsbilder ist auf Dauer schon etwas ermüdend. Dafür kommen die Stärken dieser nachdenklich stimmenden Wohlfühlreihe mit den telegenen Stimmungstiefs einiger Charaktere diesmal besonders gut zum Tragen.
Foto: ZDF / Rudolf Wernicke
Die Auftaktepisode mit dem treffenden Titel „Unter die Haut“ (Buch: Simon X. Rost, Regie: Holger Haase) ist ein Einstieg nach Maß. Die Handlung beginnt am Morgen nach der denkwürdigen Strandparty in „Sommerliebe“: Neiss spürte plötzlich wieder etwas in seiner Hand, verursacht ausgerechnet durch Charlies Berührung – Hand in Hand. Bei dem, was an diesem Abend noch folgt und was man in kurzen Flashbacks andeutungsweise zu sehen bekommt, sind vornehmlich andere Körperteile im Spiel. Erinnern können sich beide kaum an die Nacht. „Ich hab da so ein Bild vor mir“, sagt der völlig verunsicherte Doktor, der zum ersten Mal keinen flotten Spruch auf Lager hat. Auch wenn sich beide auf die Sprachregelung „nichts passiert“ und „Freunde“ einigen, spricht es Neiss wenig später aus: „Wie komm’ ich nur auf die Idee, mit der Mutter meiner Tochter zu schlafen?“ Die Tochter nimmt’s locker – und will nur eines wissen: „Habt Ihr verhütet? Pille danach?“ Was folgt ist eine Comedy-like Szene, in der Josefine Preuß die schambesetzte Rolle übernimmt, die an Ingolf Lück im AIDS-Aufklärungsspot „Was kosten die Kondome?“ (1989) mit Hella von Sinnen erinnert. Auch sonst ist das Nachspiel des „Ausrutschers“ durchweg gelungen, schwankt zwischen Scham, Reflexion – und verdichtet die Beziehung der beiden Hauptcharaktere. Der wie stets angenehm kurz & knackig zu Wort kommende Psychotherapeut, den Hannes Jaenicke entsprechend pointiert spielt, weiß nur eins: „Reden Sie nicht übereinander, sondern miteinander.“ Für Neiss aber geht es alsbald weniger um die Frage, ob er für Charlie mehr empfindet, als er bisher zugeben konnte, als um die fixe Idee, dass Charlie Neiss‘ Hand heilen könne – quasi durch die Macht der Gefühle, die sie bei ihm auslöst. Dieser „magischen Sexheilung“ steht in der Klinik eine gestörte Wundheilung gegenüber. Eine Pastorin, die in ihrer wilden Jugend andere Götter verehrte, leidet zunächst an den Narben ihrer entfernten Tattoos, dann an den Wunden der wegoperierten Narben. Diese Krankheitsgeschichte ist so gut, weil sie nur eine Figur benötigt, die Tania Schleiff frech & unfromm verkörpert, um Leben in den sterilen Klinikalltag zu bringen. Außerdem ist sie das kirchliche Pendant zu Neiss, ebenso unangepasst & verbal sehr direkt – kurz: „bisschen schwierig“.
Foto: ZDF / Gordon Muehle
„Ungebetene Gäste“ (Buch: Elke Rössler, Regie: Holger Haase) ist deutlich konventioneller erzählt. Ein Handwerker wird mit schwerem Husten und Atembeschwerden in die Klinik eingeliefert. Es bedarf einer Unmenge an Figuren und uninteressanten Nebenhandlungen („Ehegedöns“), um daraus eines jener typischen Herz-Schmerz-Familiendramen zu drechseln, dessen Ausgangspunkt eine (schwere) Krankheit und ein künstlich erzeugter Vater-Sohn-Konflikt sind. Gegen dieses 1:1-ausgestellte Gefühlsgedusel am Ende dieser Episode ist der Mut zum großen Gefühl zum Auftakt ein ganz anderer: der geht – als Kontrast zu Witz & Ironie zuvor – tatsächlich titelgemäß „unter die Haut“; auch weil Neiss plötzlich für sich Empathie als Qualität entdeckt und dieser Pastorin, mit der er sich offenbar identifizieren kann, etwas Gutes tut („Wunder gibt es immer wieder“). Gelungen sind indes in der zweiten Episode weitere Momente der Menschwerdung des bisher so selbstgefälligen Super-Doktors. Seine Ex Janne schmeißt ihn aus ihrem Hotel – und so kommt er vorübergehend bei seinem Chef und „Freind“ Schmidtke unter. Hier muss er erkennen, wie wunderbar Familie sein kann. Und auch wenn Schmidtkes Frau Jana mal was mit Neiss hatte und ihr farbenfroher Kleidungsstil die beiden ikonografisch verkuppelt, ist selbst für den Gast offensichtlich, dass die Schmidtkes ein glückliches Paar sind. Dies sind nicht die einzigen selbstreflexiven Momente in dieser Episode. Immer wieder darf Neiss so richtig wütend sein auf sich, seine Hand und die Welt – sprich: die Krankheiten, denen man als Arzt hilflos gegenübersteht. Dazu gehören auch die Erinnerungen an seine Kindheit, an seine Mutter, von deren Krebserkrankung er mit zwölf Jahren erfahren hat. „Ich war froh, um jeden Tag, den ich mit ihr hatte.“ Neiss ist in den neuen Episoden nicht nur die medizinische Koryphäe, sondern der Arzt, der aus seinem schmerzvollen Erfahrungsschatz schöpft und damit schon mal Überzeugungsarbeit leistet.
Foto: ZDF / Rudolf Wernicke
Bei „Sommerliebe“ (Buch: Simon X. Rost, Regie: Holger Haase) irritiert zwar der Titel, ansonsten aber überzeugen trotz der immergleichen medizinischen Komplikationsdramaturgie die Episoden-Geschichten, weil es hier dank zweier überzeugender Actricen, Janina Elkin und Anna Fischer, im Drama weniger gefühlig trieft. Auch die Rückkehr von Jacob Matschenz und Hüseyin Ekici als lädierter Boxer sind ein darstellerischer Gewinn. Es beginnt launig mit Charlie, Lea und Neiss, erst auf einer Fähre, dann kommt es zum Eklat – warum, weiß keiner. Neiss hat Geburtstag, er hat’s vergessen, weil dies in seiner Kindheit nie ein Grund zum Feiern war. Ist dies des Pudels Kern? Wenig später ist Neiss fast wieder der Alte: ein Leben aus dem Koffer, keine Zeit für seine Liebsten, einfach alles verdrängen. Entsprechend ist das Spiel in dieser Episode etwas weniger Comedy-like, obwohl, einmal mehr gelungen, ist einer von zwei Männerabenden zwischen Neiss und Schmidtke, hier beim Zeltaufbauen für dessen Kids – inklusive Feiern mit Schampus. Es folgt eine jener Zwei-Mann-in-einem-Bett-Szenen, auf die Laurel & Hardy das Copyright haben. Da Neiss sich kurzerhand ein Hausboot mietet, das er dazu noch telegen übers Meer zu einem neuen Anlegeplatz schippern lässt, wird in dieser Episode eines besonders deutlich: Alle leben hier in einer Gegend, wo andere Urlaub machen – Strand, Sonne, Luxushotel, idyllisches Häuschen in Meernähe. Auch wenn die Biografien und die Krankenzimmer andere Geschichten erzählen – die Optik sorgt stets für ausreichend Entlastung. Sie ist das permanent sichtbare Versprechen auf das narrative Happy End, das der dem Genre zugeneigte Zuschauer erwartet. Und nicht zu vergessen die Komik: Schmidtkes Frau Jana in der Klinik zur Vertrauensperson und Gleichstellungsbeauftragten zu machen, ist ein cleverer Schachzug, um dem Gefrotzel zwischen den beiden Weißkittel-Gockel eine zusätzliche Beziehungsnuance zu geben.
Foto: ZDF / Gordon Muehle
In „Schiffbrüchig“ (Buch: Elke Rössler, Regie: Laura Thies) zieht Neiss wieder zurück ins Hotel. Ob das der Beginn einer „wunderbaren“ On-off-Beziehung wird? Wer weiß. Möglich ist alles. Auch bei den Krankheiten: In dieser Episode geht es um einen Alkoholiker, der keinen Tropfen getrunken haben will und seinen Schmerz nierenschädigend betäubt. Privat rollt vieles in „Dr. Nice“ wieder rückwärts. Wieder vernachlässigt der Meister-Doc seine Landarztpraxis, und wieder muss Charlie seine Ausfälle & Eigenarten ausbügeln. Was in anderen Reihen oder Serien langweilt, stört in „Dr. Nice“ kaum: weil hier sehr viel stimmiger Alltag erzählt wird. Und wiederkehrende Lebensthemen, Ängste, Nicht-Loslassen-Können, Rückfälle gehören nun mal zum Leben – und lassen sich nicht so einfach in 90 Filmminuten abhaken. Die Voraussetzung aber dafür, dass das Alltägliche sich nicht behauptet, sondern wahrhaftig anfühlt, sind Charaktere aus Fleisch und Blut, denen man ihre Emotionen, ihren Schmerz, ihre Verdrängungen, ihre Lebenslust abnimmt. Rost und Rössler, die Regisseure und Regisseurinnen inklusive aller Gewerke haben über die Jahre einen glaubwürdigen Mikrokosmos geschaffen, in den einzutauchen für den Kritiker immer wieder ein unterhaltsames Vergnügen ist, ohne Reue, auch hinterher. Mag das Spiel durch die Tonlagenwechsel manchmal auch etwas zu sehr in eine überdeutliche Darstellung – sei es in Richtung Komödie, in Richtung Gefühligkeit oder irgendwo dazwischen (und dies sogar in der bislang besten Episode „Unter die Haut“) – abdriften, so ist und bleibt das feste Ensemble das Herzstück dieser besonderen Reihe, die seit den Herbst-Episoden 2025 erntet, was zuvor gesät wurde. Je mehr von den bisherigen 15 Episoden man vor der neuen Staffel gesehen hat, umso mehr Bezüge wird man erkennen, umso mehr Spaß wird man haben. Man kann den Trend zur Reihe und zur TV-Monokultur kritisch sehen – bei „Dr. Nice“ drück’ ich gern ein Auge zu.
Foto: ZDF / Gordon Muehle

