Heute fängt mein neues Leben an

Julia Jäger, Uğur Kaya, Götz Schubert, Dominique Lorenz, Katja Benrath. Don’t worry, fahr Taxi

07.08.2026 20:15 ARD TV-Premiere
Foto: Degeto / Hager Moss Film / Oliver Vaccaro
Foto Tilmann P. Gangloff

Die ausgezeichnet gespielte und mit viel Zuneigung inszenierte Tragikomödie „Heute fängt mein neues Leben an“ (Degeto / Hager Moss) erzählt die zunächst bestürzende Geschichte von Amelie (Julia Jäger), die viele Jahre lang geschickt kaschieren konnte, dass sie Kleptomanin ist. Der Film beginnt mit ihrer Entlassung nach sieben Monaten Gefängnis. Nun möchte sie in ihr altes Dasein zurückkehren, doch der Gatte (Götz Schubert) ist zutiefst enttäuscht, dass sie ihn nie ins Vertrauen gezogen hat, und will die Trennung; Amelie ist am Boden zerstört. Retter in der Not ist Barış (Uğur Kaya), ein auf charmante Weise unambitionierter Taxifahrer, der sie bei sich aufnimmt. Das Drama wandelt sich stellenweise zur romantischen Komödie, zumal sich Barış’ hartleibige Mutter (Şiir Eloğlu) fragt, was er mit der „alten Frau“ will, aber das Drehbuch behandelt die psychische Störung angemessen seriös und nutzt sie nie bloß als Vorwand.

Manchmal ist ein radikaler Absturz nötig, um wie Phönix aus der Asche aufzusteigen. „Heute fängt mein neues Leben an“ erzählt von einer Frau, die nach sieben Monaten aus der Haft entlassen wird. Die Gefängnisstrafe war juristisch korrekt, aber was Amelie, Mitte fünfzig, wirklich brauchte, war eine Therapie: Sie leidet seit ihrer Jugend unter Kleptomanie. Menschen, die zwanghaft stehlen, tun das in der Regel nicht, um sich zu bereichern, zumal das, was sie klauen, oft überhaupt keinen konkreten Wert für sie hat. Später reicht das Drehbuch eine plausible Erklärung nach, wann und warum sich die psychische Störung bei Amelie entwickelt hat.

Produktionen dieser Art können ihre Entstehung oft nicht verleugnen: Am Anfang war nicht die Geschichte, sondern ein Thema; in diesem Fall die Kombination Kleptomanie plus Resozialisierung. Dem Film, sollte es hier ähnlich gewesen sein, ist dies jedoch in keinem Moment anzumerken. Dominique Lorenz hat schon einige Drehbücher über Frauen in besonderen Lebenslagen geschrieben: In dem bewegenden Drama „Und ihr schaut zu“ (ARD, 2022) zieht eine Mutter nach dem Unfalltod ihrer Tochter die Gaffer zur Rechenschaft. Ähnlich anspruchsvoll war die „Annie“-Trilogie mit Bernadette Heerwagen (ZDF, 2020 bis 2022) als Ehefrau, die sich im Auftakt der Reihe („Kopfüber ins Leben“) bloß noch wie ein Teil des häuslichen Inventars fühlte. Selbst davon kann für Amelie (Julia Jäger) keine Rede mehr sein. Als sie hoffnungsfroh in ihr altes Dasein zurückkehren möchte, erlebt sie eine bittere Enttäuschung: Der Gatte (Götz Schubert) empfängt sie mit einer kleinen Willkommensfeier, doch er ist zutiefst enttäuscht, weil sie ihm all’ die Jahre nie von ihrer Krankheit erzählt hat. Nun will er die Trennung; Amelie ist am Boden zerstört.

Heute fängt mein neues Leben anFoto: Degeto / Hager Moss Film / Oliver Vaccaro
Wiedersehen nach sieben Monaten Haft: Amelie (Julia Jäger) und ihr Ehemann Jörg (Götz Schubert), der zutiefst enttäuscht ist.

Das klingt gerade für den Freitag im „Ersten“ ungewohnt dramatisch, ist jedoch nicht zuletzt dank der Umsetzung durch Katja Benrath, die für diesen Sendeplatz schon einige mehr als sehenswerte Filme gedreht hat (allen voran „Das Leben ist kein Kindergarten“, 2020), ein schwerer Stoff in leichter Verpackung, denn Amelie hat einen Schutzengel: Soul-Fan Barış (Uğur Kaya), Werbeslogan „Don’t worry, fahr Taxi“, ist ein schlechter Autofahrer, aber ein herzensguter Mensch. Als er ihre Notlage erkennt, nimmt er sie kurzerhand bei sich auf; unversehens wandelt sich die Handlung zu einer romantischen Familienkomödie. Barış’ verwitwete Mutter Melek (Şiir Eloğlu), ein typischer Fall von „Nicht geschimpft ist Lob genug“, betreibt ein türkisches Restaurant und hadert gern mit dem Schicksal, das ihr derart missratenen Nachwuchs beschert hat: Der Sohn ist komplett unambitioniert, vergeudet ihrer Ansicht nach sein Potenzial und weigert sich, sie mit Enkelkindern zu beglücken. Die Tochter (Zeynep Bozbay) ist zwar hochschwanger, hat aber keinen Mann.

Da Amelie während ihrer Haft eine Ausbildung als Köchin gemacht hat, kann sie sich als Küchenhilfe für das gewährte Asyl revanchieren, auch wenn sich Melek fragt, was ihr Sohn mit dieser „alten Frau“ will. Nun könnte in der Tat, wie Amelie ihrer Tochter mehrfach hartnäckig versichert, fast alles wieder gut werden, doch Lorenz konfrontiert ihre Heldin mit einer weiteren Komplikation: Romy (Mathilde Bundschuh) will heiraten, aber der zukünftige Schwiegervater (Dominic Raacke) ist mitten im Wahlkampf um den Posten des Bürgermeisters. Er hat die Hochzeit als politische Veranstaltung organisiert und ist der Meinung, die Anwesenheit von Amelie sei „kein vertrauenerweckendes Signal“. Sie sieht das ein, Romy ist empört; und dass sich ihre Eltern, kaum getrennt, bereits anderweitig vergnügen, schockiert sie erst recht. Nun erleidet Amelie einen Rückfall, den Benrath und Kameramann Valentin Selmke auf passende Weise illustrieren. Die Symptome ähneln denen einer Panikattacke, die Bilder sind stark verfremdet, von der Tonspur kommt ein unangenehmes Pfeifen; das legt sich erst, als sie in einer Boutique ein Kleidungsstück stiehlt.

Heute fängt mein neues Leben anFoto: Degeto / Hager Moss Film / Oliver Vaccaro
Diesmal macht sie es besser: Die Kleptomanin Amelie (Julia Jäger) gesteht Barış (Ugur Kaya) ihre psychische Störung.

Eine quantitativ kleine, im Rahmen der Handlung jedoch wichtige Rolle spielt Nora Waldstätten als Therapeutin, deren sarkastische Kommentare zunächst wenig zielführend wirken, ihren Zweck jedoch nicht verfehlen. Welchen Ansatz sie verfolgt, verdeutlicht ein Poster in ihrer Praxis, auf dem die Kamera lange genug verweilt, um die Bedeutung zu vermitteln: „Der krumme Baum lebt sein Leben. Der gerade Baum wird ein Brett.“ Dazu passt auch das Finale. Die beschwingte Filmmusik signalisiert Gelassenheit, das Licht in Barış’ Wohnung mit ihrem sympathischen Durcheinander verströmt Behaglichkeit, aber Lorenz und Benrath verzichten auf ein wohlfeiles Happy End; stattdessen darf Amelie ein zuversichtliches Schlusswort halten. Für Julia Jäger ist die Hauptfigur in einem Alter, in dem Angebote für Schauspielerinnen immer rarer werden, ohnehin eine tolle Rolle.

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Fernsehfilm

ARD Degeto

Mit Julia Jäger, Uğur Kaya, Götz Schubert, Şiir Eloğlu, Mathilde Bundschuh, Zeynep Bozbay, Dominic Raacke, Julian Bloedorn, Beat Marti, Nora Waldstätten, Katja Weitzenböck

Kamera: Valentin Selmke

Szenenbild: Anke Osterloh

Kostüm: Bettina Weiß

Schnitt: Ulf Albert

Musik: Elisabeth Kaplan, Florian Hirschmann

Soundtrack: Speedometer („Like You & Me“)

Redaktion: Katja Kirchen, Stefan Kruppa

Produktionsfirma: Hager Moss Film

Produktion: Anja Föringer

Drehbuch: Dominique Lorenz

Regie: Katja Benrath

EA: 07.08.2026 20:15 Uhr | ARD