Prinzipien sind nützlich. Auf der Straße des Lebens bilden sie die Leitplanken, die dafür sorgen, dass man nicht vom rechten Weg abkommt. Aber Prinzipien machen auch unflexibel. Manchmal, sagt der Volksmund, muss man Fünfe gerade sein lassen. Eine Tierärztin weigert sich standhaft, mit ihren Schutzbefohlenen zu reden, obwohl dies die einzige Möglichkeit wäre, um einem Hund die Angst vor der Spritze zu nehmen: Das ist weder logisch noch vernünftig, sondern bloß stur; und ein typischer Drehbucheinfall. Ein ähnliches Phänomen zeigt sich bei einer eindimensionalen Nebenfigur, die ausschließlich ans Geld denkt, wo andere ihr Herz sprechen lassen würden. Beide Handlungselemente folgen einzig und allein dramaturgischen Aspekten. Das unterscheidet, unter anderem natürlich, Alltagsfernsehen von Ausnahmefilmen. Dort mögen solche Kunstgriffe ebenfalls vorkommen, aber dann sind sie besser kaschiert.
Soundtrack: (1) Frank Zander („Hier kommt Kurt“), Baha Men („Who Let The Dogs Out”), Willie Nelson („On The Sunny Side Of The Street”) (2) Bobby McFerrin („Don’t Worry, Be Happy), The Troggs („Love Is All Around“)
Foto: Degeto / Thomas Dietze
Die Freitagszielgruppe des „Ersten“ wird das alles nicht stören, ebenso wenig wie die klare Verteilung der Titelrollen von „Zwei Frauen für alle Felle“. Tatsächlich machen die grundlegenden charakterlichen Unterschiede zwischen Praxisbesitzerin Maja Freydank (Bettina Zimmermann) und ihrer angestellten Kollegin Julia Kramer (Meriel Hinsching) den besonderen Reiz der Geschichten aus, auch wenn die Story der dritten Episode die Gegensätze – hier das Bauchgefühl, dort die strikte Faktenorientierung – nicht mehr so konsequent zuspitzt wie zum Auftakt. Diesmal äußern sich die Differenzen in anderer Hinsicht: Die von Maja übernommene Praxis in Naumburg (Sachsen-Anhalt) ist heruntergewirtschaftet und veraltet. Es müssten dringend neue Geräte her, aber die Rücklagen sind aufgebraucht, weil die Stammkundschaft im Zweifelsfall auch mal gratis bedient wird; deshalb kann sich die Ärztin Julias Gehalt nicht mehr leisten. Im zweiten Film erliegt die Kollegin daher beinahe der Versuchung, in die weitaus besser zahlende Konzernklinik Sanaripets zu wechseln: Julia unterstützt ihren Bruder (Matti Schmidt-Schaller), der seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt.
Auch menschlich gibt es offenkundige Divergenzen: Maja, wie alle Freitagsheldinnen eine Einmischerin aus Überzeugung, ist ein offenes Buch, Julia hält sich bedeckt, was ihr Privatleben angeht. Einigkeit herrscht immerhin bei der Überzeugung, niemanden zu einer unnötigen Operation zu überreden. Auch das ist eine Frage des Prinzips, und darum geht es beim zentralen Konflikt von „Pferdeliebe“: Die beiden Ärztinnen würden die Beinverletzung eines höchst erfolgreichen Turnierpferds konservativ behandeln, aber Icarus soll so schnell wie möglich wieder fit und daher von Klinikchef Pfeifer (Max von Pufendorf) operiert werden. Das Drehbuch ergänzt den zentralen Handlungsstrang um einige Nebenebenen, die die Geschichte um emotionale Momente bereichern. Angeblich reitet die extrem ehrgeizige Selma (Hannah Gharib) ihr Pferd, „bis sie kotzen muss“, aber Übelkeit hat in Filmen dieser Art selbstredend meist einen anderen Grund. Selmas Freund Finn (Michael Schweisser) ist der Sohn des Gestütbesitzers, den Leopold Hornung, wie Finn ganz richtig feststellt, unnötig zugespitzt als „Vollarsch“ verkörpern muss. Für weitere Konflikte sorgt Majas Familienleben, bei dem das Drehbuch ebenfalls gewisse Stereotype bedient: Sie und ihr Mann Steffen (Kai Schumann) haben sich getrennt, aber die Teenagerkinder würden lieber beim Vater leben, weil der viel lässiger ist als die strenge Mutter.
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Stefan Bühling hat „Pferdeliebe“ wie schon die beiden Auftaktepisoden gefällig und nach den üblichen Standards des Sendeplatzes inszeniert. Einzige Besonderheit der Bildgestaltung (Kamera: Nathalie Wiedemann) ist ein kurzer Wechsel in die Pferdeperspektive mit Fisheye-Effekt. Das Ensemble ist dagegen ausnahmslos sehenswert, auch wenn die Fans von Wolfgang Stumph bedauern werden, dass Majas Vater in Kur ist. Immerhin hat der zweite Film einen würdigen Ersatz zu bieten: Majas Onkel Bodo ist ins Haus seines Bruders gezogen, was sich als äußerst vorteilhaft erweist, da Thorsten Merten seine Dialoge herrlich trocken vorträgt. „Neues Glück“ wirkt ohnehin konziser, weil der zentrale Konflikt stimmiger ist: Der dreizehnjährige Jannik ist in großer Sorge um eins seiner beiden Kaninchen. Theo und Thea waren das letzte Geschenk seiner verstorbenen Mutter. Das medizinische Problem ist rasch erkannt, doch das in solcherlei Fragen bestens geschulte Stammpublikum weiß natürlich: Körperliche Symptome haben oft psychische Ursachen. Es gibt zwar keinen kausalen Zusammenhang zwischen Theas Überbiss und den seelischen Nöten ihres Besitzers, aber mit dem Gespür einer Ärztin, deren Engagement nicht mit den Öffnungszeiten ihrer Praxis endet, ahnt Maja: Da steckt mehr dahinter.
Zentrales Thema des Films ist tatsächlich eine typische Patchwork-Problematik: Marvin (Timur Isik) und Susanne (Lucie Heinze) haben sich verliebt und möchten zusammenziehen. Er hat einen Sohn, Jannik (Felix Nölle), sie hat eine Tochter, Flora (Clara Vondey), und das ist der kritische Punkt: Die beiden können sich nicht ausstehen. Weil sich die medizinischen Kräfte auf diesem Sendeplatz stets auch dazu berufen fühlen, therapeutisch tätig zu werden, mischt sich die Tierärztin natürlich in die familiären Verwicklungen ein. Jannick Verdruss gipfelt in der größtmöglichen Verletzung, die ein Kind einem verwitweten Elternteil antun kann: „Warum bist du nicht gestorben?“ Dass es am Ende dank Majas Intervention zur tränenreichen Versöhnung kommt, versteht sich von selbst. Kitschig ist die Szene trotzdem nicht, weil Regisseur Stefan Bühling neben den erwachsenen gerade auch die jungen Ensemble-Mitglieder sehr gut geführt hat.
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