Exitus in der Badewanne. Kein schöner Tod. Dabei hat es sich die alte Frau „richtig gemütlich gemacht, Käffchen, Kuchen, Radio“, konstatiert Kommissar Koitzsch (Peter Kurth). Was auf den ersten Blick für den Kollegen Lehmann (Peter Schneider) nach einem klassischen Badewannenunfall aussieht, erweist sich als Mord. Als Koitzsch auch noch auf einem Fensterbrett in der Wohnung der Toten eine getrocknete Blume findet, weitet sich der Fall aus. Auch bei Uwe Baude, einem Toten in einem unaufgeklärten, älteren Fall, lag eine solche Blume in der Wohnung. Ist in Halle also ein Wiederholungstäter am Werk? Der übereifrige Hausmeister (Henning Peker) macht sich zwar verdächtig, ist dann aber, als er selbst in die Fänge des vermeintlichen Mörders gerät, eher Zeuge als Täter. „Da dringt einer in die Leben seiner Opfer ein und wartet auf den richtigen Moment“, mutmaßt Henry Koitzsch. Seltsam, dass auch Katrin Sommer (Cordelia Wege), die einst bindungssüchtige Frau, die ausgerechnet mit dem ermordeten Uwe Baude eine Liaison hatte, das Gefühl nicht loswird, dass jemand in ihrer Wohnung gewesen sei. In ihrer Selbsthilfegruppe lernt sie derweil Rita Schmidtke (Jule Böwe) kennen. Eine merkwürdige Frau, einerseits sehr bedürftig, andererseits unerklärlich schroff. Etwas Licht ins Dunkel bringt Koitzschs Besuch bei Roman Schuster (Thomas Lawinky) im Knast: Der kennt sich aus mit DDR-Spezialeinheiten, mit Waffen aus alten Armeebeständen und er hat für seinen alten Freund eine Legende aus den Nachwendejahren auf Lager: die des „Schlüsselmachers“.
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„Der Wanderer zieht von dannen.“ Schon schade! Denn auch der dritte „Polizeiruf 110“ mit Peter Kurth und Peter Schneider ist wie seine Vorgänger „An der Saale hellem Strande“ und „Der Dicke liebt“ ein Ausnahme-Krimi-Drama. Dieser Reihen-Ableger aus Halle war von vornherein als Trilogie angelegt. Dementsprechend hat Autor Clemens Meyer die Drehbücher der drei Episoden aufeinander abgestimmt – und bringt den bislang ungelösten ersten Fall zu einem befriedigenden Ende. Erinnert wird auch an die Tragödie, um jenen gemobbten Lehrer, den alle Welt als Kleine-Mädchen-Mörder sehen wollte. Zu den Alleinstellungsmerkmalen der beiden Kommissare gehört weiterhin, dass sie nicht nur ermitteln, sondern Freunde sind – und vor allem Mensch sein dürfen. Das ist im Falle von Henry Koitzsch manchmal für ihn selbst gar nicht leicht zu ertragen. Auch diesmal wieder sinniert er über das Leben und den Tod. Die Szenen, in denen er vor seinem Ofen sitzt, halbnackt, weinend, die Schnapsflasche leer, sind allerdings eher Reminiszenzen an die besonders schlimme Verfassung des Kommissars in der Auftaktepisode. Er ist ein Mann, der dreißig Jahre beruflich in alle erdenklichen Abgründe geschaut hat und der schließlich auch privat in ein tiefes, schwarzes Loch sehen muss. Peter Kurth spielt das unnachahmlich, als könnte seine Figur nichts aus der Ruhe bringen. Doch einige Situationen, beispielsweise gleich zu Beginn, als Koitzsch statt eines alten Mannes ein Mädchen auf dem Tisch in der Gerichtsmedizin zu sehen glaubt, zeigen, dass diese Ruhe keine souveräne Gelassenheit ist. Vielmehr scheint sie sein Schutz vor der Realität zu sein. „Hetz‘ mich nicht“, sagt er. Koitzsch braucht Zeit, um etwas Distanz zu schaffen – zwischen diesen schrecklichen Verbrechen, die er nicht einfach ausblenden kann, und dem, was aus seinem Leben geworden ist. Auch in seiner Wohnung geht offenbar jemand aus und ein. Wird ihm dieser Jemand (die) Erlösung bringen?
Auch die Inszenierung entspricht den beiden ersten Episoden. Unaufgeregt gehen die Kommissare zu Werke. Sachlich erkunden sie den Tatort, und die Kamera folgt ihnen wie ein dritter Mann. Aus den knappen Dialogen ergibt sich ein angenehm reduziertes Spiel. Später fallen die klugen Wechsel zwischen Totalen, Halbtotalen und Großeinstellungen ins Auge. Bei Regisseur Thomas Stuber hat dies keine wahrnehmungspsychologischen Gründe, die Filmsprache ist ein zentrales Element der Geschichte. Mal lässt er Gesichter erzählen. Mal grundiert er eine narrative Situation: Wenn Koitzsch seinen alten Kumpel im Knast besucht, wird dies langsam mit Totalen entwickelt, die eine gewisse Neugier wecken. Auch gibt es immer wieder Szenen, in denen der Zuschauer sich die Zusammenhänge selbst erschauen darf. Ebenso überzeugend sind die Situationen, in denen der Fall analysiert wird: Neben der bereits erwähnten Tatort-Begehung fällt die Szene auf, in der Koitzsch seine Soko (und den Zuschauer) über den Stand der Dinge ins Bild setzt. Was in anderen Krimis oft redundant und geschwafelt wirkt, hier ist es ein realistisch anmutendes, konzentriertes Zwischenspiel, das kriminalistisch Klarheit schafft. Wunderbar auch die vorzügliche Montage, diese schöne Beiläufigkeit, mit der erzählende Dialoge mit entsprechenden Schnappschüssen aus der Vergangenheit untermalt werden. Das ist stets mehr als bloßes Bebildern. Auf den Punkt gebracht: „Der Wanderer zieht von dannen“ ist ein Film, der seine Geschichte erzählt. Mal erzählen die Charaktere, mal die Bilder. Man spürt und sieht, dass hier ein eingespieltes Team zugange war. Der „Polizeiruf“ ist nach Kinofilmen wie „Herbert“ und „In den Gängen“ bereits die siebte Zusammenarbeit zwischen Stuber und Clemens Meyer. Was nicht immer gutgeht, hier ist es ein Glücksfall: Der Autor ist ein renommierter Schriftsteller.
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Und noch ein Glücksfall: das ungleiche Frauen-Duo, das in diesem „Polizeiruf“ parallel seine Kreise zieht. Da ist Cordelia Wege (ganz anders als in ihrer nicht minder starken Rolle in „Nord bei Nordost“) als narzisstisch auffällige Katrin Sommer, die hier der Männerwelt schöne Augen macht und passend zum Namen ihr luftiges Kleidchen schwingen lassen darf. Und da ist Jule Böwe als einsame Frau von der traurigen Gestalt („Ich bin nicht lesbisch“), das Pendant zur sexuell aufgeschlossenen „Frau Sommer“. Die ungleichen Frauen kommen sich näher. Ein anfangs gern gesehener Kontrast zur Ermittlungsarbeit der beiden Kommissare. Doch nicht nur der schönen Katrin wird diese Rita Schmidtke zunehmend unheimlich. Und dann ist auch noch die blaue Blume am Tatort ausgerechnet die „Jungfer im Grünen“.

