Junge Ärztin aus Berlin kommt auf der Suche nach ihrer Herkunft in die Elbstadt Tangermünde, übernimmt die Urlaubsvertretung in jener Hausarztpraxis, vor deren Tür sie einst als Baby abgelegt worden ist, und bleibt schließlich da, weil sie zwar nicht ihre leibliche Mutter, aber dafür die Liebe gefunden hat: Das war, ergänzt durch die für sogenannte Medicals obligaten medizinischen Herausforderungen, der Handlungskern der beiden Sonntagsdramen, die das ZDF 2023 unter dem Titel „Mit Herz und Holly“ ausgestrahlt hat. Katrin Herz (Inka Friedrich) ist die Inhaberin der Praxis, Holly Sass (Karoline Teska) ihre neue Kollegin. Die Filme lebten vor allem von der Unterschiedlichkeit der beiden Hauptfiguren: Katrin hat zwar, nomen est omen, ein großes Herz, aber auch gern alles unter Kontrolle. Außerdem lebt sie zum stillen Kummer von Ehemann Bernd (Joachim Raaf) nur für ihre Arbeit. Holly geht die Dinge wesentlich nüchterner an, kann dem Landleben nicht viel abgewinnen und saust mit einem Rennrad durch die Gegend.
Der Einfachheit halber erzählen Birgit Maiwald und Antje Huhs (Buch) sowie Wolfgang Eißler (Regie) die Geschichte im dritten Film („Lichtblicke“) noch einmal, zumindest in groben Zügen: Holly sucht immer noch nach ihren Wurzeln, Katrin und Bernd wollen wieder weg, wenn auch nur kurz, aber Katrin ist trotzdem überzeugt, dass ohne sie in der Praxis alles drunter und drüber geht, und in der Beziehung zwischen Holly und Bootsbauer Gregor (Max Woelky) tut sich erneut ein Hindernis auf, das sich auch diesmal als Missverständnis entpuppt. Der eine Erzählstrang setzt die Rahmenhandlung rund um Holly fort, der andere kommt einer gleichermaßen beruflichen wie emotionalen Prüfung für Katrin gleich: Ihre Freundin Nouria (Aglaia Szyszkowitz) verweigert nach einer Krebsdiagnose jede Behandlung und will ihre letzten Tage genießen. Derweil bekommt Holly Besuch von einem vermeintlichen Bruder: Henning Timmler (Hannes Schumacher) hat durch einen Zeitungsartikel von der Muttersuche erfahren und ist überzeugt, sie sei seine Schwester. Als Gregor die beiden im innigen Austausch sieht, hält er Henning prompt für einen Nebenbuhler.
Die Handlung ist durchaus interessant. Die Umsetzung allerdings ist reichlich schamatisch geraten: Eißler nutzt praktisch jeden Szenenwechsel für Aufnahmen der pittoresken Kleinstadt mit ihren vielen Ziegel- und Fachwerkbauten. Die Radtour sorgt für weitere schmucke Schauplätze und ansprechende Bilder jener Art, die die Zielgruppe auf diesem Sendeplatz offenbar erwartet. Das gilt auch für den Rat von Nouria: Sie empfiehlt der Freundin, einfach mal Fünfe gerade sein zu lassen, zumal Katrins Ehe kräftig kriselt, weil die Geduld des nur scheinbar grenzenlos gutmütigen Gatten erschöpft ist. Zum Ausgleich ergibt sich für Holly ein Lichtblick: Mit Hilfe ihres Patienten Rüdiger Kunze (Mirco Reseg), der für eine Krankenkasse arbeitet, findet sie tatsächlich heraus, wo Hennings Mutter lebt. Die Frage, ob Melanie Wallner (Sanne Schnapp) einst auch sie zur Welt gebracht, sorgt gegen Ende ebenso für ein wenig Spannung wie die dramatische Verschlechterung von Nourias Zustand.
Kleine Schmunzeleinheiten bescheren in „Lichtblicke“ die Auftritte einer Patientin (Isabell Polak), die dank Doktor Google von Parkinson über Hautkrebs bis zu Multipler Sklerose schon alle möglichen furchtbaren Krankheiten hatte und im Risikoanalysten Kunze ein „Perfect Match“ findet. Im vierten Film gerät die Beziehung jedoch ebenso in eine Krise wie die noch zarte Liebe zwischen Holly und Gregor: Seine Frau Christine wacht nach zwei Jahren völlig unerwartet aus dem Koma auf. Dieser Handlungsstrang ist so stark, dass die Muttersuche gar keine Rolle mehr spielt, zumal die junge Ärztin weit über ihren Schatten springen muss, als Gregors Tochter Emma sie bittet, ihrer Mutter bei der Rückkehr ins Leben beizustehen. Dass „Kleine Wunder“ eine Klasse besser ist als „Lichtblicke“, liegt nicht zuletzt an der schauspielerischen Verstärkung. Polina Schmal hat als Emma bereits zum Auftakt der Reihe durch ihre Ausstrahlung imponiert. Sehr eindrucksvoll ist auch Simona Theoharova, die die Mutter über weite Strecken praktisch bloß mit den Augen spielt.
Das Kern-Ensemble ist ohnehin in beiden Filmen sehenswert, zumal Inka Friedrich und Karoline Teska im zweiten wieder häufiger gemeinsame Szenen haben. Weit mehr als eine Ergänzung der beiden Hauptdarstellerinnen ist Christian Gerling als Praxishilfe Dean, der in „Kleine Wunder“ allerdings seinen Job verliert, weil er sich auf einer Dating-App als Arzt ausgegeben hat. Gar nicht komisch ist dagegen die in sich abgeschlossene Erzählung: Beim Hausbesuch auf einem Bauernhof fallen Katrin die vielen Hämatome am Körper von Rudi Dömitz (Heinrich Giskes) auf. Der mit der Pflege seines dementen Vaters offenkundig überforderte Sohn (Jörn Knebel) erklärt die Blutergüsse mit diversen Stürzen, aber Katrin fragt sich angesichts der Renitenz des alten Mannes, ob sie womöglich einen Fall von häuslicher Gewalt entdeckt hat. (Text-Stand: 8.10.2024)