Wer alle Nuancen der Geschichte miterleben möchte, der sollte die Kritik erst lesen, nachdem er den Film gesehen hat.
Etwas Besseres kann einem Witwer jenseits der 70 nicht passieren. Wolfgang (Robert Hunger-Bühler) lernt in einem Nobelhotel in den Alpen Karola (Désirée Nosbusch) kennen, eine attraktive Frau, über zehn Jahre jünger als er, ebenfalls verwitwet, ebenfalls gut betucht, natürlich, offen, feinfühlig und witzig. Sie verstehen sich gut und kommen sich rasch näher. Eine Bergwanderung, bei der Wolfgang schwer stürzt, schmälert ein wenig das Glück. Nach einer Knie-OP sind es aber eher seine Töchter, Jana (Picco von Grote) und Verena (Bettina Burchard), die beunruhigt sind: wochenlange Physiotherapie und Pflege – Wie sollen sie das organisieren? Doch alles kein Problem: Karola hat längst „Wolfi“ ihre Hilfe angeboten. Medizinisch etwas dramatischer ist die Lage nach einem Treppensturz im Haus. Und wieder übernimmt die Frau, die Wolfgang erst wenige Wochen kennt, dessen Rundumversorgung. Besonders Jana hat kein gutes Gefühl dabei: Ihr Vater gerät – lebenspraktisch wie seelisch – in eine immer größere Abhängigkeit von dieser Frau! Als Karolas Karriere als Internistin von Jana offen angezweifelt wird, kommt es vorübergehend zum Bruch zwischen Wolfgang und seiner Tochter. Danach gibt es immer wieder Versuche von beiden Seiten, Kontakt zueinander aufzunehmen, so schreibt Jana einen Brief, in dem sie sich entschuldigt. Doch längst ist Karola die Herrin im Hause, sie bestimmt das Leben dieses einsamen Mannes, und sie besitzt die absolute Kontrolle über alle Kommunikationswege.
Foto: ZDF / Susanne Bernhard
„In fremden Händen“ ist nicht der 999. Thriller, der das Narrativ vom Feind oder der Feindin „in deinem Bett“ bedient. Das TV-Drama von Christian Bach (Buch und Regie) erzählt eine sehr viel differenziertere, komplexere Geschichte. Zu Beginn besticht der Film vor allem durch seine psychologische Genauigkeit im Detail. Das einzige laute Signal, das Bach in Richtung Zuschauer sendet, ist in der ersten Sequenz der zwielichtige Mann (Shenja Lacher), der Karola bis zu ihrer Wohnung verfolgt. Die Exposition besticht gerade dadurch, dass Bach keine überdeutlichen (bösen) Blicke inszeniert, sondern beispielsweise beim ersten Sturz früh von Nosbuschs Gesicht wegschneidet, und im Umgang miteinander eine Alltäglichkeit an den Tag legt, die sich in den Sätzen und Dialogwechseln spiegelt. „Ich bin ja gar nicht ganz unschuldig an dem Schlamassel“, sagt Karola nach dem Sturz in den Bergen zu dessen Töchtern. Denn sie war es ja, die die Abkürzung vorgeschlagen hat, nicht ohne davor anzubieten, vielleicht doch besser den weniger steilen Weg zu gehen. Diese Karola ist ein Kommunikationsprofi. Sie manipuliert ihren „Wolfi“ wohldosiert. Anfangs bietet sie immer noch Alternativen an, gibt dem Mann das Gefühl, dass er entscheidet. Ähnlich wie beim ersten Kennenlernen; sie empfiehlt ihm den Barolo, und er bittet sie, mit ihm gemeinsam zu speisen. Zu Jana sagt Karola: „Ich würde nie an die Stelle eurer Mutter treten wollen.“ Tage später sind sogar die Familienfotos von der Wohnzimmerkommode verschwunden. Um die medizinische Versorgung in die Hand nehmen zu können, zweifelt sie die Kompetenz von Wolfgangs Hausarzt an, ohne den verliebten Mann ob seiner Arztwahl zu kritisieren: „Ich würde was Besseres probieren – aber nur, wenn du möchtest.“ Nach dem Eklat, ausgelöst durch Janas Google-Recherche (es gibt keine Internistin Karola Bussard), verändert sich mit dem familiären Beziehungsbruch auch die Manipulationsstrategie: Erst unterschwellig, dann immer offener redet Karola schlecht über Jana und Verena. „Ich glaub‘ ihnen kein Wort. Sie suchen nur wieder deine Nähe, um mich loszuwerden.“ Sie suggeriert ihrem „Wolfi“, dass es nur ein Entweder-oder geben kann, entweder Jana & Verena oder Karola.
So perfekt austariert zwischen psychologischer Glaubwürdigkeit und dramaturgischer Zuspitzung die Dialoge sind, so überzeugend ist auch das nonverbale Agieren des stimmig gecasteten Quartetts. Der Schweizer Robert Hunger-Bühler, den Fernsehzuschauern bekannt aus über zwanzig „Zürich-Krimis“, ist ein viel beschäftigter Charakterschauspieler und umtriebiger Regisseur und Autor. Klug verkörpert er seinen kränkelnden Mann, der sich nach mehr Nähe sehnt, auch zu seinen Töchtern. Ein wichtiger Satz, der entscheidend ist dafür, dass Wolfgang in fremde Hände gerät, fällt gleich zu Beginn: „Meine Töchter haben ihr Leben, ich meines.“ Ein Satz, in dem, wie ihn Hunger-Bühler sagt, auch Einsamkeit spürbar wird. Allein wenn er Karola seine Liebe gesteht oder seiner Tochter befiehlt „verschwinde!“, spricht er aus voller Überzeugung. In den meisten anderen Situationen ahnt man seine innere Anspannung, spürt, wie hin- und hergerissen er ist: Er möchte gern sowohl mit Karola als auch mit Jana, Verena und Enkelin Ronja (Lilo Hollinger) glücklich werden. Der Film erzählt also auch die Tragödie dieses alten Mannes. Vor allem aber ist „In fremden Händen“ die Geschichte von Karola Bussard (nomen est omen!), jener gerissenen Frau, die sich diesen glücklich naiven Witwer krallt. Désirée Nosbusch verkörpert sie durch die verschiedenen Phasen der Geschichte wunderbar nuancenreich: weltgewandt, freundlich, verbindlich, großzügig, verständnisvoll, so gibt sie sich zu Beginn. Später beschwichtigt Karola Wolfgang mit Gemeinplätzen („Manchmal tut ein bisschen Abstand auch ganz gut“) und macht seine Töchter vor ihm schlecht. Nosbusch bleibt glaubwürdig bis zum bitteren Ende. Kurzzeitig trägt sie dämonische Züge, wenn sie da im Halbdunkel sitzt und Rotwein trinkt. Und sie ist um keine drastische Aussage verlegen, um den Schwestern die Schuld an der Misere ihres Vaters zuzuschieben.
Foto: ZDF / Susanne Bernhard
Die besondere Stärke der Geschichte besteht in dem Perspektivwechsel in der zweiten Hälfte des Films. Jetzt nimmt Jana das Heft des Handelns in die Hand. Über den dramaturgischen Gewinn hinaus eröffnet diese Verschiebung des Blicks der Narration eine weitere moralische Dimension (tragen die Schwestern nicht auch eine Mitschuld?). Für einen Zweikampf ist das Opfer selbst zu schwach. Und so bekommt Picco von Grote als Jana hier mehr zu spielen als in ihrer „Ostfriesenkrimi“-Reihe im ZDF. Aus dramaturgischen Gründen etwas weniger präsent und weniger dankbar ist die Rolle von Bettina Burchard: Ihre Verena ist aus Bequemlichkeit blind; eine unterschwellige Konkurrenz mit ihrer Schwester ist ebenfalls spürbar. Karola hat das mitbekommen – und zieht die richtigen Strippen: ein Kompliment für Verena, ja, sogar einen Schlichtungsversuch wolle sie versuchen. Die Wendungen, die der Plot nimmt, sind erfreulicherweise nicht immer vorhersehbar. Der Mann vom Anfang wird noch eine Rolle spielen. Geschickt informiert er die Schwestern und den Zuschauer über Dinge, die im Hause des Vaters passiert sind, aber nicht gezeigt wurden. Das ist nur ein Beispiel für Christian Bachs kluge Art, diese Geschichte einer manipulierten Entfremdung zu strukturieren, ohne jeden Durchhänger, ohne einen Satz zu viel, mit einem Gespür für Zwischentöne und für den richtigen Erzählrhythmus. Und der Bach erzählt seine Geschichte mit unversöhnlicher Konsequenz, eine grimmige Geschichte über einen Betrug, dem mit rechtsstaatlichen Mitteln schwer beizukommen ist.

