Im Namen der Wahrheit – Traue niemandem

Petra Schmidt-Schaller, Mielke, Myhr, Krassnitzer, Halfar, Maris Pfeiffer. Falscher als sie dachten

Foto: ARD Degeto / Hans-Joachim Pfeiffer
Foto Tilmann P. Gangloff

Traue niemandem“ ist der unaufgeregt inszenierte, inhaltlich und darstellerisch fesselnde Auftakt zur möglichen neuen ARD-Reihe „Im Namen der Wahrheit“ (Merfee Film- und Fernsehproduktion) mit Petra Schmidt-Schaller als Erfurter Strafverteidigerin. Erster Mandant ist ein Lehrer, der vor fünf Jahren aufgrund von Indizien als Mörder einer Internatsschülerin verurteilt worden ist. Als deren Leiche auftaucht, wird der Fall neu aufgerollt. Abgesehen vom sorgfältigen Drehbuch (Sven Halfar) ist der Film von Maris Pfeiffer vor allem wegen des Zusammenspiels von Schmidt-Schaller und Karsten Antonio Mielke als Kommissar sehenswert. 

Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand“, heißt es. Aus Sicht all’ jener, die sich für eine angeblich begangene Straftat verantworten müssen, bedeutet das nichts Gutes, denn am Ende spricht nicht Gott das Urteil, sondern ein Mensch. Fehlerkultur ist an deutschen Gerichten jedoch nicht sonderlich ausgeprägt. Die Zahl der tatsächlichen Fehlurteile lässt sich nur schätzen, denn abgesehen von den Angeklagten und deren Angehörigen hat kaum jemand ein Interesse an einem Wiederaufnahmeverfahren, erst recht nicht die Staatsanwaltschaft oder die Polizei; niemand lässt sich gern unzureichende oder gar schlampige Ermittlungen nachweisen.

Im Namen der Wahrheit – Traue niemandemFoto: ARD-Degeto / Hans-Joachim Pfeiffer
Diese PK hätte sich der einst zuständige Staatsanwalt Schmidt (Harald Krassnitzer) gerne erspart. Karsten Antonio Mielke

Einige der prominentesten Justizirrtümer sind auch verfilmt worden, darunter die Fälle Harry Wörz (1998) oder Gustl Mollath (2006). Bis heute ungeklärt ist dagegen der Fall Vera Brühne (1962), seinerzeit ein Medienspektakel sondergleichen. Sven Halfars Drehbuch basiert zwar nicht auf einem authentischen Fall, dokumentiert aber dennoch eine typische Ursache für ein Fehlurteil: weil wie bei Brühne, Wörz oder Mollath vermeintlich von vornherein klar ist, wer die Tat begangen hat. Der Film beginnt daher, wie andere enden: Der Erfurter Internatslehrer Hajo Rick wird wegen sexuellen Missbrauchs und Ermordung seiner fünfzehnjährigen Schülerin Alexandra Tietze zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Das Urteil basiert allein auf Indizien und belastenden Aussagen; die Leiche ist nicht gefunden worden.

Das ist nun fünf Jahre her, als Sporttaucher in einem See ein Auto entdecken. Im Kofferraum finden sich Alexandras sterbliche Überreste. Das allein würde jedoch noch keine Wiederaufnahme des Verfahrens rechtfertigen: An der Indizienlage ändert der Fund erst einmal nichts. Immerhin fragt sich Kommissar Kai Matzen (Karsten Antonio Mielke), ob er damals einen Fehler begangen hat. Staatsanwalt Schmidt (Harald Krassnitzer) wiegelt ab. Der Jurist steht kurz vor der Pensionierung, ein Freispruch für Rick wäre sicher nicht der Abschied, den er sich wünscht, aber zum Glück für Rick ist kurz zuvor eine Strafverteidigerin mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit nach Erfurt zurückgekehrt.

Im Namen der Wahrheit – Traue niemandemFoto: ARD-Degeto / Hans-Joachim Pfeiffer
Opfer eines Justizirrtums? Hajo Rick (Lasse Myhr) wurde allein aufgrund von Indizien und Zeugenaussagen schuldig gesprochen.

Schon allein die Besetzung Sophia Dreyers mit Petra Schmidt-Schaller ist ein personifizierter Hoffnungsfunken für den Lehrer. Den wiederum spielt Lasse Myhr, in dessen Filmografie sich auch einige Schurken tummeln; auf diese Weise bleibt zumindest der Schatten eines Zweifels. Die Gefängnisszenen sind in kühlem Blau gehalten, die Rückblenden ein bisschen farbentsättigt, aber ansonsten hat Maris Pfeiffer das Drehbuch wie die meisten ihrer Reihenkrimis weitgehend ohne nennenswerte gestalterische Akzente umgesetzt. Neben der fesselnden Handlung gleichen das vor allem die Mitwirkenden buchstäblich spielend wieder aus. Gerade Schmidt-Schaller und Mielke bilden ein prima Team, zumal ihre Figuren jeweils eine Vorgeschichte mitbringen. Das gilt vor allem für Matzen: Das Auto gehört seinem früheren Freund Leo Winter (Stefan Rudolf), der Wagen ist ihm in der Nacht von Alexandras Verschwinden gestohlen worden. Heute ist Winter mit der Ex-Frau des Polizisten liiert. In einer von vielen amüsanten kleinen Szenen wirft Matzen im Büro einen Pfeil in Richtung einer Dartscheibe, trifft aber das auf einer Korkpinnwand befestigte Konterfei Winters. Absicht oder Zufall? Wer weiß. Darüber hinaus ist nahezu jede Begegnung des Kommissars mit der Juristin von still vermittelter Zuneigung geprägt; die Dialoge gehen zum Teil in Richtung romantische Komödie. Weil Schmidt-Schaller und Mielke mit kleinem Aufwand große Wirkung erzielen, fällt der von Hubertus Hartmann allzu antagonistisch verkörperte verbitterte Vater des Opfers umso deutlicher aus dem Rahmen; ein unübersehbarer früher Fingerzeig, dass auch Tietze vorübergehend zum Kreis der Verdächtigen gehören wird.

Andere Nebenebenen sind ungleich harmonischer in die sorgfältig entworfene Handlung integriert, etwa Sophias Beziehung zur heutigen Internatsleiterin (Dennenesch Zoudé); die Juristin war einst ebenfalls auf der Schule. Gegen Ende stellt sie fest, dass die Polizei damals noch „falscher“ lag als zunächst vermutet. Potenzial für weitere Filme hat auch Sophias Beziehung zur erwachsenen Tochter (Sidney Fahlisch), hier wirft Halfar einige Köder für eine Fortsetzung aus, von einer möglichen Romanze zwischen der Anwältin und dem Kommissar ganz zu schweigen; der Titelvorsatz „Im Namen der Wahrheit“ klingt ja ohnehin nach Reihe. Wie immer in solchen Fällen will die ARD-Tochter Degeto aber erst mal abwarten, wie gut „Traue niemandem“ ankommt.

Im Namen der Wahrheit – Traue niemandemFoto: ARD Degeto / Hans-Joachim Pfeiffer
Gutes, ausbaufähiges Duo: Strafverteidigerin Sophia (Petra Schmidt-Schaller) und Kommissar Matzen (Karsten Antonio Mielke)

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Fernsehfilm

ARD Degeto

Mit Petra Schmidt-Schaller, Karsten Antonio Mielke, Lasse Myhr, Harald Krassnitzer, Kathrin Angerer, Hubertus Hartmann, Jana Julia Roth, Sidney Fahlisch, Julia Jäger, Stefan Rudolf, Amy Benkenstein, Berit Vander, Kaya Leonie Boch, Adrian Grünewald, Dennenesch Zoudé

Kamera: Nathalie Wiedemann

Szenenbild: Myriande Heller

Kostüm: Sonja Kappl

Schnitt: Simone Sugg-Hofmann

Musik: Fabian Römer Matthias Hillebrand-Gonzalez

Soundtrack: Lao Ra & C. Tangana („Picaflor“), The Weeknd & Rosalía („Blinding Lights“)

Redaktion: Niklas Wirth, Christoph Pellander

Produktionsfirma: Merfee Film- und Fernsehproduktion

Produktion: Eberhard Jost

Drehbuch: Sven Halfar

Regie: Maris Pfeiffer

Quote: 5,77 Mio. Zuschauer (26,7% MA)

EA: 25.09.2025 10:00 Uhr | ARD-Mediathek

weitere EA: 27.09.2025 20:15 Uhr | ARD

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