Zum Finale bittet Hercule Poirot alle Beteiligten in den Salon, um den Mord zu rekonstruieren und die Verantwortlichen zu entlarven: Das ist das bevorzugte Ende jener Fälle, die der belgische Meisterdetektiv mit Hilfe seiner „kleinen grauen Zellen“ zu lösen pflegte. Die bekanntesten und entsprechend oft verfilmten Poirot-Geschichten Agatha Christies tragen sich an einem Ort zu, den niemand verlassen kann: ein Kreuzfahrtschiff („Tod auf dem Nil“), ein Zug („Mord im Orient-Express“) oder eine Insel („Das Böse unter der Sonne“). Nach einem ganz ähnlichen Muster hat das erfahrene und vielfach bewährte Krimitrio Martin Eigler, Sönke Lars Neuwöhner und Sven Poser die Amazon-Produktion „Fabian und die mörderische Hochzeit“ konzipiert: Milva und Clemens feiern ihre winterliche Vermählung gemeinsam mit den beiden Familien auf dem schlossähnlichen Anwesen von Milvas Tante Nikola in Litauen. Deren überaus großzügiges Brautgeschenk ist eine 40.000 Jahre alte und viele Millionen Euro wertvolle Venus-Statuette. Als Nikola ermordet und die Venus gestohlen wird, ist die Hochzeitsgesellschaft auf sich allein gestellt: Ein Schneesturm hat dafür gesorgt, dass die einzige Straße zu der einsam gelegenen Villa nicht mehr passierbar ist. Die Polizei kann ohnehin nicht verständigt werden: Jemand hat die Telefonleitung gekappt und dafür gesorgt, dass niemand mobilen Empfang hat.
Foto: Amazon Prime Video
So weit entspricht das Drehbuch dem erwartbaren Muster, zumal auch ein Detektiv zugegen ist: Ein Kommissar der BKA-Abteilung Kunstfahndung hat sich, als Fotograf getarnt, unter die Hochzeitsgesellschaft gemischt, weil die Venus angeblich ein Raubkunstobjekt ist. Das ist allerdings gleich dreifach gelogen, wie das Publikum längst weiß: Titelheld Fabian (Bastian Pastewka) ist ein Mann mit vielen Gesichtern. Im Prolog hat er in Vilnius als vermeintlicher Immobilienmakler versucht, ein Haus zu verkaufen. Dummerweise ist der vorher ins Land der Träume geschickte Besitzer zu früh aufgewacht, weshalb Fabian vor dem bewaffneten Leibwächter des Käufers fliehen musste. Rettung in letzter Sekunde ist die Hochzeitsgesellschaft. Kurzerhand übernimmt er die Rolle des belgischen (!) Fotografen. Als er vom Wert der Venus erfährt, geht er davon aus, dass ihm das Schicksal nun wieder hold ist. Sein Vorrat an gefälschten Ausweisen enthält auch eine BKA-Identität. Er ist überzeugt, dass ihn die Aufklärung des Mordes als Kollateralnutzen auch zum Versteck der Venus führen wird.
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Die Idee, einen Betrüger zum Kriminalisten zu machen, hat was: Wenn sich Kommissare in den Kopf eines Verbrechers versetzen können, funktioniert das natürlich auch umgekehrt. Davon abgesehen hat das Autorentrio sein Drehbuch mit allen Zutaten gewürzt, die den sympathisch altmodischen Reiz solcher Geschichten ausmachen: ein rätselhafter Mord, ein Dutzend Verdächtige, die sich untereinander nicht den Dreck unterm Fingernagel gönnen, ein etwas unheimlicher Butler. Als Fabian einen unterirdischen Geheimgang entdeckt, kommt er der Lösung des Falls einen großen Schritt näher. Sein Blick für Details lässt ihn schließlich lückenlos rekonstruieren, was sich nach der Tat ereignet hat: Neben der Mord-Ermittlung ist die verschwundene Venus der Motor der Handlung, da sie wie in dem Kinderspiel „Taler, Taler, du musst wandern“ mehrfach den Besitzer wechselt.
Mit einem anderen Hauptdarsteller wäre „Fabian und die mörderische Hochzeit“ vermutlich ein konventioneller Krimi geworden, aber Bastian Pastewka bereichert die Geschichte natürlich um einige allerdings sparsam eingesetzte witzige Momente; über weite Strecken verkörpert er den vermeintlichen Detektiv jedoch wie einen echten Kommissar. Das entspricht dem Stil, in dem Markus Sehr das Drehbuch umgesetzt hat. Der Regisseur hat seine Karriere einst mit der skurrilen Kurt-Krömer-Kinokomödie „Eine Insel namens Udo“ (2011) begonnen. Anschließend ist er wie so viele Regietalente beim TV-Krimi gelandet. Seine fürs ZDF entstandenen „Friesland“-Episoden waren etwas kraftlos, seine Beiträge zur ARD-Krimireihe „Harter Brocken“ dagegen sehenswert. Die Amazon-Produktion hätte allerdings gern noch etwas mehr Biss vertragen können. Gerade die Auseinandersetzungen zwischen den Mitgliedern der beiden Sippen haben wenig Zündstoff, auch wenn die Figuren einige Überraschungen offenbaren. Das Tempo ist ebenfalls recht überschaubar, das aber passt zum Genre und wird all’ jene erfreuen, die nichts dagegen haben, wenn’s beim Krimi etwas gemütlicher zugeht. Der Film endet mit einem klassischen Cliffhanger, eine Fortsetzung scheint nicht unmöglich.

