Der Fußballphilosoph Hans-Dieter Flick hat vor einigen Jahren eine Maxime geprägt, die sich auf viele Facetten des Lebens übertragen lässt: Erfolg ist nur gemietet, und die Miete ist jeden Tag fällig. Für Beziehungen gilt das nicht minder: Hat sich die anfängliche Euphorie verflüchtigt, beginnt die Arbeit. Im Fußball sind Automatismen unverzichtbar, für eine Ehe ist Routine Gift: Irgendwann stellen langjährige Paare fest, dass sie sich über die alltäglichen Dinge hinaus nicht mehr viel zu sagen haben. Fortan leben sie nicht mehr mit-, sondern nur noch nebeneinander; so wie Thomas und Anna, beide circa Anfang bis Mitte fünfzig. Er war vor langer Zeit mal ein beinahe berühmter Pianist und lehrt heute an einem Konservatorium, sie ist Grafikdesignerin. Die Musik signalisiert Heiterkeit, aber wenn überhaupt, dann ist „Die Nachbarn von oben“ eine Tragikomödie; im Grunde ist dieser Schweizer Film jedoch ein Trennungsdrama.
Foto: WDR / Wild Bunch Germany
Der erste Akt verdeutlicht die Distanz zwischen den Eheleuten; schon kleinste Abweichungen vom gewohnten Einerlei führen unweigerlich zu Spannungen, zumal Thomas (Roeland Wiesnekker), innerlich offenkundig zutiefst verbittert, jede sich bietende Gelegenheit nutzt, um einen sarkastischen Kommentar anzubringen. Das ist, wenn überhaupt, der komische Anteil des Dramas, aber seine Sätze sind viel zu verletzend, um lustig zu sein. Für das nun folgende Szenario gilt das schon eher: Seit einigen Wochen haben Thomas und Anna (Ursina Lardi) neue Nachbarn, deren Freude am Sex nicht zu überhören ist. Anna hat die beiden eingeladen, um das Thema anzusprechen. Das anfängliche Schleichen um den delikaten Brei entwickelt sich alsbald zu einem Treffen mit therapeutischem Charakter.
Zunächst wirken die Vorwürfe wie eine Neiddebatte, weil bei Anna und Thomas schon lange keine Gefahr einer solchen nächtlichen Ruhestörung mehr besteht. Dann stellt sich raus, dass Salvi und Lina (Max Simonischek, Sarah Spale), beide deutlich jünger, nur indirekt für das lautstarke Treiben verantwortlich sind: Das Paar ist in sexueller Hinsicht ausgesprochen freizügig und frönt gemäß dem Motto „Alles darf, nichts muss“ dem Partnertausch, bei dem auch Marihuana und gelegentlich Ecstasy zur Enthemmung beitragen. Anna und Thomas sind herzlich eingeladen, sich zu beteiligen. Sie findet zu seiner völligen Verblüffung großen Gefallen an der Vorstellung, und das ist gewissermaßen der Startschuss zu einem verbalen Gemetzel zwischen den Eheleuten. Lina, Psychologin und Autorin eines Buches mit dem provokanten Titel „Trennt euch doch!“, bietet sich als Mediatorin an, weshalb Thomas prompt zu zynischer Höchstform aufläuft.
Foto: WDR / Wild Bunch Germany
„Die Nachbarn von oben“ ist 2022 fürs Kino produziert worden, im Grunde jedoch ein Fernsehfilm. Die Handlung trägt sich abgesehen von den ersten Bildern sowie kurzen Abstechern ins Treppenhaus nahezu ausschließlich in der Wohnung des Ehepaars zu. Außerdem wird beinahe ununterbrochen geredet. Das Drehbuch (Alexander Seibt) basiert ebenso wie die aktuelle US-Produktion „The Invite“ auf einer spanischen Vorlage („Sentimental“, 2020). Sabine Boss hat zuletzt unter anderem mit Anke Engelke und Bastian Pastewka die vorzügliche Amazon-Serie „Perfekt Verpasst“ (2024) gedreht und mit Geschick verhindert, dass ihre Inszenierung wie ein verfilmtes Theaterstück wirkt. Dazu trägt maßgeblich neben dem Schnitt auch die Kameraarbeit (Pietro Zuercher) bei, zumal das Quartett ohnehin nicht die ganze Zeit still am Tisch sitzt.
Entscheidende Faktoren sind jedoch das Drehbuch mit seinen formvollendeten Dialogen sowie das vierköpfige Ensemble, das den Film für den hiesigen Markt selbst synchronisiert hat. Max Simonischek strotzt in seiner Rolle geradezu vor Virilität. Salvi ist Feuerwehrmann, nimmt kein Blatt vor den Mund und macht Anna unverblümte Avancen. Bei aller angeblichen Erotik des Intellekts: Den Vergleich mit diesem Hünen, den die Kamera noch größer wirken lässt, kann Thomas nur verlieren, erst recht, als er die Strategie wechselt und dem Nachbarn Gewalt androht. Der sträflich unterschätzte „Neandertaler“ entpuppt sich jedoch als durchaus kluger Kopf, der den psychischen Zustand des Gastgebers treffend analysiert: Thomas verbringt seine Freizeit vorzugsweise auf dem Dach, um mit dem Teleskop in die Sterne zuschauen; aber eigentlich will er vor allem „diesem ganzen dummen Leben“ entfliehen. Schließlich kommt es zu einem feurigen Eklat, bei dem sich glücklicherweise auszahlt, dass Salvi vom Fach ist.

