Die Bundeskanzlerin hängt im Jahre 1989 fest
Ein heimlicher Ausflug der Kanzlerin hat böse Folgen: Sie kann sich an nichts mehr erinnern, was sich nach 1989 ereignet hat. Jeden Morgen erwacht Katharina Wendt mit demselben Gedanken: „Die Mauer muss weg.“ Für Kanzleramtschef Kahnitz ist das der Super-GAU. „Scheitert die Kanzlerin, scheitert der Euro und dann scheitert Europa.“ Noch vier Wochen hat er, um aus der Frau, die sich noch in der Endphase der DDR wähnt, wieder die alte Kanzlerin zu machen. Dann nämlich ist die Sommerpause zu Ende und der russische Ministerpräsident steht auf der Matte. Bis dahin soll ausgerechnet ein russischer Wunder-Therapeut die Kanzlerin heilen. Der erkennt rasch die tiefenpsychologische Blockade der mächtigsten Frau Europas. „Die Mauer in Ihrer Seele muss weg“, lautet seine Diagnose. Die Zeit vergeht, Strippenzieher Kahnitz wird unruhig, interveniert mit der Holzhammermethode, doch jeden Morgen dasselbe: „Die Mauer muss weg … Helmut, du siehst ja so alt aus.“
Foto: NDR / Stephan Rabold
Das Vergessen als Basis für die zweite Chance
Und täglich grüßt die Amnesiepatientin. Das am Vortag Gelernte wird wieder auf Null gestellt, der Speicher mit dem Wissen über das wiedervereinte Deutschland, ist wieder leer, aber auch an ein Vierteljahrhundert Privatleben ist trotz der Fürsorge des liebenden Gatten keine Erinnerung geblieben. „Die Eisläuferin“ erzählt von einem regierenden Staatsoberhaupt, das nicht mehr funktioniert – und dem Lächeln und Nicken irgendwann nicht mehr ausreichen. Und so sprengt die Bundeskanzlerin schon mal das Protokoll, hinterfragt bald aber auch das ganze System. Sie will nicht länger der „Grüß-August“ der Nation, will nicht länger ein „Unterschriftenautomat“ sein. Sie will auch nicht länger Nur-Politikerin, sondern dem Mann an ihrer Seite auch wieder eine echte Partnerin sein. Auch dieser erkennt und würdigt den Erfolg des russischen Psychotherapeuten: seine Katharina, die er an den Berliner Politzirkus und für sich verloren glaubte, kehrt langsam ins Leben zurück. Fragt sich, für wie lange?!
Defizite in der Politik und im eigenen Privatleben
Die Handlung dieser Koproduktion von NDR, Arte und Degeto könnte eine moralische Dramödie abgeben, ein menschelnd unterhaltsames Lehrstück über das falsche Leben in der Politik wie im Privaten – und dabei noch ein paar realpolitische Pfeile in Richtung Berlin (das System Merkel & seine Konsequenzen), Moskau (Menschenrechtsverletzungen) und Washington (Abhöraffäre) abfeuern. Das wäre für diesen Plot das bestmögliche Ergebnis. Dass aber selbst diese harmlose, politische Allerweltsbotschaft nicht beim Zuschauer ankommen dürfte, liegt unter anderem an der unentschlossenen Vermengung von privater und politischer Geschichte. Autor Martin Rauhaus sind beide Erzählebenen wichtig, offenbar wollte er keine der beiden zur Funktion der anderen machen. Eigentlich ein guter, aber ein anspruchsvoller Plan. Den radikal privaten Weg, den Hollywood in der Frank-Capra-Tradition häufig in seinen nicht unpathetischen Sozialkomödien geht, weicht Autor Rauhaus auf, indem er zahlreiche realpolitische Problemfelder beim Namen nennt, in der Hoffnung, so die naive Grundidee der Geschichte (der Kanzlerin sind ihre eigenen Bedürfnisse abhanden gekommen; sie weiß nicht mehr, wer sie ist und was sie will) ein Stück weit mit politischer „Realität“ aufzuwerten. Da ein Bananen- oder Handy-Gag, dort eine Anspielung auf Hartz-IV, die geschichtsträchtige Schabowski-PK, auf den handgreiflichen Femen-Protest gegen Putins Politik oder die ominösen deutsch-russischen Gasgeschäfte. Konkrete politische Bezüge in einem Fernsehfilm sind hierzulande äußerst selten, sie sind durchaus wünschenswert, sie allein machen aber noch keinen guten Film. Jenseits von Wiedererkennungssignalen, wie Rauhaus sie versatzstückhaft über die 90 Filmminuten verteilt, erfährt man beispielsweise in einer Folge der ZDF-Sitcom „Eichwald, MdB“ sehr viel mehr darüber, wie der politische Apparat, wie die täglichen Routinen & Berliner Politrituale (der Hinterbänkler) funktionieren.
Foto: NDR / Stephan Rabold
Wer erinnert sich noch an die Serie „Das Kanzleramt“ (2005) oder an Imbodens durchaus gelungenes Politdrama „Spiele der Macht – 11011 Berlin“ (2005)? Auch „Die Eisläuferin“ wird – passend zum Sujet – bald dem Vergessen anheimfallen.
Politkomödie ohne Perspektive und ohne Pep
„Wie lange soll das so weitergehen?“, fragen sich nach 20 Minuten nicht nur die Politiker im Film. Die erste halbe Stunde tritt die Geschichte auf der Stelle, im Mittelteil bekommt man eine Ahnung davon, wohin es gehen könnte und erst im Schlussdrittel findet „Die Eisläuferin“ ihren (wenig überraschenden) Weg in eine konventionelle, aber einigermaßen wirkungsvolle Politkomödie. Offensichtlich färbt der Eiertanz der Kanzlerin in der ersten Stunde des Films auf die Erzählhaltung ab. Ästhetisch wie thematisch fehlt lange Zeit die Perspektive und der Inszenierung fehlt der Pep. Das Milieu bleibt auch in der Fiktion staatstragend, die Interieurs sind „schwer“ und Anzug tragende Ja-Sager sind grau. Eine Komödie aber ist in der Regel leicht, verspielt, sexy. Also muss man sich etwas einfallen lassen, um dieses Politszenario in Schwung zu bringen. Man kann satirisch werden, man kann das Zeit-Raum-Kontinuum aufspalten und lustvoll montieren (so machte es beispielsweise die zu-Guttenberg-Farce „Der Minister“), man kann vieles machen… Nur nicht einen solchen halbherzigen Genre-Zwitter auf den Zuschauer loslassen, der weder die Tragödie der deutschen Politik(verdrossenheit) hinreichend spiegelt noch als Situationskomödie (einer Amnesie) wirklich Spaß macht. Erst als die Kanzlerin Haltung beweist, erfährt der Film die notwendige Zuspitzung. Jetzt macht er das, was Hollywood von der ersten Minute an machen würde. Das ist nicht innovativ. Aber wenigstens unterhaltsam – noch dazu, weil man Ingrid Berben, Ulrich Noethen und Thomas Thieme im Cast hat. Und ein angedeuteter Schluss-Clou sorgt für eine Lösung, die zumindest im Abgang einen Hauch von Sophisticated Comedy hinterlässt.

