• Kino-Koproduktion „Vom Atmen unter Wasser“

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      Auf einen Blick: Kinokult & Filmgeschichte im Mai. 60 Spielfilmtipps

      Foto: SWR / Felix Cramer

      Ein extrem guter Fiktion-Monat. Mai-Highlights auf einen Blick

      Arte, 21.05.2012, 01:55 Uhr - Wiederholung
      Bewertung: 4,5 von 6

      "Debüt im Dritten": 90 Minuten Trauerarbeit mit Andrea Sawatzki & Adrian Topol

      Rainer Tittelbach
      Als Simon sieben war, wollte er seine Schwester für immer loswerden. 14 Jahre später wurden seine Wunschvorstellungen von der Realität brutal eingeholt. Nach einer Party wurde Sarah ermordet. Ein knappes Jahr später setzt die Handlung ein: die Mutter ist suizidgefährdet, der Sohn versucht, ihr zu helfen... Schauspielerfilm, der an die Schmerzgrenze geht.

      Sawatzki
      Foto: SWR

      Nach dem Tod der Tochter hat die Mutter den Lebensmut verloren. Andrea Sawatzki

      „Ich war vier Jahre lang Einzelkind – dann kam Sarah und für meine Eltern wurde ich mit einem Schlag unsichtbar“, erzählt Simon Bergmann im Intro von Winfried Oelsners Debütfilm „Vom Atmen unter Wasser“. Als er sieben war, wollte er seine Schwester für immer loswerden. Er setzte sie in einen Bus. Doch eine Stunde später war sie wieder da. 14 Jahre später wurden seine Wunschvorstellungen von der Realität brutal eingeholt. Nach einer Party wurde Sarah ermordet. Ein knappes Jahr später setzt die Handlung ein. Anne Bergmann möchte ihrem Leben am liebsten ein Ende setzen. Ihr Sohn Simon versucht alles, sie aus dem Teufelskreis von Trauer und Verlassensein herauszuholen. Die Mutter hat nie von der Tochter Abschied nehmen können. Mit Hilfe ihres Sohns versucht sie es nun. Es ist ein steiniger Weg.

      Winfried Oelsner, Absolvent der Filmakademie Ludwigsburg, hat sich nach zwei Selbstläufern, dem Event-Movie „Tsunami“ und dem Dokumentarfilm „Projekt Gold – Eine deutsche Handball-WM“, einem schweren Stoff angenommen. 90 Minuten Trauerarbeit. Der 36-jährige Regisseur wollte zeigen, „wie Menschen in einer solchen Situation auf sich selbst zurückgeworfen werden, wie sie aneinander vorbeieilen, sich Nischen und Fluchtwege suchen“. Jeder geht anders mit dem Verlust um: die Mutter reagiert vornehmlich aggressiv, der Vater sucht die Nähe einer anderen Frau und der Sohn arbeitet die Schuld ab, die er schon als Kind auf sich geladen hat, indem er die Schwester aus seinem Leben verbannen wollte. Das, was er jahrelang ersehnt hat, wird nun Wirklichkeit: er und seine Mutter kommen sich nahe. Dafür stört jetzt der Vater und Ehemann jenes symbiotische Gleichgewicht.

      Sawatzki & Topol
      Foto: SWR

      In ihrem Leid sucht die Mutter (Andrea Sawatzki) Hilfe beim Sohn (Adrian Topol).

      Die Drehbuchautorin Lisa-Marie Dickreiter scheut keine Konfliktlage. In ausschnitthaften Szenen und präzisen Dialogen zeigt sie den Niedergang einer Familie – ohne Schuldzuweisungen, ohne moralische Verurteilungen, ohne einfache Lösungen. Entsprechend nimmt Regisseur Oelsner in Augenschein, was die Protagonisten umtreibt. Die Kamera geht nah ran und bleibt doch auf Distanz zum bewegenden Geschehen. Die Schauspieler entäußern ihre Empfindungen, den Kummer, die Verzweiflung, die Ratlosigkeit, auf eine Art und Weise, die einem beim Zusehen Schmerzen bereitet und die zugleich fasziniert.

      Andrea Sawatzki ins Gesicht zu schauen, sich von ihren Blicken durchbohren zu lassen oder ein kurzes Lächeln zu erhaschen, ihren oftmals kalt dahingesagten Worten zu lauschen – das allein erzählt eine eigene Geschichte. Adrian Topol ist der wärmende, identifikationsstiftende Gegenpart, der dem Zuschauer den Film „erträglich“ macht. Sensibel und mit großer Beiläufigkeit spielt der herausragende 27-jährige Jungdarsteller den Familienretter, der in dieser Ausnahmesituation als Einziger in der Lage ist zu geben. Thorsten Merten und Paula Kalenberg passen sich mit ihrer zurückgenommenen Spielweise nahtlos ein in das Mutter/Sohn-Szenario. „Vom Atmen unter Wasser“ (Trailer) ist ein großartiger kleiner Film, der es dem Zuschauer nicht leicht macht. (Text-Stand: 17.4.2009)

      Topol & Merten
      Foto: SWR

      Die Last wird für den Sohn (Adrian Topol) unerträglich, als sich der Vater (Thorsten Merten) aus der Familie ausklinkt. Schmerzliche Eskalation auch für den Zuschauer


      „Vom Atmen unter Wasser“
      SWF, Arte / Kino-Koproduktion / Drama
      EA: 17.4.2009, 21 Uhr (Arte)
      Mit Andrea Sawatzki, Adrian Topol, Thorsten Merten, Paula Kalenberg, Susanne-Marie Wrage und Gitta Schweighöfer
      Drehbuch: Lisa-Marie Dickreiter
      Regie: Winfried Oelsner
      Kamera: Felix Cramer
      Produktionsfirma: avindependents Film



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