Reihenkrimis sind immer dann besonders fesselnd, wenn die Ermittler ihre Komfortzone verlassen müssen, weil sie selbst betroffen sind. Davon hat auch „Der steinerne Gast“ (2018) profitiert, die dritte Episode der Degeto-Reihe „Wolfsland“ aus dem sächsischen Görlitz, als Kommissarin Viola Delbrück (Yvonne Catterfeld) von ihrem irren Ex-Mann heimgesucht wurde. Das allein war schon ziemlich packend, aber das Autorenduo Sönke Lars Neuwöhner und Sven S. Poser, das bislang alle Drehbücher der Reihe geschrieben hat, verknüpfte diese horizontale Erzählung geschickt mit einem vermeintlich gelösten Raubmord, der wieder aufgerollt werden musste. Der vierte Film, „Irrlichter“, konnte dieses Niveau jedoch nicht halten. Für den neuen Doppelpack gilt exakt das gleiche: Der erste Film, „Das heilige Grab“, ist ein über 90 Minuten lang spannender Thriller, der zweite, „Heimsuchung“, fällt dagegen deutlich ab, obwohl die Beziehung zwischen der Polizistin und ihrem Ex-Mann wieder aufgegriffen wird. Der Prozess gegen Björn Delbrück (Johannes Zirner) sorgt zwar dafür, dass Viola aus der Spur gerät, ist im Rahmen der Geschichte jedoch nur eine Randerscheinung.
Die Sterne-Vergabe: „Das heilige Grab“: 4 Sterne / „Heimsuchung“: 3 Sterne
Foto: MDR / Steffen Junghans
Auch deshalb ist „Das heilige Grab“ ein völlig anderer Film, denn diesmal ist Burkhard „Butsch“ Schulz (Götz Schubert) betroffen: Ein religiöser Eiferer hat seine Tochter Emmy (Anna Bachmann) und deren Freundin (Luise Befort) entführt. Es ist nichts Persönliches: Lutz Büttner ist vor 17 Jahren bei einem Unglück in einem Steinbruch wie durch ein Wunder davongekommen und leidet seither wie so viele Überlebende von Katastrophen an Schuldgefühlen. Er ist überzeugt, höhere Mächte hätten ihn damals bestraft, indem sie seine kleine Tochter im Kindsbett sterben ließen; sie wäre heute exakt so alt wie Emmy. Er hält Butschs Tochter für einen gottgesandten Engel, den er opfern soll, damit sein Kind wiederaufersteht. Christen werden Peter Schneiders Verkörperung dieses Mannes allerdings mit gemischten Gefühlen verfolgen. Seine Dialoge bestehen größtenteils aus Bibelversen und Gebeten, was in Kombination mit den diversen Komponenten filmischen Wahnsinns äußerst befremdlich wirkt. Trotzdem entwickelt der Film dank der gekonnten Inszenierung durch Francis Meletzky exakt den Sog, von dem jeder Thriller lebt, zumal Götz Schubert seine Rolle diesmal mit großer Energie füllt und die Angst des Vaters um seine Tochter absolut glaubwürdig vermittelt. Gegen Ende, als der Polizist Büttner mit Gewalt zwingen will, Emmys Versteck zu verraten, bewegt sich auch Butsch am Rand des Wahns. Reizvoll ist zudem der Kontrast innerhalb dieser Figur, denn bislang war Schulz, der alle und jeden duzt, stets ein etwas schluffiger Typ, immer cool und lässig; jetzt verliert er völlig die Fassung.
Angesichts von Büttners heiligem Eifer und Butschs zunehmender physischer und psychischer Entgleisung müssten die komödiantischen Momente eigentlich völlig deplatziert wirken, doch Meletzky hat die entsprechenden Szenen harmonisch in die Handlung eingebettet. Recht amüsant sind zum Beispiel die Auftritte von Ramona Kunze-Libnow als eifrige Nonne. Aufgeregt bittet Schwester Helma den Kommissar mit dem „Aschenputtel“-Zitat „Blut ist im Schuh“ um Hilfe, nachdem sie Emmys Schuh gefunden hat; der zu diesem Zeitpunkt noch sehr entspannte Ermittler bemüht sich vergeblich, ihren Elan zu bremsen („Ihr guckt zu viele Krimis in eurem Kloster“). Eine große Freude sind auch die Dialoge des in der vierten Episode eingeführten und etwas wunderlich wirkenden Dienststellenleiters (Stephan Grossmann), der um sein von der Sonne dahingerafftes Ameisenvolk trauert und schwermütige Weisheiten beisteuert („Hoffnung ist ein gutes Frühstück, aber ein schlechtes Abendbrot“).
Foto: MDR / Steffen Junghans
Zu Meletzkys besten Filmen gehört nach wie vor ein ausgezeichneter Doppel-„Tatort“ über Zwangsprostitution („Wegwerfmächen“/„Das goldene Band“, NDR, 2012); ihr Zweiteiler „Aenne Burda“ (SWR, 2018) war ein grundsolides Biopic. Die „Lotte Jäger“-Filme (ZDF, 2016/18) mit Silke Bodenbender als Spezialistin für „kalte Fälle“ waren sehenswerte, stille Krimis. Bei ihrer ersten „Wolfsland“-Arbeit zieht sie dagegen alle Thriller-Register, zumal Andreas Weidingers elektronische Musik, clevere Parallelmontagen und die geschickt integrierten Rückblenden für permanente Spannung sorgen. Umso erstaunlicher, dass „Heimsuchung“ weit weniger überzeugt, obwohl das Team hinter der Kamera fast das gleiche war. Neuwöhner und Poser erzählen hier eine deutlich kompliziertere Geschichte. Der Film besitzt einen Prolog, der sich erst viel später als Rückblende entpuppt: Ein kleines Mädchen wird von seinem Vater im nächtlichen Wald zurückgelassen; später wird es erzählen, er sei von einem Wolf gefressen worden. Die Kleine trägt eine rote Mütze; ein weiteres Märchenzitat.
Welchen Bezug das Kind im Wald zum aktuellen Fall hat, lassen die Autoren lange offen. Es geht um eine zunächst verschwundene und später erschlagen aufgefundene Frau. Die noch unter dem Eindruck des Prozesses gegen ihren furchtbaren Ex stehende Kommissarin ist überzeugt, der Witwer, Bodo Tauchert (Christian Kuchenbuch), habe seine Frau ermordet, aber der wird selbst von bösen Geistern heimgesucht. Die Lösung für das Rätsel findet sich in den Jahren kurz vor der „Wende“, als Butsch noch ein junger Mann war. Dessen Sturm-und-Drang-Periode hat zwar nichts mit dem Fall zu tun, aber seine entsprechenden Erinnerungen sind eine sympathische Abwechslung, zumal die damalige Leidenschaft für seine Jugendliebe (Sabine Vitua) neu entflammt. Kollegin Delbrück geistert derweil als schwarz gekleideter düsterer Engel durch die Handlung; selbst ihre Haare wirken dunkler. Zu Beginn sagt Björn im Gericht sinngemäß, sie habe genauso eine finstere Seele wie er selbst, und fortan tut die schockierte Kommissarin alles, um dies zu bestätigen, wobei Yvonne Catterfeld gerade bei den Vernehmungen von Tauchert mimisch und akustisch ein paar Mal übers Ziel hinausschießt. Eine deutliche Qualitätsdifferenz zwischen den beiden Filmen gibt es auch bei der Bildgestaltung. Hier findet sich der einzige Unterschied in den Gewerken: Das Licht, das Eeva Fleig für „Das heilige Grab“ gerade bei den Innenaufnahmen gesetzt hat, ist pure Kunst. „Heimsuchung“ ist dagegen ein durchschnittlicher TV-Krimi, selbst wenn sich Weidingers Musik redlich um Mystery-Atmosphäre bemüht. Die vermittelte Erkenntnis, dass „Seelenklempner“ selbst „einen an der Klatsche“ haben, ist ohnehin ziemlich abgedroschen.